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Kultur Festivalsaison: So haben sich Musikfestivals seit Woodstock professionalisiert
Nachrichten Kultur Festivalsaison: So haben sich Musikfestivals seit Woodstock professionalisiert
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17:26 23.06.2019
Sommer, Sonne, Festival: Heute differenziert sich der Markt für Musikfestivals aus. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Berlin

Vor präzise 50 Jahren hat uns Woodstock nachgewiesen, wie viel Politik im Pop steckt – und wie viel Regen vom Himmel fallen kann. Seither wissen wir, dass sogar Wiesen voller Matsch ein Festival nicht daran hindern können, mit jedem Jahr ein bisschen glänzender und mythischer in die Geschichtsbücher zu rutschen. Wenn wir etwas aus Woodstock lernen können, glaubt Stephan Thanscheidt, ist es dieser nahezu egalitäre, fast romantische Satz: „Vor der Bühne sind wir alle gleich!“ Warum? „ Woodstock hat essenziell erlebbar gemacht, dass Musik die Menschen verbindet, und es wurde deutlich, welche ungeheure Kraft in ihr steckt.“

Thanscheidt, 41 Jahre alt, schaut nicht nur emotional auf Woodstock, sondern mit dem unverstellten Blick eines Betriebswirtschaftlers. Denn er arbeitet als Geschäftsführer und „Head of Festival Booking“ bei FKP Scorpio, einem der größten europäischen Konzert- und Festivalveranstalter mit Sitz in Hamburg. Auch in Woodstock merkten die Hippies bald, dass nicht alles in Vollversammlungen zu klären ist, sondern dass jemand irgendwann das „Go“ gibt, und dafür seinen Kopf hinhält. So jemand wie Thanscheidt zum Beispiel.

Festivals haben sich professionalisiert – trotzdem wollen Fans mitgestalten

Doch auch heute atmen Festivals den Geist der 60er, als Basisdemokratie ein schöner Traum war. Selbst bei „Rock Am Ring“, das jährlich von gut 80.000 Menschen am Nürburgring besucht wird und damit das wohl populärste Festival in Deutschland ist. Im vergangenen Jahr haben Fans einen offenen Brief an den Veranstalter Marek Lieberberg geschrieben, in dem sie darauf hinweisen, dass der „Ring“ letzthin „zu kommerziell“ geworden sei. Treue Gäste würden bei der Bandauswahl nicht eingebunden – vor allem wurde beklagt, dass ein Besuchsverbot zwischen den Campingarealen gelte: „Sollte der Kerngedanke eines Festivals nicht sein, dass 80.000 Menschen, vom Maurer bis zum Professor, vom eitlen Banker bis zum linken Studenten in den verrücktesten Konstellationen zusammenkommen und das feiern, was sie verbindet?“

Mehr zum Thema: Festival-Packliste: Was darf bei der Festivalplanung nicht fehlen?

Die Erwartungen der Fans an diese Parties steigen, weil deren Stellenwert in einer Welt wächst, die politisch unübersichtlich wirkt und beruflich immer mehr vom Leistungsdruck geprägt ist. „Festivals sind eine Ausnahmeerfahrung, denn sie bieten Zerstreuung, Unterhaltung sowie hochemotionale Momente, die man in Schule, Studium oder Job eben nicht so einfach findet“, sagt Stephan Thanscheidt. Der Markt werde sich ausdifferenzieren, weil die Ansprüche der Gäste sehr unterschiedlich seien. „Dementsprechend wird es mehr Konzepte für spezielle Zielgruppen geben, die neben den großen Festivals mit ihren hohen fünfstelligen Besucherzahlen ein besonderes Profil anbieten.“

Diese Festivals richten sich an einen Ü40-Publikum

Eine wichtige Gruppe, die umworben wird, sind „erwachsenere“ Musikfans, jene also, die um die 40 oder älter sind. Sebastian aus Berlin, 39 Jahre alt, sagt, „Zelten auf Festivals war nie mein Ding“, deshalb ist er bereits dreimal zum „Rolling Stones Beach“ am Weissenhäuser Strand gefahren, Ostsee, kurz vor Fehmarn. Das Festival wird von FKP Scorpio in Zusammenarbeit mit dem Musikmagazin „Rolling Stone“ veranstaltet. „Die in die Jahre gekommenen Unterkünfte sind super“, sagt Sebastian, und spricht den Punkt an, der in diesem Konzept zählt. „Die Wege sind kurz, das Festival findet komplett indoor statt, weil wir es im November veranstalten, und übernachtet wird im Hotelzimmer oder Apartment“, erklärt Thanscheidt. Geboten wird eine Auswahl an handverlesenen Acts aus den Bereichen Rock, Indie, Alternative, Folk und Americana.

Das „Rolling Stone Beach“ fand erstmals vor zehn Jahren statt und hatte damals Pioniercharakter in Deutschland. Rockfestivals in einer Ferienanlage gab es bis dato nicht, „dementsprechend es hat einige Jahre gedauert, bis das Festival beim Publikum angekommen war“, erzählt Thanscheidt. Mittlerweile ist es weit im voraus mit 4000 Tickets ausverkauft. Der Erfolg hatte die Veranstalter ermutigt, das Konzept im vergangenen Jahr nach Süddeutschland unter dem Titel „Rolling Stone Park“ zu übertragen – Bands, Philosophie und Veranstaltungsmonat sind dieselben, doch dieses Festival findet im Europa-Park Rust statt, zwischen Schwarzwald und französischer Grenze. Gleich im Auftaktjahr 2018 ist es mit dem „European Festival Award“ als „Best New Festival“ ausgezeichnet worden.

Heute geht es bei manchen Festivals komfortabler zu

Sebastian wird auch in diesem Jahr das „Beach“ besuchen, weil er den Musikgeschmack dort einerseits für „wertkonservativ“ hält, andererseits entdeckt er interessante Newcomer: „Musik ist für mich beides: Jung im Kopf bleiben durch neue Gigs, trotzdem zum zehnten Mal Wilco sehen, weil das von den neuen Bands am Ende eben doch nicht zu toppen ist“, er lacht.

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Mit Alben oder Streams lässt sich als Musiker inzwischen nicht mehr viel verdienen, darum ist die Bereitschaft der Bands gewachsen, auf Festivals zu spielen. Stephan Thanscheidt glaubt: „Festivals bieten den Vorteil, dass die Musiker vor einem großen Publikum auftreten können, das potenziell nicht zur engsten Fangemeinde zählt. Damit können sie ihre Bekanntheit steigern.“

Auch wenn der Geist von Woodstock weiterhin über fast jedem Festival hängt, ist klar, dass es heute „deutlich strukturierter und geordneter“ als damals zugeht, resümiert Thanscheidt. Und mitunter eben auch: komfortabler. Denn die Liebe zur lauten Musik hat die Jahrzehnte überlebt, doch die Bereitschaft zu Regen und Schlamm lässt irgendwann nach.

Von Lars Grote/RND

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