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Kultur Flötentag: Potsdam besinnt sich auf eine gute Tradition
Nachrichten Kultur Flötentag: Potsdam besinnt sich auf eine gute Tradition
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01:16 14.06.2019
Der New Yorker Flötist Robert Dick spielte in der Friedenskirche Potsdam. Quelle: Malcolm Pollock
Potsdam

So viel Flöte in Potsdam war lange nicht. Seitdem Friedrich der Große mit Johann Joachim Quantz auf der Traversflöte musiziert hat (seine Lehrbücher sind noch heute in Gebrauch), ist viel Wasser die Havel runtergeflossen. Im 19. Jahrhundert wurde die Böhm-Flöte mit dem Klappensystem erfunden. Im 20. Jahrhundert wurden die Harmonien erweitert. Und es setzte auch eine Rückbesinnung auf das Klangideal vormoderner Flöten ein.

Dorothee Oberlinger bei der Eröffnung Musikfestspiele im Nikolaikirche. Quelle: Varvara Smirnova

Aus dieser Bewegung ging Dorothee Oberlinger hervor, die neue Intendantin der Potsdamer Musikfestspiele. Und so war es nur konsequent, dass sie den Pfingstmontag zum Tag der Flöte erklärte. Sieben Veranstaltungen standen von früh 9 Uhr bis kurz vor Mitternacht auf dem Programm. Erstaunlich: die Typen- und Materialvielfalt der Blasrohre und ihre mannigfaltige Handhabung, um verschiedenste Sounds, Stile und Klangbilder zu kreieren.

Exotische Flöten aus der Renaissancezeit

Gesetzter Höhepunkt war der Auftritt des elfköpfigen Orchesters The Royal Wind Music in der Friedenskirche. Die exotischen Holzblasinstrumente aus der Renaissancezeit wurden im Altarraum wie Orgelpfeifen präsentiert. Ihr warmer, mit höchster Präzision abgestimmter Zusammenklang erinnerte dann in der Tat auch an eine Orgel. Bis der Basston in einem drei Meter langen Holzrohr anspricht, bedarf es nicht nur viel Puste, sondern auch eines meisterlichen Timings. So waren es vor allem Stücke mit einem getragenen Grundrhythmus, auf denen dann die kleineren Flöten ihre hohe Flexibilität entfalten konnten.

The Royal Wind Music in der Friedenskirche Potsdam Sanssouci. Quelle: Karim Saab

Als Kontrast und zum krönenden Abschluss gab es eine Uraufführung von Adriaan Willaert und Jelle Verstraten. Gemeinsam mit 40 Flötenschülern der städtischen Musikschule wurde das Klangspektrum noch einmal interessant erweitert. Dabei durften die Kinder auch einmal unkonventionell in die Fingerlöcher blasen und staunten nicht schlecht über das Erlebnis.

Robert Dick mit einer Bass-Querflöte. Quelle: promo

Wie sehr sich eine Böhmflöte auch als Forschungs- und Experimentierinstrument eignet, stellte in einer Nachtvorstellung der Avantgardist Robert Dick unter Beweis. Wegen seiner Virtuosität wird er gerne als „Jimi Hendrix der Flöte“ bezeichnet, was aber irreführend ist, da er sich nicht auf Blues- oder Jazzmuster bezieht. Vielmehr geht es ihm darum, unerhörte Zwischentöne, Klangspektren und Mehrstimmigkeiten zu erzeugen. In dem mystisch ausgeleuchteten Altarraum der Friedenskirche präsentierte der 69-Jährige seine Errungenschaften wie ein stolzer kleiner Junge. Jeder weiß um die Faszination, wie kosmisch und tiefgründig es klingen kann, wenn man in ein Fass bläst. Doch irgendwie verwächst sich dieser Spieltrieb. Robert Dick hat ihn sich erhalten und bezieht seine Ergebnisse gern auf die Weiten des Weltalls. Da der eigens aus New York angereiste Musiker die Zirkularatmung beherrscht, kommt der Zuhörer aus dem Staunen nicht heraus. Manchmal hat es den Eindruck, Robert Dick ziehe die Luft aus der Flöte. Seine Kompositionen tragen konkrete Titel. Wenn etwa von Flammen die Rede ist, sieht man regelrecht, wie sich ein Feuer aggressiv vorarbeitet. Den Sound formt er mit der Zunge, durch Zwerchfellstöße, feinste Luftgespinste und perkussive Klappengeräusche.

Am Nachmittag musizierte Dorothee Oberlinger mit Laurence Cummings im Palmensaal im Neuen Garten. Quelle: Carsten Hinrichs

Leider blieb sein „Nachtrecital“ etwas für Eingeweihte, denn es war nicht sonderlich gut besucht. Doch die anderen Flötenveranstaltungen erfreuten sich großen Zuspruchs. Dass Intendantin Oberlinger an diesem besonderen Tag selbst als Professorin und als Künstlerin zwei Veranstaltung bestritt, verdient höchsten Respekt. Zumal ihr Konzert „Händel & Co.“ am Nachmittag mit Laurence Cummings am Cembalo im Palmsaal im Neuen Garten wieder absolut mitreißend war. Die weltweit gefeierte Virtuosin schafft es, nicht routiniert zu wirken, sondern beseelt und risikofreudig. Ihr unmittelbarer Zugriff auf Kompositionen von Purcell oder Corelli wirkt modern und zeitgemäß. Bezeichnenderweise trat sie auch nicht in einem historischen Kostüm auf, sondern in einem schicken schwarzen Hosenanzug.

Wie die Königin von Frankreich

Am Vormittag, als es darum ging, gemeinsam mit zwei anderen Flötisten drei Studenten in einem öffentlichen Vorspiel gute Ratschläge zu erteilen, hatte sie auch die Hosen an. Alle Zuschauerplätze im Probensaal des Nikolaisaals waren besetzt, als einzelne Phrasen unter die Lupe genommen wurden. Es wurde auch die Grundhaltung bei den Schülern hinterfragt. „Ich weiß nicht, was Du ausdrücken willst. Was ist Deine Grundemotion?“, hieß es. Oder: „Fühl Dich doch einfach mal wie die Königin von Frankreich!“ Dorothee Oberlinger, selbst Mutter eines sechsjährigen Sohnes, gab auch mal den guten Ratschlag, bei einer musikalischen Wendung sich einen Text dazu zu denken: „Ich komme zu Dir, mein Kind“. Manchmal half es den Interpreten auch, die Stücke doppelt oder halb so schnell zu spielen oder den Backbeat zu zählen.

Von Karim Saab

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