Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur „Der Begriff Heimatdichter war Marketing“
Nachrichten Kultur „Der Begriff Heimatdichter war Marketing“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 26.02.2019
Fontane-Biograf Hans-Dieter Rutsch Quelle: Privat
Potsdam

Fontane-Biograf Rutsch preist die Vorzüge von Theodor Fontane.

Herr Rutsch, wie stand Fontane zu seiner Heimat Brandenburg, ist er wirklich der „Dichter der Mark“?

Hans-Dieter Rutsch: Der Begriff „Heimatdichter der Mark Brandenburg“ war vor allem eine Marketingstrategie von seinem Sohn Friedrich. Fontanes Romane erschienen als Fortsetzung in Zeitungen, dort wurden sie durchaus gelesen. Doch als Buch verkauften sie sich nicht so toll. Also hat Friedrich überlegt, wie er den Vater besser bewerben kann. In Berlin standen genügend Denkmäler. Er brauchte ein Alleinstellungsmerkmal, das fand er im Geburtsort Neuruppin. Daraus entstand das Etikett „Dichter der Mark“. Aus heutiger Sicht ist dieses Label viel zu klein.

Zur Person

Hans-Dieter Rutsch, geboren 1954, arbeitete als Dramaturg, Autor und Regisseur beim Defa-Studio für Dokumentarfilme in Potsdam-Babelsberg. Er realisierte über 50 Dokumentationen und Reportagen.

Rutsch lebt in Grabow (Potsdam-Mittelmark).

Hans-Dieter Rutsch: Der Wanderer – Das Leben des Theodor Fontane. Rowohlt Berlin, 333 Seiten, 26 Euro.

Wie würden Sie Fontanes Blick auf Brandenburg umschreiben?

Der Blick ist ausgesprochen liebevoll, man findet nur ein paar Ausnahmen. Doch für seine Geburtsstadt Neuruppin hat er nicht viel übrig, weil er dort eine schwierige Kindheit erlebt hat. Die Ehe der Eltern ist gescheitert. Er spürte, die Mutter ist nervlich am Rand. Sie hat ihn lieber einmal zu oft als einmal zu wenig geschlagen. Es fiel ihr schwer, ihm Zuneigung zu zeigen.

Über die Märker konnte er auch grantig formulieren.

Ich glaube, das ist eine Verwechslung der Perspektiven. Erst in seinen letzten Wandertexten kommt ihm Spott aus der Feder. Die zielt eindeutig darauf ab, dass in dieser Landschaft so klein gedacht wurde. Dieses verkrautete Kleingeldverdienen war ihm in dieser Phase seines Lebens zuwider. Was er an den Märkern kritisierte, ist das, was wir heute an den Heimatforschern aussetzen: Sie streiten sich über die Farbe der Haustür und ob es das zweite oder dritte Haus von links war. Aber sie reden nicht über die geistigen Dimensionen. Doch Fontane hat immer nach dieser Größe gesucht.

Der „Stechlin“ ist mathematisch aufgebaut

Ist Fontane eher ein akademischer oder lebensnaher Schriftsteller?

Er hat immer menschliche Geschichten erzählt. Ich habe zu Anfang nicht gespürt, dass sie philosophisch konstruiert und durchdacht sind. Irgendwann begriff ich, dass sogar „Der Stechlin“ mathematisch aufgebaut ist. Ein großes Puzzle, Fontane hat über jedes Teilchen den Überblick behalten.

Nicht jeder findet Fontane heute noch aktuell.

Ich bin mir nicht sicher, ob etwas aktuell sein muss, um es gerne zu lesen. Man kann auch immer wieder mit Gewinn zur Bibel greifen. Wir wollen etwas Gültiges oder Schönes darin finden. Der realistische Blick hat mich bei Fontane fasziniert, er wirkt wie ein Dokumentarfilmer. Mit zwei, drei Sätzen konnte er ein Haus präzise beschreiben – Donnerwetter! Und seine Figuren: Vor allem starke Frauen. Es gibt Konflikte. Aber nicht so drastisch wie bei Shakespeare, wo es in Mord und Totschlag endet. Fontane lässt jeder Figur ihren Platz. Sie lassen sich nicht einfach in Gut und Böse unterscheiden.

Ist er vor allem ein Autor für Leserinnen?

Er kommt bei Frauen offenbar noch besser als bei Männern an. Das ganze Werk Fontanes ist ja ein Attentat auf die Moral des Kaiserreichs: Auf das verlogene Patriarchat. Das berührt uns heute außerordentlich. Das maskuline Gehabe ist uns zuwider, etwa ein Unteroffizier, der sich im Kaiserreich als Sklavenhalter gegenüber seiner Frau aufspielen konnte.

War Fontane privat ein angenehmer Mensch, oder hat er all seine Menschenliebe für die Bücher reserviert?

Er konnte sehr umgänglich sein, aber eben auch ein Ekel. Bei den Schauspielern war vor allem der Theaterkritiker Fontane verrufen. Doch was er dort geschrieben hat, ist toll. Seine Texte haben überlebt, obwohl er nie studiert hat. Wenn die Arbeit getan war, konnte er sehr gesellig sein. Doch es gab auch schwere Zerwürfnisse unter Freunden, zum Beispiel mit dem Schriftsteller Theodor Storm.

Etappe zwischen Goethe und Thomas Mann

Was fasziniert Sie heute noch an diesem Autor?

Ich habe Fontane mein Leben lang gelesen. Seine Ausgaben habe ich mir als Student gekauft, die anderen fragten: „So viel Geld gibst du dafür aus? Den kannst du dir doch in der Bibliothek ausleihen.“ Fontane hat mich nie enttäuscht. Er kam mir nahe, aber nicht so drastisch wie „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger oder „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse. Bei denen ist man ja fast in Ohnmacht gefallen. Für mich ist Fontane in Deutschland die gedankliche Etappe zwischen Goethe und Thomas Mann.

Verraten Sie uns Ihr Lieblingsbuch von Fontane!

Am meisten hänge ich am „Stechlin“. Ein komplett erfundenes Schloss, über das er mit biblischer Kraft geschrieben hat. Doch auch beim Schicksal der „Effi Briest“, die das Glück gesucht hat, bekomme ich immer noch Gänsehaut.

Von Lars Grote

Wie nahe stand der Dichter Theodor Fontane seiner Heimat Brandenburg? Er hat sie durchwandert, er hat sie geliebt – ihr aber auch die Leviten gelesen. Eine Spurensuche im Werk des Neuruppiners.

26.02.2019

Was interessieren uns die Inuit aus Grönland? Und geht es gut, wenn ein Schauspieler sieben Rollen spielt?

25.02.2019
Kultur Österreichische Sopranistin - Hilde Zadek stirbt im Alter von 101 Jahren

Die österreichische Kammersängerin Hilde Zadek ist gestorben: In ihrer Karriere hat die Sopranistin in großen Opernhäusern gesungen, vor allem als Aida und Tosca brillierte sie.

22.02.2019