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Kultur Saša Stanišić schreibt Fortsetzung seines Brandenburg-Romans – als Abiprüfung
Nachrichten Kultur Saša Stanišić schreibt Fortsetzung seines Brandenburg-Romans – als Abiprüfung
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23:24 27.06.2019
Der deutsch-bosnische Autor Saša Stanišić wurde vor fünf Jahren für dieses Buch mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Heute ist es Prüfungsstoff. Quelle: dpa
Potsdam

„Freunde! Ich hab im Deutsch-Abi 13 Punkte geholt! ,Vor dem Fest‘ ist in Hamburg Abi-Lektüre, also schrieb ich mit. Das Ganze unter Pseudonym: Elisabeth von Bruck!“, twitterte der 41-jährige Romancier Saša Stanišić am 25. Juni. Sein Roman „Vor dem Fest“ erschien vor fünf Jahren, spielt in der Uckermark und wurde 2014 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Zeitgenössische Autoren sind immer sehr stolz, wenn sie zum Schulstoff erkoren werden. Im Land Brandenburg kann ihnen das aber nicht passieren. Hier steht nur Prosa auf dem Lehrplan, die älter als einhundert Jahre ist. Bildung ist bekanntlich Ländersache, weshalb es keine deutschlandweiten Leseempfehlungen für Gymnasien gibt. Doch andere Bundesländer, andere Sitten. In Hamburg schaffen es auch Gegenwartsromane in den Lehrplan.

Ein DDR-Roman in Baden Württemberg

So hatte die Potsdamerin Autorin Grit Poppe in Baden-Württemberg ihren großen Durchbruch. Das Kultusministerium in Stuttgart empfahl nämlich, ihren Jugendroman „Weggesperrt“ für die Klassenstufen 9 und 10. Das Buch wurde prompt zum Best- und Longseller.

Es handelt von Erlebnissen eines 14-jährigen Mädchens, das in einem DDR-Jugendwerkhof zu einer „sozialistischen Persönlichkeit“ geformt werden soll. Grit Poppe wurde oft zu Lesungen in den Südwesten der Republik eingeladen und ist dort wahrscheinlich bekannter als in Brandenburg oder der ehemaligen DDR.

In die Prüfung hineingeschmuggelt

Auch Stanišić dürfte Hamburger Jugendlichen heute eher ein Begriff sein als Gymnasiasten in der Uckermark. Der gebürtige Bosnier wurde oft von Hamburger Schulen zu Lesungen und Gesprächen eingeladen. Doch wie ist es ihm gelungen, sich in die fünfstündige Prüfung hineinzuschmuggeln?

Es sei alles sehr kompliziert gewesen und ohne Hilfe von „innen“ gar nicht möglich, formuliert er nebulös. Unter einem Vorwand wurde seine Arbeit von einer Klassenlehrerin an eine Zweitgutachterin gegeben, die eine neutrale Bewertung verfassen musste.

Frau Schwermuth im Publikum

Natürlich ging es darum, den Roman zu reflektieren und einzuordnen. Aber eine Teilaufgabe war so formuliert, dass die Schüler ein neues Kapitel für „Vor dem Fest“ Roman schreiben sollten. Schließlich erzählt das Buch keine schlüssige Geschichte, sondern präsentiert ein Panoptikum schriller Typen und Lebensgeschichten, die sich in dem fiktiven Dorf Fürstenfelde treffen.

Stanišić hatte vier Jahre in dem realen Dorf Fürstenwerder recherchiert. Am Samstag vor zwei Wochen kehrte sein Buch an den Ursprungsort zurück, denn in dem Dorf an der Grenze zu Mecklenburg/Vorpommern wurde „Vor dem Fest“ als Theaterstück aufgeführt und Romanfiguren wie Frau Schwermuth, Anna, Lada und Herr Hirtentäschel saßen im Publikum.

13 von 15 Punkten

Wie würde Autor Stanišić, der in Hamburg unter einem weiblichen, adligen Pseudonym schrieb, bei den Deutschlehrern abschneiden? Er selbst twitterte dazu: „Alles unter 15 Punkte hätte mich von mir sehr enttäuscht.“

Er bekam nur 13 Punkte, was aber immer noch eine Eins ist. Und die Lehrerin schrieb ein Kompliment unter das Fortsetzungskapitel, das er nun vielleicht sogar veröffentlichen möchte: „Fans von Stanišić wird die Gestaltung des Kapitels ein Lächeln ins Gesicht zaubern!"

Über die Lehrerin twitterte der Autor „Ein großes Kompliment für sie, die eine sieben(!)seite Bewertung der Arbeit verfasst hat, sehr klug auf die Schwächen eingegangen ist und fantastisches Lob parat hatte, etwa: ,Die Schülerin nutzt den Konjunktiv.‘“ Dass er nicht die maximalen 15 Punkte erreichte, lässt sich vielleicht auch damit erklären, dass viele gute Autoren aus dem Bauch heraus schreiben und oft gar nicht reflektieren können, was ihnen da genau gelingt.

Zwölf Punkte für Goethe

Saša Stanišić, der erst als 14-Jähriger nach Deutschland kam und dessen großes Talent von seinem Deutschlehrer erkannt wurde, legte 1997 seine Abiturprüfung in Heidelberg ab. Damals bekam er 12 Punkte für seinen Prüfungsaufsatz über Gothes „Novelle“.

„Fand Goethe übrigens leichter als Stanišić, da es bei Goethe ja immer nur darum geht, die Sekundärliteratur so umzuschreiben, dass es den Lehrern nicht arg auffällt. Bei Stanišić gibt es die so gut wie gar nicht, also muss man richtig selber nachdenken“, so sein Twitter-Kommentar.

Klassiker sind Prüfungsstoff

Dem Brandenburgischen Bildungsministerium sollte die Geschichte zu denken geben. Vielleicht sollten sich die Gymnasiasten heute auch mit Gegenwartsliteratur beschäftigen dürfen? Pressesprecher Ralph Kotsch bestätigt: „Es gibt keine zentrale Leseliste.“ Doch für das Schuljahr 2021/22 habe man erstmals mit dem Land Berlin abgestimmt, welche Bücher Prüfungsstoff sind: Schillers „Maria Stuart“ und Eichendorfs „Das Marmorbild“.

Und welche Schlüsse zieht Stanišić aus seinem Coup? Ging es ihm vielleicht nur um Werbung in eigener Sache? „Super Erfahrung alles in allem. Der Arm tat nach 5 Stunden & 22 Seiten höllisch weh (warum darf man eigentlich nicht mit Computer schreiben?), das eigene Buch erzähltheoretisch einzuordnen, ist kein Selbstläufer, und: Schulbehörden, traut euch, mehr Gegenwart zuzulassen.“

Zumindest das neue Kapitel könnte bald zum Unterrichtsinhalt werden: Einige Lehrer haben laut Stanišić schon bei ihm danach gefragt. „Ich bin gerade dabei, eine Möglichkeit zu finden, die Klausur den Lehrern zur Verfügung zu stellen“, sagt der Autor.

>> Lesen Sie dazu auch: Bestseller-Autor legt Abi-Prüfung über eigenes Buch ab

Von Karim Saab

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