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Kultur Helga Paris – sie porträtierte die DDR
Nachrichten Kultur Helga Paris – sie porträtierte die DDR
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20:38 16.11.2019
Helga Paris: Ramona, 1982. Quelle: Helga Paris. Quelle: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)
Berlin

Ramona schaut fragend in die Kamera. Ein bisschen wie fehl am Platz steht sie in ihrer Strickjacke und dem großkarierten Rock vor der schäbigen, bekritzelten Hauswand. Die Haare auf einer Seite hinters Ohr geklemmt. Die Hände unsicher aneinandergeklammert. Die Fotografin Helga Paris hat Ramona 1982 so hingestellt. Ein inszeniertes Bild – und trotzdem eines, das tief blicken lässt. Denn Ramonas Augen transportieren eine ergreifende Melancholie, als wollte sie sagen: Was mach ich hier eigentlich?

Es ist eine Melancholie, die vielen ins Gesicht geschrieben ist, die Helga Paris in den letzten Jahren der DDR porträtiert hat. Es sind Bilder, die eine Gesellschaft im Niedergang abbilden. Das Grau in Grau des real existierenden und irgendwann abdankenden Sozialismus, das Paris ohne großen technischen Aufwand auf schlichten Schwarz-weiß-Film gebannt hat. Und gleichzeitig zeigen die Bilder Menschen, die auf ihre Individualität bestehen. Ihre Gefühle und Stimmungen tragen diese Fotografien und durchbrechen somit den kollektiven Alltag.

Die Akademie der Künste in Berlin zeigt 275 Bilder der Fotografin Helga Paris. Eine kleine Auswahl.

Die Akademie der Künste in Berlin hat der großartigen Chronistin des DDR-Alltags eine große Retrospektive gewidmet. Insgesamt 275 Werke sind in den Ausstellungsräumen am Pariser Platz zu sehen. Von ersten Aufnahmen im Familienkreis und der Nachbarn in den 60er-Jahren über die Porträts und Alltagsszenen aus den 70er- und 80ern bis zu den späten Arbeiten am Alexanderplatz. 2007 schließlich hat Helga Paris die Kamera zur Seite gelegt.

Rund 200 000 Negative hat sie bis dahin belichtet. Sie hatte wohl alles gesehen, was ihr ein Foto wert war. Heute knipst sie nur noch für private Zwecke. Aber das Werk, das die 81-Jährige, die am Prenzlauer Berg in Berlin lebt, hinterlassen hat, ist überwältigend.

Statements persönlicher Größe

Mit dem Fotografieren begonnen hatte die 1938 in Pommerschen Gollnow geborene und in Zossen aufgewachsene Paris in den 60er-Jahren als Autodidaktin. Doch schon bald wurde ihr außergewöhnliches Talent erkannt, das Vertrauen ihres Gegenübers zu gewinnen. Die Leute ließen sich bereitwillig von ihr fotografieren – und brachten auf ihren Aufnahmen häufig eine kritische Distanz zu ihrem Dasein zum Ausdruck.

So wie zum Beispiel die Arbeiterinnen im Ost-Berliner Bekleidungswerk VEB Treffmodelle. Helga Paris hatte dort selbst während ihrer Ausbildung zur Modegestalterin in den 50er-Jahren ein Praktikum absolviert und kannte von daher den Laden. Sie setzte sich erst ein paar Tage mit an die Nähmaschine bevor ihre Kamera klickte.

Entstanden sind keine Bilder von der Produktion in Werkshallen oder klassenbewussten Proletarierinnen, sondern Porträts von Frauen in unterschiedlich gemusterten Kittelschürzen in der Arbeitspause. Rauchend, träumend, vor sich hinschauend. Ihre Blicke sind erschöpft und provozieren, resigniert und selbstgewiss, mal trotzig, mal ernüchtert. Jedes Bild ein Statement persönlicher Größe.

Die Bilder von Helga Paris sind eine Liebeserklärung an die Menschen. Sie schafft es, ganz nah ran zu gehen und die Gesichter sprechen zu lassen. Und sie hat ganz offensichtlich ein besonderes Sensorium für Stimmungen und Atmosphären. In Erinnerung an ihre Kindheit in Zossen schreibt sie: „Hinter der Scheune in der Sonne sitzen und an den Knien lecken, das roch gut.“

Nach 1989 kehrte sie an den Ort zurück, wo sich ihre Mutter nach dem Krieg mit dem Waschen und Bügeln der Uniformen der Sowjetsoldaten etwas dazuverdiente. Sie fotografiert die letzten Relikte der russischen Armee, Jungs in Badehosen am See, Ruinen, ein tanzendes Paar. Meist unscharfe Bilder, als ob dort wie im Nebel eine Vergangenheit wieder auftaucht. „Erinnerungen an Z.“ hat sie die Serie genannt.

Selbstporträts aus den 80ern

Stilistisch sind sie ein Bruch zu den Fotos vor 1989. Auch die Porträts der Wendezeit sind anders – wieder ganz anders. In der Serie „Hellersdorf“ arbeitet sie 1998 mit harten Kontrasten. Die Gesichter springen fast aus dem Bilderrahmen. Aber sie transportieren genauso wie die Serie mit Berliner Jugendlichen von 1981/82 eine ungeheuere Sinnlichkeit.

Der später als Fotograf und Türsteher des Berliner Berghain bekannte Sven Marquardt steht da, etwas pummelig mit Irokesenschnitt, und verweigert den Blick in die Kamera. Einige der Kids starren ins Objektiv und schleudern Paris ihr No-Future-Empfinden entgegen, andere zweifeln, sind nachdenklich oder zeigen offen ihre Unsicherheit. Paris zeigt diese jungen Menschen in ihrer ganzen Zerbrechlichkeit.

Helga Paris, Fotografin

Helga Paris wurde 1938 in Gollnow geboren, wuchs in Zossen auf und lebt seit 50 Jahren in Berlin-Prenzlauer Berg.

Nach dem Studium der Modegestaltung in den 50er-Jahren begann sie 1964 zu fotografieren.

Ihre Bilder über den Alltag in der DDR dokumentieren den langsamen Verfall einer Gesellschaft. Eine 1986 geplant Ausstellung „Häuser und Gesichter“ über Halle Mitte der 80er-Jahre wurde kurz vor der Eröffnung abgesagt.

Helga Paris, Fotografin. Akademie der Künste, Pariser Platz 4 in Berlin. Di-So, 11-19 Uhr, bis 12. Januar.

Neben den Porträts von Prominenten wie Christa Wolf oder Sarah Kirsch und Auszüge aus Fotoserien aus dem DDR-Alltag, etwa vom Leipziger Hauptbahnhof, in Berliner Kneipen oder von der Müllabfuhr, bildet die gleich am Eingang der Ausstellung platzierte Reihe von Selbstporträts einen der Höhepunkte der Schau.

Zwölf mal hat sich Helga Paris zwischen 1981 und 1989 selbst abgelichtet. Es ist eine sehr intime Beobachtung des eigenen Gemütszustandes in der letzten Dekade der DDR. Trotzig, verwundert, verärgert, mutlos, dann wieder entschlossen – eine Abfolge von Gesichtern wie eine emotionale Achterbahn. Das Private kann eben sehr politisch sein.

Von Mathias Richter

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