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Kultur „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ am Potsdamer Theater
Nachrichten Kultur „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ am Potsdamer Theater
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21:38 23.02.2019
Jan Hallmann als Nachbar Peter und Franziska Melzer als Smilla. Quelle: Thomas M. Jauk/Stage Picture
Potsdam

 Ein Junge ist vom Dach gefallen. Der Unfall wurde von Kommissar Ravn aufgenommen. Eine Umrisszeichnung im Vordergrund der Bühne markiert, wo der tote Jesaja gelegen hat. Doch die Theaterfassung des Krimi-Bestsellers von Peter Høegs „Frau Smillas Gespür für Schnee“ springt munter zwischen den Zeiten hin und her. So kommt es, dass ein leibhaftiger, goldiger Junge auf der Bühne die Leerstelle immer wieder putzmunter ausfüllt und dem Zuschauer vor Augen führt, wie gefährdet und verlustreich das Leben sein kann.

Der Kriminalroman erschien 1994 in Deutschland. Die Kritiker mochten das Buch nicht, aber die Leser. 1997 kam ein gleichnamiger Film in die Kinos und 2007 erfolgte die Dramatisierung für die Bühne durch Arnim Petras und Juliane Koepp. Die längst vergessene Vorlage hat das Potsdamer Hans-Otto-Theater noch einmal ausgegraben und als Kammeraufführung für die Reithalle eingerichtet.

Fräulein Smilla, Sozialhilfeempfängerin in einem Mietshaus, verband mit dem toten Nachbarsjungen ihre Hoffnung auf mehr Anerkennung für die Inuits durch die dänische Mehrheitsgesellschaft. Denn Jesaja stammte - wie sie selbst - aus Grönland. Beide hat es unabhängig voneinander nach Kopenhagen verschlagen, wo ihresgleichen offenbar immer noch als Menschen zweiter Klasse wahrgenommen werden.

Die Geschichte ist ziemlich obskur und auch ungewöhnliche Fähigkeiten spielen eine Rolle. Fräulein Smillas Anfangsverdacht, dass Jesaja nicht versehentlich vom verschneiten Dach gestürzt ist, beruht auf ihrer Gabe, seine Fluchtspuren lesen zu können. Später gibt es noch einen Blinden, der aus dem totalen Rauschen einer Tonbandkassette Worte und Dialoge heraushören kann. In den Ermittlungen von Fräulein Smilla kommen ein Meteorit vor, Hakenwürmer und grausame Forschungsexpeditionen. Doch eigentlich geht es im Krimi-Konstrukt um den Charakter einer Eigenbrötlerin und ihr Verhältnis zu den Menschen.

Und hier kommt Jan Hallmann ins Spiel, der an diesem Abend sechs Männer und eine Frau darstellt. Die enorme Differenzierung bewältigt der 32-jährige Schauspieler mit dem leichten Silberschimmer im dunklen Haar mit geringstem Aufwand, ohne stimmakrobatische Faxen oder übertriebene Kostümwechsel. Sparsam in Gestik und Mimik schöpft er jede Figur aus einer verinnerlichten Haltung. Besonders berührend verkörpert er Smillas traurigen Vater, der sich zwar lässig einen orangenen Pulli über die Schultern geworfen hat, aber vergeblich die Nähe seiner Tochter sucht. Als Kommissar in Lederjacke oder als Gerichtsmediziner im Arztkittel stellt Hallmann das Machtbewusstsein arroganter Männer heraus. Als Elsa Lübing oder Professor Licht schlüpft er wiederum in sanftere Charaktere. Als Nachbar Peter spielt er schließlich auch den Mann, der das Herz der skeptischen und kühlen Smilla gewinnt und dessen Lebensbeichte den Kriminalfall dann bis ins letzte Detail aufklärt.

Franziska Melzer spielt das Fräulein Smilla als eine Getriebene, die die Inszenierung nach vorne treibt und dominiert. Die Rolle der kantigen Exotin passt zu ihr und wird durch ihr Äußeres - scharf geschnittene Pony-Perücke und Bügelfaltenhosen, Pelzmantel und hohe Schuhe – auch noch unterstrichen. Sie muss viel Text sprechen und tut das mit weihevoller Hast, ohne Unterlass aufgebracht, mit betont weichem Nachdruck. Der eigentliche Untertext ihrer Figur, eine poetische Sehnsucht nach den eisigen Weiten Grönlands, geht in den Wortkaskaden verloren.

Die Bühne von Daina Kasperowitsch ist so spartanisch wie intelligent eingerichtet. Das kalte Licht aus vielen Neonröhren versinnbildlicht eher das brutale Nützlichkeitsdenken in Kopenhagen als den Sternenhimmel über grönländischem Eis.

Die Regisseurin Caro Thum hat vieles richtig gemacht. In einer seltenen Stringenz und Unmittelbarkeit führt sie durch diese Geschichte. Ihr fein ausgearbeiteter Realismus verliert sich nie in Nebensächlichkeiten und bringt auch starke symbolische Bilder hervor. Der sparsame Einsatz von Musik beschränkt sich zunächst auf Versionen des Jazzklassikers „Take Five“, auf den sie in der packenden, heftigen Liebesszene dann aber leider nicht noch einmal zurückgreift.

Absolut gelungen ist ihr der Einsatz des etwa achtjährige Felipe Bustamente Villacis als Inuit-Junge Jesaja. Kinder in Erwachsenen-Inszenierungen wirken oft dressiert und unnatürlich. Doch dieser Steppke unterfüttert seine Auftritte mit so souveränem Charme und mit sichtlichem Vergnügen, dass die Zuschauerherzen schmelzen. Beim Schlussapplaus wirken die drei Darsteller wie eine glückliche Kleinfamilie.

 

Info Nächste Aufführungen: 6. und 14. April, jeweils 19.30 Uhr. Reithalle, Hans-Otto-Theater. Schiffbauergasse Potsdam. Karten unter 0331/9811 900.

Von Karim Saab

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