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Kultur Freya Klier erzählt von den Anfängen der deutschen Demokratie
Nachrichten Kultur Freya Klier erzählt von den Anfängen der deutschen Demokratie
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18:22 04.01.2019
Der Dresdner Maler Otto Dix (1891-1969) litt noch Jahrzehnte an seinen Erlebnissen als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg. Hier sein Gemälde „Die Skatspieler“ aus dem Jahr 1920. Quelle: Archiv
Potsdam

 Heute weiß kaum einer, was es mit der Bezeichnung „Freistaat“ auf sich hat. Die Akteure der ersten erfolgreichen deutschen Revolution 1918 wollten sich nicht mit den Königen arrangieren. Sie entschieden sich gegen eine parlamentarische Monarchie. Am 8. November proklamierte Kurt Eisner in München den Freistaat Bayern. Zwei Tage später vertrieben auch die Sachsen ihren König, der dann am 13. November auf dem südbrandenburgischen Schloss Guteborn seine Abdankungsurkunde unterschrieb.

1950 in Dresden geboren, studierte Freya Klier bis 1975 an der Theaterhochschule Leipzig. Anschließend ging sie als Schauspielerin nach Senftenberg. Bis 1982 studierte sie Regie in Berlin.

1984 erhielt sie für eine Inszenierung am Theater Schwedt den DDR-Regiepreis. Ein Jahr später bekam sie Berufsverbot, da sie mit dem Liedermacher Stephan Krawczyk für die Friedensbewegung in Kirchen auftrat. 1988 musste sie die DDR verlassen. Sie schrieb mehrere Bücher.

Freya Klier: Dresden 1919. Die Geburt einer neuen Epoche. Herder, 384 Seiten, 26 Euro.

„Die Geburt einer neuen Epoche“ nennt Freya Klier im Untertitel ihr Buch, das den Turbulenzen in „Dresden 1919“ nachspürt. Die einstige DDR-Bürgerrechtlerin las sich in Archiven durch dicke Zeitungsstapel, studierte Tagebücher und Briefe, Geschichtsbücher und Biografien. Entstanden ist ein mit vielen Zitaten und Berichten gespicktes Kaleidoskop, das sie als Erzählerin und politische Kommentatorin aufbereitet. Den Monaten zwischen Oktober 1918 und Februar 1920 ordnet sie jeweils relevante Themen zu. Lebensschicksale, Sittenbilder, statistisches Material und Anekdoten fügen sich zu einer plastischen Collage. Nur leider fehlt ein Personenregister.

Kriegskrüppel prägten das Straßenbild

„Macht euern Dreck alleene“, soll der sächsische August III. in Richtung Freistaat gesagt haben. Sein Württemberger Kollege Wilhelm II. nahm sein Schicksal weniger persönlich, er machte den Systemwechsel verantwortlich („s’isch aber wege dem Sischteem“). Der politische Umbruch, die Demokratisierung und Parlamentarisierung, ging mit einem gründlichen Kulturwandel einher. Am 19. Januar 1919 durften die Frauen zum ersten Mal an die Wahlurnen treten und sich auch wählen lassen. Standesschulen wurden beseitigt, die allgemeine Volksschule eingeführt und reformpädagogische Konzepte erprobt. Der Paragraf gegen die Propagierung von Verhütungsmitteln wurde abgeschafft und Sexualaufklärung ermöglicht. Die Gleichstellung unehelicher Kinder stand auf der Agenda. Dabei drückten akut so viele existenzielle Probleme. Kriegskrüppel und Flüchtlinge prägten das Straßenbild. Essen, Kohle und Wohnraum waren äußerst knapp.

Eine schwere Hypothek

Freya Klier würdigt das Jahr 1919 als Geburtsstunde der Demokratie. Sie bescheinigt vor allem den sächsischen Politikern der SPD, die lange als „vaterlandslose Gesellen“ beschimpft wurden, ein hohes Maß an Professionalität und Fingerspitzengefühl. „Nicht die schuldhaften Machthaber des Kaiserreiches“, sondern demokratisch gewählte Männer und Frauen übernahmen nach dem Desaster des Ersten Weltkrieges die Verantwortung. Sie traten eine schwere Hypothek an.

Angesichts des sozialen Elends war es leicht, Menschen aufzuhetzen. Kommunistischen Propagandisten gingen die Umwälzungen nicht weit genug. Sie träumten von dem „sowjetischen Modell, von dessen menschenverachtender Praxis sie nicht annähernd eine Vorstellung hatten“, meint Freya Klier, sich deutlich positionierend. Mit leiser Polemik spricht sie auch von den „Spartakisten, die zwar den Krieg mit anderen Völkern ablehnen, aber den Bürgerkrieg im Inneren des Landes nicht“.

Kommunisten lynchten SPD-Politiker

Das Beispiel aus Dresden, das sie anführt, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Am 12. April 1919 wurde SPD-Minister Gustav Neuring von kommunistischen Aktivisten gelyncht. Die DDR schrieb den Mord später rechtsradikalen Tätern zu, was aber nicht stimmte. Der Mob warf den 39-Jährigen über das Geländer der Augustusbrücke in die Elbe und erschoss ihn, als er versuchte, an Land zu schwimmen. Der langjährige Gewerkschaftler hatte den undankbaren Job des Ministers für Militärwesen übernommen. Er war für die Entlassung der Soldaten zuständig und auch für ihre Pensionsansprüche. Im konkreten Fall kämpfte das Sanitätspersonal um eine wirtschaftliche Gleichstellung. Freya Klier fasst später einmal zusammen: „Das Ringen mit Argumenten statt Waffen, einhundert Jahre später schon vertrauter politischer Vorgang in Europa, fällt nicht nur den Militärs schwer und hat sich ab 1933 ohnehin wieder erledigt.“

Aus der Volkskammer wird das Landesparlament

Sie liefert aber bei weitem mehr als Geschichtspolitik. Mit Leidenschaft und Sorgfalt porträtiert sie die ersten Frauen in der Sächsischen Volkskammer, die 1920 in „Landesparlament“ umbenannt wurde. Vor allem rückt sie auch viele bekannte Künstler ins Blickfeld, die in dieser Zeit in Dresden wirkten, etwa die Schriftsteller Erich Kästner, Ludwig Renn, Victor Klemperer, Friedrich Wolf und Walter Hasenclever. Maler wie Oskar Kokoschka, Otto Dix und Otto Griebel landeten an der Kunstakademie, nachdem ihnen der Krieg schwere seelische Verletzungen zugefügt hatte. Mit dem Schicksal von Elfriede Wächtler, einer der ersten Kunststudentinnen, endet das letzte Kapitel, überschrieben „Ausblick ins Düstere“.

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