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01:15 31.03.2019
Schulstreik für Klimaschutz: Fridays-for-Future-Demonstration vor zwei Wochen in Jena. Die Schüler sorgen sich um ihre Zukunft. Quelle: imago images / Christoph Worsch
Potsdam

Eine hat angefangen. Mittlerweile sind es Hundertausende, die, wie die schwedische Schülerin Greta Thunberg, freitags den Unterricht bestreiken und auf die Straße gehen. Sie protestieren gegen ihre Regierungen, denen sie vorwerfen, die Gefahren des Klimawandels nicht wirklich ernstzunehmen.

„Warum sollen wir für eine Zukunft lernen, die es vielleicht gar nicht geben wird, wenn niemand etwas unternimmt, um sie zu retten?“, so die 16-jährige Greta.

Eine Frage, die ganz offensichtlich bei vielen Jugendlichen zündet. Im August vergangenen Jahres hatte die Schülerin mit ihrem Protest begonnen. Inzwischen gibt es weltweit Freitagsdemonstrationen.

Entsteht mit „Fridays for Future“ eine neue Jugendbewegung? Wird die lange als nur noch konsumorientierte verdächtigte Jugend plötzlich wieder politisch? In den USA protestiert sie gegen die Waffenlobby, in Großbritannien gäbe es, wenn es nach den Jungen ginge, keinen Brexit. Braut sich da etwas zusammen?

Golfkrieg und Loveparade

Dieter Rucht ist eher skeptisch. Seit Jahren untersucht der mittlerweile emeritierte Soziologieprofessor und Leiter des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung die unterschiedlichsten politischen Bewegungen von Attac bis Pegida. „Ich wäre sehr vorsichtig damit, schon wieder eine neue Protestgeneration auszurufen“, warnt Rucht.

Erfahrungsgemäß seien es immer nur bestimmte Gruppen von Jugendlichen, die sich politisch artikulieren. Jahrgangsübergreifend sei das nie. Die Rede von einer apolitischen „Generation Golf“ in den 80er-Jahren sei genauso falsch wie die von der „Generation Golfkrieg“ Anfang der 90er, als wochenlang Tausende von Schülern gegen den Irakkrieg demonstrierten.

In der Tat: die Liste angeblicher Protestgenerationen in der deutschen Nachkriegszeit ist lang. In den 50er waren es die sogenannten Halbstarken, die sich Rock’n’Roll-getrieben gegen ihre spießigen Eltern auflehnten.

Es folgten die berühmten 68er, die nach der Nazi-Vergangenheit der Erwachsenen fragten und gegen den Vietnamkrieg demonstrierten. Die Anti-Atomkraft-Proteste in den 70ern und die Friedensbewegung in den 80ern wurden weitgehend von der Jugend getragen.

Auch die Subkulturen der Jugendlichen in der DDR hatten eine politische Dimension. Aber es war eben immer nur ein Teil der Jugend, der sich, sei es lautstark, sei es nur durch kulturelle Codes, politisch artikulierte.

Doch nach dem Fall der Mauer und dem Golfkrieg wurde es plötzlich ruhig. Die Kids gingen in ihrer Freizeit zur Loveparade und sorgten sich ansonsten um ihr berufliches Fortkommen. Im Osten hatte man nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft ohnehin andere Sorgen.

Die Jugend politisiert sich wieder

Es folgten Dotcom-Blasen, Hartz-IV-Sanktionen, Al-Qaida-Terror und die globale Finanzkrise. Sicher, es gab viel Anlass für Protest, aber von einer Jugendbewegung war nichts zu spüren. Wenn es Anzeichen für eine Politisierung der Jüngeren gab, dann zeigte die eher nach Rechts. Mit nationalistischen Parolen lassen sich 68er-Eltern im Handumdrehen provozieren.

Unter Jugendforschern galt es daher lange Zeit als unstrittig: Die Jugend von heute interessiert sich nicht für Politik. Nach Angaben von Klaus Hurrelmann, Bielefelder Bildungswissenschaftler und Mitverfasser der im Fünf-Jahres-Rhythmus erscheinenden Shell-Jugendstudien, sank das politische Interesse der deutschen Jugend von 1991 bis 2002 von 57 Prozent auf nur noch 34 Prozent.

Doch seit ein paar Jahren ändert sich das. Bereits die jüngste Shell-Jugendstudie von 2015 stellte unter den Jugendlichen zwischen zwölf und 25 Jahren ein zunehmendes Interesse an Politik fest. Mittlerweile geben laut Hurrelmann 46 Prozent der Jugendlichen an, sich für Politik zu interessieren.

Ein Trend, den auch Dietmar Sturzbecher von der Uni Potsdam bestätigen kann. Der Soziologe untersucht regelmäßig den Zustand der Jugend in Brandenburg. Und auch er sagt: „In Vergleich zu 2010 hat das Interesse an Politik leicht zugenommen und es gibt etwas weniger Politikverdrossenheit unter den Jugendlichen.“

Schlüsselwort „Zukunft“

Sind wir also doch auf dem Weg zu neuen Jugendprotesten? Ruchts Institut für Bewegungsforschung hat erst vor zwei Wochen Daten auf den Fridays-for-Future-Demos in Berlin, Bremen und acht europäischen Ländern erhoben. Die ersten Ergebnisse: Viele der Kids waren zum ersten Mal wegen eines politischen Anliegens auf der Straße. Sie sind meist gebildet und stammen aus der Mittelschicht.

Und sie meinen es ernst. Der Begriff, den die Demonstranten auf die Frage, worum es ihnen gehe, am häufigsten nannten ist „Zukunft“. „Das ist ein Schlüsselbegriff dieser Proteste“, sagt Rucht. „Klimawandel“ folgt erst an zweiter Position.

Und für ihre Zukunft sind sie auch bereit zu kämpfen. Die wenigsten Jugendlichen erwarten viel von den etablierten Politikern. Sie glauben eher daran, dass eine Veränderung der eigenen Lebens- und Konsumpraxis etwas bringt. Weniger Fleisch essen, aufs Fliegen verzichten, nicht so viel Auto fahren – auch wenn sie wissen, wie schwer es ist, das konsequent durchzuhalten. Deshalb wollen sie zugleich öffentlichen Druck erzeugen, damit die Politiker sich vielleicht doch bewegen.

Eine neue Qualität?

Wie lange sie selbst dabei durchhalten, kann derzeit niemand sagen. Klar aber ist: Diese Jugendlichen engagieren sich für eine Sache, die im Prinzip alle angeht. Denn der Klimawandel ist eine globale Bedrohung für die Menschheit. Deshalb sind sie auch bereit, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, gezielt Regeln zu brechen und nicht in die Schule zu gehen.

„Das ist zwar noch lange nicht so radikal wie bei den Braunkohlegegnern, die Bäume besetzen oder Züge blockieren“, wie Anton Haffner, Experte für Umweltproteste an der FU Berlin, betont. Aber es könnten für einen Teil der Schüler erste Schritte zu zivilem Ungehorsam sein. Dann erhielten die Proteste möglicherweise doch eine neue Qualität.

Überhaupt: Ein schlagendes Argument haben diese Jugendlichen. Sollten die Politiker ihre nach dem Pariser Abkommen verabredeten Klimaschutzpläne bis 2050 nicht einhalten, werden die heute Erwachsenen nicht mehr all zu viel von der Katastrophe mitbekommen.

Aber die Schüler von heute werden dann um die 40 bis 50 Jahre alt sein und sich von ihren Kindern fragen lassen müssen: Warum hast du nichts dagegen unternommen?

Von Mathias Richter

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