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Kultur Fritz Ascher im Potsdam-Museum
Nachrichten Kultur Fritz Ascher im Potsdam-Museum
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19:03 06.12.2017
Bilder aus der frühen Phase Fritz Aschers: Figurenszene (Inferno?) von 1918 (l.) und Bajazzo um 1916. Beide Bilder befinden sich in Privatsammlungen. Quelle: Bianca Stock, München/Malcolm Varon
Potsdam

Sie gehören zur sogenannten verlorenen Generation. Künstler wie Gertrude Sandmann, Magda Langenstraß-Uhlig oder Eric Isenburger. Sie hatten Anfang der 30er-Jahre große Ambitionen und wahrscheinlich eine große Karriere vor sich. Doch mit dem Machtantritt von Adolf Hitler erhielten sie Berufsverbot, wurden verfolgt, ihre Werke als „entartete Kunst“ verfemt. Wer die Nazi-Zeit überlebte war vergessen und stand vor dem Nichts.

Einer der Angehörigen dieser verlorenen Generation ist Fritz Ascher. Das Potsdam-Museum widmet dem radikalen Berliner Expressionisten in Kooperation mit der Villa Oppenheim in Berlin-Charlottenburg von Sonntag an eine Sonderausstellung. 80 Gemälde und Grafiken sind in den beiden Museen zu sehen, davon etwa 50 in Potsdam. „Damit kehrt Aschers Kunst zu seinem 125. Geburtstag an ihre Entstehungsorte Berlin und Potsdam zurück“, sagt Jutta Götzmann, Direktorin des Potsdam-Museums und Kuratorin der Ausstellung.

Das Potsdam-Museum zeigt von Sonntag an Bilder des von den Nazis verfolgten Expressionisten Fritz Ascher. Im Folgenden eine kleine Auswahl.

Versteckt in Potsdam

Mit Potsdam ist Aschers Leben auf tragische Weise verstrickt gewesen. Der 1893 in Berlin geborene Maler versteckte sich wegen seiner jüdischen Herkunft von 1934 an in Pensionen und bei Privatleuten in Potsdam – zunächst in Steinstücken, später in Babelsberg. 1938 erwischte ihn die Gestapo und deportierte ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen (Oberhavel). Der befreundete Rechtsanwalt Gerhard Graßmann schaffte es, ihn dort wieder rauszuholen, doch 1939 landete er im Potsdamer Polizeigefängnis in der heutigen Henning-von-Tresckow-Straße. Auch hier wurde er gegen Auflagen entlassen. Einer drohenden erneuten Deportation entging Ascher 1942, indem er bei Martha Graßmann, der Mutter des Anwaltes in Berlin-Grunewald untertauchte. Ascher verbrachte die folgenden drei Jahre bis zum Kriegsende in einem Kohlenkeller. Als Deutschland von den Allierten befreit wurde war er ein Anderer.

Fritz Ascher Quelle: Fritz Ascher

Potsdam als Versteck vor den Nazis

Potsdam war für den expressionistische Maler Fritz Ascher mehrfach Zufluchtsort vor den Nazis. Er tauchte mehfach in Pensionen und bei Privatpersonen unter.

In Babelsberg fand er Asyl in einer Pension in der damaligen Straße der SA, heute Karl-Marx-Straße, bei Rosa Juch in der Lessingstraße 38, und in der Ferdinand-Sauerbruch-Str. 12.

In Steinstücken war er zweimal untergetaucht – bei der Familie Kröhling in der Bernhard-Beyer-Str. 8 und bei einer Familie Lindner. Die Adresse konnte nicht mehr rekonstruiert werden.

Parallel zu den Schauen in Potsdam und Charlottenburg zeigt die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße Dokumente seiner Haft.

Leben ist Glühn. Der Expressionist Fritz Ascher. Potsdam-Museum, Am Alten Markt 9, Mo, Mi, Fr 10-17 Uhr, Do 10-19 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. 10.12. bis 11.3.

Die Ausstellung zeigt, was die Nazi-Diktatur mit ihm gemacht hat. Präsentiert wird ein Überblick über das Gesamtwerk des Künstler. Der Potsdamer Teil konzentriert sich mehr auf die frühen Werke, greift aber exemplarisch in die Nachkriegszeit aus. In Charlottenburg sind vor allem die Nachkriegs-Arbeiten des 1970 gestorbenen Malers zu sehen.

Ein Vertreter der Avantgarde

Aschers expressionistischer Stil war von Anfang an ambitioniert. Er galt in den 20er-Jahren als großes Talent und wurde von Max Liebermann gefördert. Ascher hatte Kontakte zu Größen wie Edvard Munch und Emil Nolde, verkehrte mit ehemaligen Vertretern des Blauen Reiters, der berühmten Münchener Expressionistengruppe der Vorkriegszeit. „Ascher gehörte ganz klar zur damaligen Avantgarde“, urteilt Götzmann. Mit seiner rigorosen, kraftvollen Pinselführung und der Leidenschaft, die sich auf der Leinwand niederschlug, schuf er Werke von überwältigendem Ausdruck.

Mit den Nazis war das alles vorbei. Ascher erhielt Berufsverbot, seine Kunst galt als „entartet“. Es begann ein Kampf ums nackte Überlegen. Mangels Geld, Material und eines gesicherten Zuhauses begann er in seinen Verstecken Gedichte zu schreiben. Verse der Melancholie, die teilweise bis in die Depression führen: „Kein Leben ohne Träne./ Kein Sehnen ohne Schmerz./Durch Tiefen und durch Höhen –/In Einsamkeit verscherzt.“, textet er zum Beispiel 1942, als ihm die schlimmste Zeit noch bevor stand.

Ein Verdienst der Potsdamer Ausstellung ist es, dass Beispiele von Aschers Verzweiflungsdichtung großformatig zwischen den Gemälden und Zeichnungen gezeigt werden. „Es sind die ungemalten Bilder“, wie Jutta Götzmann sagt. Der Versuch, die Realität künstlerisch in einem anderen Medium zu verarbeiten.

Jahrelang nach den Spuren von Fritz Ascher gesucht

Nach 1945 kehrt Ascher zu Pinsel und Staffelei zurück – und versucht, sich mit seinem Trauma auseinanderzusetzen. Alte Gemälde werde übermalt, denn die Welt hat sich verändert. Aschers Selbstporträts der Jugend erhalten gepunktete Oberflächen. In gewisser Weise verschwindet die Person hinter der Last der Geschichte. Erst später entstehen neue Bilder, häufig Landschaften des Grunewalds, wo er nach dem Krieg weiter in der Obhut von Martha Graßmann lebt. Farbgewaltige Ansichten mit zackig verlaufenden Horizonten. Ascher malt gegen das erlittene Schicksal an.

Dass diese Bilder jetzt zu sehen sind, ist der Kunsthistorikerin Rahel Stern zu verdanken. Sie stieß vor Jahrzehnten auf Werke dieses Vertreter der verlorenen Generation. „Ich konnte damals nichts über ihn herausfinden“, erzählt sie. In mühsamer Kleinarbeit rekonstruierte sie sein Leben und suchte seine Bilder, die heute alle in Privatbesitz verstreut sind und gründete die in New York die „Fritz Ascher Gesellschaft für Verfolgte, Verfemte und Verbotene Kunst“. Deshalb gibt es nun diese beeindruckende Werkschau.

Von Mathias Richter

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