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Kultur Fusion hat sich gegen Polizeikonzept durchgesetzt
Nachrichten Kultur Fusion hat sich gegen Polizeikonzept durchgesetzt
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16:09 26.06.2019
Auf der Fusion nahe der Müritz wird bis zum Sonntag eine Parallelwelt inszeniert. Quelle: imago / Frank Brexel
Potsdam

Die Fusion sei so sicher „wie ein Kirchentag“, schreiben die Veranstalter auf ihrer Homepage – der Vergleich ist kühn, fast klingt er künstlerisch: Denn wer glaubt auf der Fusion, dieser Feier des Individualismus, noch an Gott, Gebete oder Beichte? Weltlicher als auf dem Festival südlich der Müritz kann man die Ekstase und den Rausch kaum suchen. An diesem Mittwoch hat die Feier begonnen, bis zum Schlussakkord am Sonntag werden 70000 Besucher auf dem alten Flughafen des Dorfes Lärz erwartet.

20 Mal fand dieses Festival der elektronischen Musik schon statt, in seinem 21. Jahr wäre es fast gescheitert. Erstmals hatte der Neubrandenburger Polizeipräsident Nils Hoffmann-Ritterbusch eine Wache und anlasslose Streifen auf dem 100 Hektar großen Festivalgelände gefordert. Er verwies auf eine neue Versammlungsstättenverordnung, die seit 2018 in Mecklenburg-Vorpommern gilt. Nach der Loveparade-Katastrophe 2010 in Duisburg und dem Terroranschlag an der Berliner Gedächtniskirche 2016 werde Sicherheit bei Großveranstaltungen anders gesehen.

„Wunsch nach Privatsphäre“

Nichts von den Forderungen der Polizei wurde durchgesetzt. Bei der Fusion gibt es eine Wache am Eingang des Geländes, nur bei akutem Anlass betritt die Polizei das Areal. „Unsere Gäste haben den ganz klaren Wunsch nach Privatsphäre“, sagt Linus Neumann vom Veranstalter Kulturkosmos Müritz. Das alleine wird die Polizei nicht beeindruckt haben. Dass selbst Mecklenburgs Innenminister Lorenz Caffier (CDU) am Ende zugestand, dass die Fusion nicht an der Polizei scheitern werde, hat viel mit Angst um Imageschaden und Hoffnung auf gute Einnahmen zu tun.

Denn weiterhin hängt über jedem Festival der Geist von Woodstock, wo es darum ging, bürgerlicher Vernunft zu entkommen. Nicht effizient zu denken, sondern liebevoll. Das Wort „Ferienkommunismus“ trifft die Sache gut. Denn vor präzise 50 Jahren hat uns Woodstock nachgewiesen, wie viel Politik im Pop steckt – und wie viel Regen vom Himmel fallen kann. Seither wissen wir, dass sogar Wiesen voller Matsch ein Festival nicht daran hindern können, mit jedem Jahr ein bisschen glänzender und mythischer in die Geschichtsbücher zu rutschen. Wenn wir etwas aus Woodstock lernen können, glaubt Stephan Thanscheidt, ist es dieser nahezu egalitäre, fast romantische Satz: „Vor der Bühne sind wir alle gleich!“ Warum? „ Woodstock hat essentiell erlebbar gemacht, dass Musik die Menschen verbindet, und es wurde deutlich, welche ungeheure Kraft in ihr steckt.“

Thanscheidt, 41 Jahre alt, schaut nicht nur emotional auf Woodstock, sondern mit dem unverstellten Blick eines Betriebswirtschaftlers. Denn er arbeitet als Geschäftsführer und „Head of Festival Booking“ bei FKP Scorpio, einem der größten europäischen Konzert- und Festivalveranstalter mit Sitz in Hamburg. Auch in Woodstock merkten die Hippies bald, dass nicht alles in Vollversammlungen zu klären ist, sondern dass jemand irgendwann das „Go“ gibt, und dafür seinen Kopf hinhält. Thanscheidt zum Beispiel.

Protest gegen Besuchsverbot

Doch auch heute atmen Festivals den Geist der 60er-Jahre, als Basisdemokratie ein schöner Traum war. Selbst bei „Rock Am Ring“, das jährlich von gut 80000 Menschen am Nürburgring besucht wird und damit das wohl populärste Festival in Deutschland ist. Im vergangenen Jahr haben Fans einen offenen Brief an den Veranstalter Marek Lieberberg geschrieben, in dem sie darauf hinweisen, dass der „Ring“ letzthin „zu kommerziell“ geworden sei. Treue Gäste würden bei der Bandauswahl nicht eingebunden – vor allem wurde beklagt, dass ein Besuchsverbot zwischen den Campingarealen gelte: „Sollte der Kerngedanke eines Festivals nicht sein, dass Menschen, vom Maurer bis zum Professor, vom eitlen Banker bis zum linken Studenten in den verrücktesten Konstellationen zusammenkommen und das feiern, was sie verbindet?“

Die Erwartungen der Fans an diese Parties steigen, weil deren Stellenwert in einer Welt wächst, die politisch unübersichtlich wirkt und beruflich immer mehr vom Leistungsdruck geprägt ist. „Festivals sind eine Ausnahmeerfahrung, denn sie bieten Zerstreuung, Unterhaltung sowie hochemotionale Momente, die man in Schule, Studium oder Job eben nicht so einfach findet“, sagt Thanscheidt. Der Markt werde sich ausdifferenzieren, weil die Ansprüche der Gäste sehr unterschiedlich seien. „Dementsprechend wird es mehr Konzepte für spezielle Zielgruppen geben, die neben den großen Festivals mit ihren hohen fünfstelligen Besucherzahlen ein besonderes Profil anbieten.“

Eine wichtige Gruppe, die umworben wird, sind „erwachsenere“ Musikfans, jene also, die um die 40 oder älter sind. Auch die Macher der Fusion stecken mittlerweile in diesem Alter. Sebastian aus Berlin, 39 Jahre alt, sagt, „Zelten auf Festivals war nie mein Ding“, deshalb ist er bereits dreimal zum „Rolling Stones Beach“ am Weissenhäuser Strand gefahren, Ostsee, kurz vor Fehmarn. Ein Ort, wo man ganz andere Töne als auf der elektronisch geprägten Fusion anschlägt. Das „Beach“ wird von FKP Scorpio in Zusammenarbeit mit dem Musikmagazin „Rolling Stone“ veranstaltet. „Die in die Jahre gekommenen Unterkünfte sind super“, sagt Sebastian, und spricht den Punkt an, der in diesem Konzept zählt. „Die Wege sind kurz, das Festival findet komplett indoor statt, weil wir es im November veranstalten, und übernachtet wird im Hotelzimmer oder Apartment“, erklärt Stephan Thanscheidt. Geboten wird eine Auswahl an handverlesenen Acts aus den Bereichen Rock, Indie, Alternative, Folk und Americana.

Festivals in Brandenburg

Jenseits von Millionen: 2. und 3. August: Benefiz-Festival, das jährlich am ersten Augustwochenende in Friedland in der Niederlausitz stattfindet. www.jenseitsvonmillionen.de

Inselleuchten: 5.-7. Juli. Rockfestival in Marienwerder (Barnim) „für Erwachsene“, wie Organisator Axel Prahl es gerne ausdrückt. Meist tritt er selber auf. www.inselleuchten.de

Sacred Ground: 12.-14. Juli. Musik- und Kunstfestival bei Brüssow, einem kleinen Ort in der Uckermark. www.sacredground.de

Helene-Beach-Festival: 25.-28. Juli. Rock am Helenesee bei Frankfurt (Oder). www.helene-beach-festival.de

Wilde Möhre: 9./10. August. Festival im Einklang mit der Natur in Drebkau bei Cottbus. www.wildemoehrefestival.de

Das „Rolling Stone Beach“ fand erstmals vor zehn Jahren statt und hatte damals Pioniercharakter in Deutschland. Rockfestivals in einer Ferienanlage gab es bis dato nicht, „dementsprechend hat es einige Jahre gedauert, bis das Festival beim Publikum angekommen war“, erzählt Thanscheidt. Mittlerweile ist es weit im voraus mit 4000 Tickets ausverkauft. Der Erfolg hatte die Veranstalter ermutigt, das Konzept im vergangenen Jahr nach Süddeutschland unter dem Titel „Rolling Stone Park“ zu übertragen – Bands, Philosophie und Veranstaltungsmonat sind dieselben, doch dieses Festival findet im Europa-Park Rust statt, zwischen Schwarzwald und französischer Grenze. Gleich im Auftaktjahr 2018 ist es mit dem „European Festival Award“ als „Best New Festival“ ausgezeichnet worden.

Die Fusion und die Rolling-Stone-Festivals sind musikalisch grundverschieden, klar ist dennoch gleichermaßen, dass ein Chaos wie in Woodstock, wo es hygienisch nahezu an allem fehlte, vermieden werden muss. Doch die Leute wollen keine Aufpasser. Sie möchten für sich selber sorgen. Pop braucht keine Polizei, hoffen sie. Der Traum von Eigenverantwortung, er stirbt nicht.

Von Lars Grote

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