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15:39 10.12.2017
Weihnachtsmärchen mit einer Riesennuss in der Fabrik.
Weihnachtsmärchen mit einer Riesennuss in der Fabrik. Quelle: Gunseus/Synk
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Potsdam

Ein bisschen beknackt sein, ohne eine harte Nuss zu knacken, mehr hatten sich die Performer von „John The Houseband“ nicht vorgenommen. Aber auch nicht weniger. Mit fröhlichem Überschwang machten sich die sechs Schauspieler aus mehreren Ländern daran, Tschaikowskys Weihnachtsklassiker „Der Nussknacker“ mit einer lockeren Persiflage zu unterbieten. Die Aufführung feierte am Freitag in der Potsdamer Tanzfabrik Deutschlandpremiere.

Weihnachtsmärchen mal anders. Quelle: Gunseus/Synk

Eine gruselige Nussknacker-Figur wurde nur in einem Anfangsbild angedeutet. Der hochgezwirbelte schwarze Schnurrbart, schrille Perücken und Uniformjacken waren schnell abgeworfen und die aus dem Off eingespielte Orchestermusik verklang. Auf der leeren Bühne standen nun drei männliche und drei weibliche Figuren in biederer Alltagskleidung. Ballett-Spitzentanz-Pathos zum Trotz trugen sie Birkenstock-Sandalen und Socken. Die Akteure wollten dem Publikum keine Kunststückchen vorführen, sondern vormachen, wie leicht sich Laien durch eine flapsige Choreographie verbinden können und zu Interpreten aufschwingen.

Viele Requisiten und Technik

Bei ihrer Aktualisierung des Weihnachtsmärchens machten sie von allerlei Requisiten und Bühnentechnik Gebrauch. Im Hintergrund wurde eine Filmanimation eingeblendet, in der eine Walnuss zu Synthesizerklängen durch die Tiefen des Weltraums schwebt. Im Vordergrund wurde wiederholt die Nebelmaschine angeworfen und die Akteure vollführten in der Dunkelheit zunächst ein Augen-Taschenlampen-Ballett. Bald landete eine etwa vier Meter breite und zwei Meter hohe Gummi-Nuss auf der Bühne. Das aufgeblasene Riesending erwies sich als leidlicher Mittänzer.

Die Nuss spielt in dieser Inszenierung die Hauptrolle. Quelle: Johan Gunseus

Auf einem hereingefahrenen Podest mit drei Stehpulten ließ sich live Elektro-Sound produzieren, der vereinzelt auch musikalische Motive aus der Tschaikowsky-Komposition aufgriff. Dazu wurde nicht besondern schön und ohne vorsätzliche Komik gesungen. Die Schauspieler hatten plötzlich auch analoge Instrumente zur Hand – E-Gitarre, Ukulele, Banjo und eine Melodica mit Schlauch. In Minimalismus, Humor und Dilettantismus orientieren sie sich an der Neuen Deutschen Welle. Die Musikclownerien wurden nicht vertieft, es blieb bei Andeutungen.

Charme eines Grundkurses abbilden

Intention der Absolventen einer Amsterdamer Schauspielschule war es offenbar, den Charme eines Grundseminars Darstellendes Spiel vorzuführen, ohne das Spiel von Laien zu denunzieren. Ein Blick ins Programm verrät, dass „John The Houseband“ nicht weniger als ein Märchen zwischen Himmel und Erde erzählen wollte und zwar aus der Perspektive der Nuss.

Die offenbar faule Riesennuss wird dann aber ungeknackt in einer Prozession von der Bühne getragen. Vorher stiehlt ihr eine winzige Leuchtnuss die Show, die plötzlich in der Bühnenmitte liegt. Ihre Saat geht auf. Sechs weiße Tannenbäumchen verteilen sich am Ende im Raum und es schneit. Aus einem Kern geht ein ganzer Wald hervor. Kurzer Beifall, das war’s.

Von Karim Saab

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