Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur „Gegen Shitstorms kann man sich nicht wehren“
Nachrichten Kultur „Gegen Shitstorms kann man sich nicht wehren“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:50 09.12.2016
Alf Ator (l.) und  Buzz Dee von der Rockband Knorkator.
Alf Ator (l.) und Buzz Dee von der Rockband Knorkator. Quelle: Jula Heisinger
Anzeige
Potsdam

Er ist mehr als der Keyboarder von Knorkator – Alf Ator (51) komponiert und textet die Songs der Berliner Band, die ihrem opernhaften Heavy Metal mit witzigen Texten treu bleibt. Das neue Album heißt „Ich bin der Boss“. Und das ist wörtlich zu nehmen.

Wie teamfähig sind Sie?

In unserer Kapelle bin ich der Diktator, aber eigentlich eigne ich mich nicht dazu.

Warum?

Ich könnte um so einen Posten nicht kämpfen. Was ich anordne, wird in der Band schweigend akzeptiert. Würde sich jemand auflehnen, wäre meine Machtposition sofort dahin.

Die titelgebende Frage des neuen Albums „Wer ist der Boss?“ scheint aber geklärt zu sein.

Ja, ich bin der Chef – aber nur, was die Musik angeht. Aus anderen Dingen halte ich mich raus.

Ist das Schreiben witziger Songs besonders schwierig?

Ja und nein. Wer etwas Ernstes schreibt und dann merkt, dass das nichts wird, kann sagen – das ist nur Ironie. Aber so ein Song soll ja reifen können. Manche Songs sind beim ersten Hören witzig, beim fünften Mal lösen sie nur noch ein müdes Gähnen aus. Ein Song zu machen, der beim ersten Mal lustig und nach Jahren immer noch gut ist, ist eine Gratwanderung.

Auf dem letzten Album „We Want Mohr“ ging der Witz nach hinten los. Das Cover zeigte ein ironisches Bild der Band und einer schwarzen Frau. Warum greifen Sie trotz der Rassismus-Vorwürfe im neuen Song „Die Geschichte von den Schwarzen Buben“ das Thema wieder auf?

Wir hatten es nicht geschafft, den Song fürs alte Album einzuspielen. Übrigens lässt sich zu den Rassismus-Vorwürfen, so absurd sie auch sind, auch etwas Selbstkritisches sagen.

Nur zu.

Wir hatten das unterschätzt. In einer Zeit, in der jeder eine Plattform hat, seine Weltsicht in die Welt zu schreiben, muss man damit rechnen. Es gibt so viele Menschen, für die es normal ist, den Rest der Welt zurechtzuweisen. Und was sie dabei nicht merken – wir sind ja auf ihrer Seite.

Ihre Kumpels von Rammstein haben nach Vorwürfen, sie seien rechts, den Song „Links 2 3 4“ geschrieben.

Aus unseren Songs lässt sich genau lesen, was wir denken. Den Text von dem „Mohren“-Märchen haben wir auch abgewandelt.

Sie veräppeln die, die den „Mohr“ hänseln. „Und die wirkten nicht halb so cool wie er“, heißt es am Ende.

Das ließe sich natürlich auch als positiver Rassismus bezeichnen. Aber mein Gott, wer kann schon allen gefallen?

Stumpen, Ihr Sänger, hatte trotzdem ein ausführliches Statement veröffentlicht.

Weil ihn die Vorwürfe emotional besonders getroffen hatten. Die Reaktion war vielleicht zu übereilt. Gegen Shitstorms kann man sich nicht wehren. Da geht es nicht mehr um Diskussionen. Argumente werden nicht gehört. Wir positionieren uns in unseren Liedern. Wer sie sich genau anhört, weiß, wie wir ticken.

Warum greifen Sie immer wieder auf Märchen zurück?

Hoffmann ist ein gefundenes Fressen für uns. Die Geschichten sind niedlich und eklig zugleich, das entspricht Knorkator voll und ganz. So verstörend wie der „Struwwelpeter“ wollten wir auch immer sein.

Wie verstörend und elkig ist denn die neue Bühnenshow?

Ich spiele bei dieser Tour zum ersten Mal eine Keytar, also ein Umhängekeyboard. Das ist schon ziemlich eklig und ein Paradebeispiel dafür, dass extrem cool und extrem peinlich manchmal eng beisammen liegen. Ich aber trage ein langes weißes Gewand und eine weiße überdimensionale Keytar – das ist schon ziemlich cool.

Dann kann sich Potsdam ja auf ein Keytar-Konzert freuen. Sind Konzerte in Brandenburg mittlerweile das eigentliche Heimspiel für Knorkator?

Es stimmt schon, wir haben früher extrem viel in Brandenburg gespielt. Jetzt reichen Cottbus und Potsdam. Vielleicht sind die Brandenburger ausgehungert und drehen deshalb so durch. Da gibt’s Menschen, die uns seit Beginn der Band begleiten. Es kommen Omas und Opas und die bringen ihre Kinder mit. Das verjüngt unser Publikum und macht es attraktiver.

Von Maurice Wojach

09.12.2016
Kultur Gesellschaft für deutsche Sprache - „Postfaktisch“ ist das „Wort des Jahres“
09.12.2016
09.12.2016