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Kultur Georgische Künstler kommen nach Potsdam und Berlin
Nachrichten Kultur Georgische Künstler kommen nach Potsdam und Berlin
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14:03 21.09.2018
mHauptstadt Tiflis – Georgien bringt regelmäßig musikalische Ausnahmetalente hervor. Quelle: Gia Chkhataraschvili
Potsdam

Wo liegt Georgien? In Europa? Um von Berlin nach Tiflis zu fliegen, genügt ein deutscher Personalausweis. Doch Georgien ist kein Mitglied der Europäischen Union. Als tolerante, offene Kulturnation wirbt es derzeit um den politischen Anschluss an die westliche Welt.

„Nach dem Fall des eisernen Vorhangs kehrt unsere Nation zurück in die europäische Familie“, sagt Georgiens Kulturminister Mikheil Giorgadze voller Optimismus. Georgien ist das Gastland der bevorstehenden Frankfurter Buchmesse und wird dort 150 Neuübersetzungen ins Deutsche präsentieren. Im Rahmen der Kulturoffensive gastiert das Tbilisi Symphony Orchestra am nächsten Mittwoch in der Berliner Philharmonie und am Donnerstag im Potsdamer Nikolaisaal. Gespielt wird mitteleuropäische Klassik: Verdi, Beethoven und Dvorák.

Warum keine georgische Musik? Das kleine Land ist berühmt für seine jahrhundertealte A-Capella-Gesangsttradition und hat auch interessante zeitgenössische Komponisten zu bieten. Ob zu Tisch oder auf der Straße, in Georgien ist es üblich, spontan gemeinsam zu singen. Jede Stimme entwickelt sich individuell, gleichberechtigt reagieren die Sänger aufeinander. Diese Praxis mag der Grund sein, weshalb das Vier-Millionen-Volk so viele international erfolgreiche Musiker hervorbringt.

Viele Flüchtlinge in der Stadt

Tiflis im September 2018: Touristen laufen vorbei an schmucken Fassaden, mal klassizistisch, mal Jugendstil. Die Sonne wärmt genauso wie in Italien. Junge Frauen zeigen ihre schwarzen Haare, nackten Schultern, Beine in engen Hosen. Sie essen Donuts und georgische Pizza. Autofahrer halten am Straßenrand, um sich vor Kirchtürmen zu bekreuzigen. Aus geöffneten Fenstern klingt klassische Musik, auf dem Liberty Place spielen jugendliche Musiker Pink Floyd. Das Auge kann sich nicht sattsehen. Straßenschilder zeigen den Weg zur Oper: in lateinischen und georgischen Lettern.

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Oben am Hang ist die Zentrale Musikschule Zakaria Paliashvili derzeit in einem Provisorium untergebracht. Heute unterrichten dort 200 Lehrer knapp 700 Schüler. Der eigene Konzertraum unten in der Stadt ist zur Zeit von Flüchtlingen aus Südossetien besetzt. Seit hundert Jahren bringt die Schule international erfolgreiche Musiker hervor, auch die Pianistin Dudana Mazmanishvili, die in Potsdam als Solistin auftritt.

Bewerbung ab 6 Jahren möglich

Ab dem Alter von sechs Jahren können sich hier Kinder bewerben, doch die meisten Talente entdeckt die Schulleitung, wenn sie über Land fährt. Die vergangenen beiden Jahrzehnte musste das Haus um seine Existenz fürchten, erst seit zwei Jahren wird es staatlich unterstützt. Auch heute lebt die Schule von Spenden und privatem Engagement. Tiflis profitiert davon. Mit drei Orchestern, einem Opernhaus, etlichen Theatern und Chören zelebriert die Stadt europäische Hochkultur.

Das frühchristliche Land liegt geografisch jenseits der islamisch geprägten Türkei, deren Aufnahme von den Europäern mehrheitlich abgelehnt wird. Sonntags drängen sich die Menschen in den Kirchen, die von Oligarchen saniert oder neu gebaut worden sind. „Die Kirche ist viel mehr als Religion, sie bedeutet Zusammenhalt, soziale Unterstützung, sie ist einfach alles“, schwärmt Dirigent Vakhtang Kakhidze, der nicht nur das Tbilisi Symphony Orchestra leitet, sondern auch ein dazugehöriges Konzerthaus in Tiflis.

Am Donnerstag wird Vakhtang Kakhidze im Nikolaisaal dirigieren. „Eigentlich wollte ich gar nicht Dirigent werden, sondern lieber komponieren“, erzählt der 59-Jährige, der im Schatten seines berühmten Vaters Jansug Kakhidze aufwuchs, dem „Karajan des Ostens“. Auf Wunsch des Vaters lernte er bei ihm das Dirigieren. In den Zeiten des politischen Umbruchs baute sein Vater in Tiflis das Kakhidze Music Centre mit eigenem Konzertsaal und Sinfonieorchester auf. Als sein Vater 2002 starb, übernahm sein Sohn den Taktstock.

Georgien in Bedrängnis

Seit einem Jahrzehnt ist Georgien in großer Bedrängnis. Nur 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt patrouillieren russische Militärs. Russland hält derzeit 20 Prozent Georgiens besetzt. Schon 1993 trennte es Abchasien ab, den schönsten Teil der Schwarzmeerküste. 2008 errichtete Russland einen Zaun um Südossetien, der von Norden her tief ins Land hineinschneidet. Nach Tiflis flohen Tausende aus den besetzten Gebieten.

Russland ist unser eigentliches Problem“, urteilt Theaterautor Davit Gabunia, dessen Romandebüt in Übersetzung gerade im Rowohlt-Verlag erschien. „Die vielen russischen Touristen – sie erwarten ganz selbstverständlich, auf Russisch angesprochen zu werden. Das fühlt sich an wie kolonisiert. Deshalb informieren einige Cafés auf Schildern, dass sie nicht in russischer Sprache bedienen. Das finde ich gut“, sagt der 36-Jährige. „Wenn die Georgier nicht nationalistisch wären, gäbe es das Land gar nicht mehr“, erklärt Barbara Münchhausen, die Leiterin des Goethe-Institutes in Tiflis.

Kulturminister Giorgadze gibt sich zuversichtlich: „Georgien ist eine tolerante Nation. Als Südossetien 2008 besetzt wurde, demonstrierten sogar ethnische Russen gegen die russische Okkupation. Wir hoffen, dass sich das russische Volk verändern wird. Dann wird es auch die Möglichkeit geben, Partner zu werden.“

Das Land erholt sich

Der Zusammenbruch der Sowjetunion brachte Georgien zwar die Unabhängigkeit und eine demokratische Verfassung, doch Exportwege versiegten und die eigene Industrie wurde über den Weg der Privatisierung zerlegt und verkauft. Viele Georgier verließen das Land. Allein in Deutschland sollen 40 000 Georgier leben. Andere arbeiten in Russland, in den Ölstaaten oder der Türkei und schicken Geld nach Hause. Langsam erholt sich das Land. Milliardäre setzen sich in Tiflis verrückte Denkmäler: Riesenröhren als Konzerthalle, solitäre Bürotürme, eine pathetische Fußgängerbrücke, Luxushotels im Fabrikambiente. Doch die Armut ist groß. Auf den Straßen bieten alte Leute ihre Habseligkeiten an oder sitzen mit leeren Bechern in Unterführungen.

Sechs Millionen Euro zahlt Georgien für den großen Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse. Fragt man die Pianistin Mazmanishvili, was die georgische Kultur ausmacht, dann spricht sie von „europäischen Werten“, „Leidenschaftlichkeit“ und von „selbstlosem Engagement“. Kein Wunder, dass sie Beethoven liebt. Dessen drittes Klavierkonzert führt sie gern auf, um sich der Zugehörigkeit zu Europa zu vergewissern.

Termine:

Belcanto Georgia – Operngala mit dem Tbilisi Symphony Orchestra. 26. September um 20 Uhr in der Berliner Philarmonie.

Symphonische Meisterwerke mit dem Tbilisi Symphony Orchestra. 27. September um 19.30 Uhr im Nikolaisaal Potsdam. Karten unter 0331/288 88 28.

Von Nathalie Wozniak

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