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10:29 04.02.2020
2018 war Grit Poppe Stadtschreiberin in Rheinsberg, Nun hat sie einen neuen Roman vorgelegt. Quelle: Regine Buddeke
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Potsdam

Man stelle sich einmal vor, es gäbe einen Angstfresser. So eine Art Tier, das man sich wie einen Blutegel auf den Bauch setzt (der ja bekanntlich das Zentrum aller Ängste ist) und alles wird gut. Grit Poppe hat eine solche Spezies erfunden.

Dieser „Hirudo Timor“, wie sie ihn mit wissenschaftlichem Namen nennt, wurde von einem Professor in China gezüchtet, der nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 den Dissidenten helfen wollte. Denn eins ist klar: Nur Menschen ohne Angst sind zum Sturz der Regierung fähig.

Poppe war aktiv in der Bürgerbewegung

Grit Poppe muss es wissen. War die 1964 als Tochter des Bürgerrechtlers Gerd Poppe in Boltenhagen geborene Autorin, die heute in Potsdam wohnt, während der Wendezeit doch selbst aktiv in der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ tätig und traf dabei so manchen kritischen Geist, der sich etwas traute.

Weil sie in der DDR als Tochter eines Oppositionellen kein Abitur machen durfte, absolvierte sie, die immer schon schreiben wollte, eine Lehre zum „Facharbeiter für Schreibtechnik“, jobbte danach bei der Defa und in der Filmhochschule Babelsberg, bis sie beim zweiten Versuch endlich doch noch einen Platz am Literaturinstitut in Leipzig bekam. Ihren Abschlussessay mit dem Titel „Angst und Kunst“ schrieb sie über Alfred Hitchcock und Franz Kafka.

Grit Poppe: Angstfreser (Cover) Quelle: Verlag

Republikflucht dank einer 15-Jährigen

Eine Geburtstagsfeier in der Exklave Klein Glienicke nutzt Hans 1986 zur Republikflucht. Helfen lässt er sich dabei von der 15-jährigen Mira, die in der Sondersicherheitszone wohnt und ihm eine Leiter besorgt. Sie hat sich in den „wesentlich älteren Mann“ verguckt und erhofft sich mehr. Doch der klettert über die Mauer und lässt sie einfach zurück. Selbst als ein Schuss im Dunkeln schallt, dreht er sich nicht nach ihr um.

Das ist die Ausgangssituation. Gekonnt aus drei verschiedenen Perspektiven und in wechselnden Zeitebenen erzählt Grit Poppe wie es den Protagonisten weiter ergeht. Wie Hans bei seiner Flucht auf der anderen Seite der Mauer in Wannsee Sophie in die Arme läuft, bei ihr eine Bleibe findet und sich in sie verliebt.

1989 kehrt die Vergangenheit zurück

Drei gute Jahre verbringen die beiden. Bis der Republikflüchtling durch den Mauerfall von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Er erfährt, wie es der zurückgelassenen Mira in der DDR ergangen ist. Wie sie in ein Durchgangsheim in Bad Freienwalde und danach in den Jugendwerkhof musste. Irgendwie, so glaubt Hans, ist er dazu verpflichtet, seine Schuld von damals wieder gut zu machen und dem Mädchen zu helfen. Aber wie? Und geht das überhaupt?

Fast im Ton einer Chronistin erzählt Grit Poppe von den Beschädigungen ihrer Protagonisten. Immer hält sie die Distanz zu ihren Figuren. Die beginnen deswegen nie wirklich zu leben. Ihre Ängste werden kaum fühlbar. Am ehesten noch die von Mira. Dass auch Sophie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Angststörung entwickelt, ist dann irgendwie zu viel.

Frauen- oder Fantasy-Roman?

So wie überhaupt das ganze Buch etwas zu viel will. Ist das jetzt ein Frauen- oder ein Fantasyroman, fragt man sich nach den ersten Kapiteln? Ein Jugendbuch oder ein Krimi? Indem Grit Poppe mit dem Hirudo Timor surreale Elemente einführt, nimmt sie der Republikflucht die reale Härte. Sowohl Mira als auch Hans bekommen den Angstfresser von einer chinesischen Heilerin angesetzt, die dann plötzlich abtauchen muss, weil sie verfolgt wird. Das liest sich spannend. Aber hätte es dessen bedurft?

Grit Poppe besitzt selbst eine bewegte Vita. Die DDR hat genügend fantastische Geschichten hervorgebracht. Ihnen und all den Einzelschicksalen nachzuspüren, hat die Autorin in Jugendromanen wie „Abgehauen“ (2012) oder „Schuld“ (2014) vorbildlich verstanden. Sogar bis zur Schullektüre hat es ihr auf Recherchen basierendes Buch „Weggesperrt“ (2009) in Baden-Württemberg geschafft.

Aber die Wirklichkeit so zu erzählen wie sie ist, scheint dieser Grenzgängerin nicht genug. Auch im neuen Roman sprengt Grit Poppe die Realität und lässt ihrer Fantasie wieder freien Lauf. Als Schriftstellerin darf sie das. Keine Frage.

Grit Poppe: Angstfresser. Mitteldeutscher Verlag, 352 Seiten, 20 Euro.

Am 20. Februar liest Grit Poppe um 20 Uhr aus ihrem neuen Roman „Angstfresser“ im Brandenburgischen Literaturbüro in Potsdam, Villa Quandt, Große Weinmeisterstr. 46/47.

Von Welf Grombacher

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