Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Fünf Komponisten vertonen die Beklemmung im Stasiknast
Nachrichten Kultur Fünf Komponisten vertonen die Beklemmung im Stasiknast
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:16 01.07.2019
Ralph Günthner legt die Viola auch einmal beiseite und steuert Klänge mit einer schweren Kette bei. Quelle: Stefan Gloede
Potsdam

„Ich hätte nie gedacht, dass dieses Haus einmal eine Gedenkstätte wird. So läuft Geschichte“, sagt Lothar Aust. Viereinhalb Monate hat der heute 80-Jährige vor 57 Jahren im Stasiknast verbracht. Der Versuch, im November 1961 von Kleinmachnow nach Westberlin zu fliehen, brachten ihm hier schlimme Verhöre, Misshandlungen und Erniedrigungen ein. Als Glück im Unglück erinnert Aust, dass er einmal mit einem anderen Hobbymusiker auf eine Zelle zusammengelegt wurde. Das unfreiwillige Duo vertrieb sich die Stunden, indem es leise musizierte. Der Schlagzeuger besorgte den Groove, Aust setzte seine Stimme wie ein Blasinstrument ein.

Impression vor dem Gesprächskonzert in der Gedenkstätte Lindenstraße am 27. Juni 2019 in Potsdam. Quelle: Stefan Gloede

„Klänge hinter Mauern“ – unter diesem Motto stand am Donnerstagabend ein Gesprächskonzert im trutzigen Gefängniskomplex in der Potsdamer Lindenstraße. Die Idee entstand vor drei Jahren. Gedenkstätten-Leiterin Uta Gerlant und Alexander Hollensteiner, Geschäftsführer der Kammerakademie Potsdam, wählten aus 50 Bewerbern fünf junge Komponisten aus und stellten ihnen fünf Zeitzeugen zur Seite. Wie würde deren Eingesperrtsein vertont klingen?

Die Gedenkstätte Lindenstraße zählte im vergangenen Jahr 17.722 Besucher. Darunter waren 6.176 Schüler. Ihre öffentliche Förderung betrug 2018 knapp 700.000 Euro.

Das Barockpalais wurde bereits in der Nazi-Diktatur als Gefängnis und Gericht genutzt. Heute versteht sich das Haus in der Potsdamer Innenstadt als Gedenk- und Lernort für die Geschichte politischer Verfolgung im 20. Jahrhundert in Deutschland.

 

In der Festung wurde den Ohren, die sich nicht einfach verschließen lassen, dumpfe Kost geboten: das Rasseln von Schlüsseln, das Zuschlagen von Türen und Essensklappen, Schreie und Befehle. Durch die Wände verständigten sich die Häftlinge mit Klopfzeichen, es galt das Knastalphabet – A ein Klopfer, B zwei... Aus der Ferne hörten sie manchmal Flugzeuge und Kirchenglocken.

Held der eigenen Geschichte

Lothar Aust nimmt sein Saxophon und begibt sich in den Kreis der Profimusiker. Als Held seiner Geschichte darf er die ersten und die letzten Takte eines vierteiligen Stückes mitspielen. Geschrieben hat es der 31-jährige Ephraim Peise. Teil eins ist mit „Allein sein“ überschrieben und Aust bläst wiederholt ein Melodie aus sechs Tönen. Lange Pausen bringen die Einsamkeit auf den Punkt. Es ist die einzige Komposition an diesem Abend, die mit einer popmusicalhaften Stilistik aufwartet. Peise ist von Hause aus Filmkomponist. Unschuldig und süß tönen Querflöte und Trompete, bis der Kontrabass in strengem Metrum einschreitet und sich der Türspion öffnet, denn der nächste Teil heißt „beobachtet“. Zu guter Letzt wird die „Freiheit“ in feierliche, zaghafte, dunkle Töne übersetzt, die dann das Saxophon übernimmt. Man sieht vor dem inneren Auge, wie Aust als 23-jähriger Mann aus dem Gefängnis tritt.

Musiker der Kammerakademie Potsdam mit dem Zeitzeuge Lothar Aust (3. v. l.). Stefan Gloede Quelle: Stefan Gloede

Helga Scharf wurde bereits 1952 kurz nach ihrem 18. Geburtstag wegen „Boykotthetze“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Wachmannschaften seien auf Filzpantoffeln durch die Gänge geschlichen, um die Häftlinge zu überraschen, erzählt sie. Ihr halbes Jahr Einzelhaft inspirierte Felix Stachelhaus zu der Komposition ,… und alles in der Still‘“. Eines der wenigen Geräusche, das sie während eines Freiganges hörte, war die Glocke der Garnisonkirche. Das Stück greift die obertonreiche Stimmung einer Glocke auf, entwickelt dynamische Pattern. Nach expressiven Aufheulern und Fauchern bleiben leise Töne oder Cluster stehen, alles durchwebt von feiner perkussiver Dramatik.  

Klirrgeräusche mit einer Kette

Der ehemalige Leistungssportler Bernd Richter wurde Anfang der 1970er Jahre in eine Dunkelzelle gesperrt, in der er nicht einmal stehen konnte. Er hörte nur noch sein Herz und seinen Atem. In „Poesie des Vergessens“ lässt der 1989 geborene Spanier Alberto Arroyo die Musikerin Bettina Lange tonlos Luft in die Querflöte blasen und aus ihr herausziehen. Sie flüstert auch Sätze wie „Ich fass es nicht“ auf die Kante und verleiht den Worten einen silbrigen Hauch. Kontrabassist Tobias Lampelzammer imitiert mit dem Bogen das hüpfende Herz. Der Bratscher Ralph Günther legt sein Instrument aus der Hand und streut Klirrgeräusche einer schweren Kette ein. Mit einem Stopfer dämpft Nathan Plante seine Trompete, die auch über weite Strecken tonlos bleibt.

Am Ende formieren sich die beteiligten Musiker, Zeitzeugen, Komponisten und Veranstalter im Hof der Gedenkstätte zu einem Gruppenbild. Quelle: Stefan Gloede

In „Eingemauert“ lässt der Brasilianer Giordano Bruno do Nascimento viele flirrende und expressive Klangbilder einfließen. Unisono wird plötzlich der Anfang eines Vaterunsers gebetet.

„Für diese Schweine keine Träne“

Ein Irrtum, wer denkt, die politische Justiz der DDR habe zum Ende hin weniger hart durchgegriffen. In den letzten Jahren von SED-Chef Walter Ulbricht wurden weniger Menschen verhaftet als unter dessen Nachfolger Erich Honecker. Für diese Zeit steht Heidelore Rutz, die 1983 nach einer Schweigedemonstration in Jena festgenommen wurde. Der 26-jährige Engländer Hector Docx nennt das ihr gewidmete Stück „Für diese Schweine keine Träne“. Zuvor erzählte die kleine energische Frau, wie sie in Tränen ausbrach als sie die Wärter beim Umkleiden beobachten. Und sie schwört sich: „Das ist das letzte Mal, dass Du geweint hast. Für diese Schweine keine Träne“.

Realismus der Neuen Musik

Mehr als 30 Jahre liegen diese Erfahrungen zurück. Die Komponisten um die 30 wählen heute auffällig konkrete, realistische, sogar naturalistische Mittel, wenn sie sich in die Opfer hineinversetzen. Der Grad der Abstraktion nimmt offenbar mit der Zeit ab.

Von Karim Saab

Der Erfolgsroman „Vor dem Fest“ über ein Dorf in der Mark war Abi-Stoff – ausgerechnet in Hamburg. Der Autor schrieb die Prüfung anonym mit und erhielt 13 von 15 Punkten. Teil der Aufgaben war auch ein Fortsetzungskapitel.

27.06.2019

Ausgerechnet die 25. Auflage der renommierten Ausstellung muss abgesagt werden, weil die Brandenburger Heinrich-Böll-Stiftung dem Projekt die Unterstützung entzog

27.06.2019

Familienzuwachs machte schon Susi in Disneys „Susi und Strolch“ zu schaffen. Auch Terriermischling Max muss sich in „Pets 2“ (Kinostart am 27. Juni) damit arrangieren, dass ein Baby die Gunst von Frauchen abzieht. Dann wird er zum Helikopterhund.

27.06.2019