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Kultur Grandios verstörend: „Mamma Medea“
Nachrichten Kultur Grandios verstörend: „Mamma Medea“
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13:54 24.01.2017
Lisa Schützenberger als Medea und Gunnar Golkowski als Jason. Quelle: Marlies Kross
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Cottbus

Sie hat sich Knall auf Fall in diesen fremden Schönling verliebt. Für diesen arroganten Abenteurer, der in ihrer Heimat verhasst ist, hat sie gestohlen und gemordet. Seinen Verlockungen und Liebesschwüren erlegen, ist sie mit ihm in die Fremde geflohen, hat dort seine Söhne zur Welt gebracht und auf ein Leben in Würde und Frieden gehofft. Doch wohin sie auch kommt, überall wird sie als angefeindet und gemieden. Schnell ist ihre Ehe zerrüttet, sucht sich ihr Mann eine neue Frau und unternimmt nichts dagegen, dass sie ausgewiesen und ihre Kinder zurücklassen soll. Wundert es, dass sie auf Rache sinnt, wild um sich schlägt und alles zerstören will, was ihr eben noch lieb und teuer war?

Ein blutiger Rosenkrieg, ein Abgrund, ein Verrat, ein Leben auf der Flucht und die bittere Erkenntnis, dass man Liebe nicht erzwingen und Heimat und Herkunft nicht verleugnen kann: brisanter und aktueller geht es nicht. Doch der Stoff, aus dem dieser grandiose Theaterabend im Staatstheater Cottbus geschnitzt ist, hat schon viele hundert Jahre auf dem Buckel und wurde immer wieder aufs neue mit zeitloser Sprengkraft aufgefüllt. Die griechische Sage von Jasons Argonauten und die „Medea“-Tragödie von Euripides haben Franz Grillparzer und Hans Henny Jahnn, Christa Wolf und Pier Paolo Pasolini zu immer neuen theatralischen, literarischen und filmischen Alpträumen über Verrat und Flucht, Heimatlosigkeit und Fremdenhass inspiriert. Regisseur Mario Holetzeck verabschiedet sich nach neun Jahren als federführender Schauspiel-Leiter und Theater-Visionär aus Cottbus mit einer vom belgischen Autor Tom Lanoye verfassten Variante: „Mamma Medea“ erzählt die Geschichte vom Griechen Jason, der nach Kolchis reist, um das Goldene Vlies zu stehlen, der seinen Kopf nur retten und seinen Raub nur mit Hilfe von Medea bewerkstelligen kann, der sich - zurück in seiner Heimat - als Held feiern lässt und die Liebe seiner Frau aufs Spiel setzt, um die junge Königstochter von Korinth zu freien und zum mächtigen Mann aufzusteigen, mit gnadenloser Präzision und archaischer Wucht. Um die Banalität des Bösen, das erbärmliche Geschwätz der Helden und die gefährlichen Lügen der Blut-und-Boden-Ideologen zu demonstrieren, konterkariert Lanoye das hohe Dichter-Pathos mit schnödem Alltags-Jargon.

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Die Bühne (Gundula Martin): ein geschlossenes Gefängnis aus nackten Stelen und kaltem Licht. Die Musik (Hans Petith): ein bedrohliches Raunen und rituelles Grummeln. Die Videos (Oliver Seidel): ein geheimnisvolles System, in dem sich digitale Zeichen und archaische Sprachwucht rätselhaft vereinen. Die Darsteller: von bedrohlicher Präsenz und beängstigender Kraft. Gunnar Golkowski, sonst eher als Bruder Leichtfuß und verschmitzter Eintänzer bekannt, ist als Jason ein zynischer Macho und egozentrischer Machtmensch. Die Medea der hoch talentierten jungen Lisa Schützenberger ist eine gefährlich auf dem schmalen Grat zwischen mädchenhafter Liebes-Sehnsucht und blutrünstigem Rache-Engel irrlichternde Furie. Ihrem halsbrecherischen Spiel zuzusehen, ihren Worten, die wie giftige Pfeile aus dem Mund schießen, zu lauschen, hat etwas Beängstigendes. Schon sie allein macht den Abend, an dem die Liebe als Illusion und der Verrat als Normalfall blutig seziert wird, zu einem außerordentlichen und in seiner verstörenden Zeitlosigkeit beglückenden Ereignis. Wenn im Finale, abweichend vom Ur-Stoff, Medea und Jason gemeinsam die Kinder ermorden und für immer unglücklich aneinander gekettet in die Hölle ihrer Ausweglosigkeit schauen, herrscht atemlose Stille. Das Premieren-Publikum bedankt sich mit stürmischem Applaus und verabschiedet Mario Holetzeck mit stehenden Ovationen.

Nächste Vorstellungen am 25. Januar, 8. Februar, 2. März, Karten unter 03 55/78 24 24 24 oder unter www.staaatstheater-cottbus.de

Von Frank Dietschreit