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Kultur Jürgen Kuttner: „Der DDR verdanke ich meine umfassende Bildung“
Nachrichten Kultur Jürgen Kuttner: „Der DDR verdanke ich meine umfassende Bildung“
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12:35 13.11.2019
Jürgen Kuttner läuft bei Videoschnipsel-Vorträgen regelmäßig zur Höchstform auf. Quelle: Regine Buddeke
Potsdam

Das glücklichste Volk der Welt? Von Jubel und positivem Selbstbewusstsein war am Themenabend des Hans-Otto-Theaters zum 9. November so gut wie nichts zu spüren. Melancholie, Enttäuschung und Resignation dominierten in den Reflexionen. Die DDR-Bürger von einst wurden weniger als Helden dargestellt, sondern als Naivlinge, die von der historischen Situation überfordert waren.

Viele Sichten auf ein jähes Ende

Dabei bot das Programm viele Facetten. Bis zur Pause musste sich jeder Zuschauer entscheiden, ob er Darbietungen vor oder hinter dem Eisernen Vorhang folgen wollte. Auf der Vorderbühne saßen fünf Schauspieler und lasen authentische Erinnerungen von Potsdamern. Ein Umweltaktivist, ein Sternwarten-Lehrling, ein Krankenpfleger, eine Defa-Aufnahmeleiterin, aktive Christen sowie ein Geheimdienstler und ein Polizist stellten ihre unterschiedliche Sicht auf das jähe Ende der DDR dar. Die traurige Grundstimmung entstand hier durch sieben DDR-Lieder, die von den Schauspieler zwischendurch angestimmt wurden. Sie stammten von Silly, Hans-Eckardt Wenzel, Gundermann und Gerhard Schöne, die auf poetische Weise ihr Leiden an den DDR-Verhältnissen zum Ausdruck gebracht hatten.

Die Welt aus den Händen geschlagen

Der Autor Martin Ahrends, der in den 1990er Jahren die Interviews mit den Potsdamer Zeitzeugen geführt hatte, wirkte indes bei einem Auftritt der neuen Bürgerbühne des Hans-Otto-Theaters im Malsaal mit. Etwa 20 Laien führten dort, unterlegt vom rhythmischen Picken der Mauerspechte, einen Sprechchor auf, in dem auch Einzelpositionen zur Sprache kamen. „Der Mauerfall war ein Nebenprodukt unseres Aufbruchs und war von den stammelnden Greisen des Politbüros als Ventil gedacht. In dem Moment, als wir die Welt zur unseren machen wollten, wurde sie uns aus den Händen geschlagen“, sagt zum Beispiel Ahrends. Ähnliche Positionen wurde an diesem Abend mehrfach formuliert.

Die theatralen Nachstellungen bleiben blass

Der Parcours hinter dem Eisernen Vorhang umfasste fünf Stationen. Die Gruppen wurden zum Beispiel in einem Fahrstuhl platziert, um das Schicksal des HOT-Schauspielers Ralf-Günter Krolkiewicz vorgeführt zu bekommen. Er wurde 1984 wegen staatsfeindlicher Gedichte verhaftet und zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Auf schlichtes Reenactment setzten die Dramaturgen Alexandra Engelmann und Christopher Hanf. Auf der Hinterbühne trugen zwei Schauspieler Ausschnitte aus Reden vor, wie sie am 4. November auf dem Alexanderplatz gehalten wurden. Und Jon-Kaare Koppe und Philipp Mauritz stellten in der Schlosserei ein Interview mit Heiner Müller nach. Beide theatrale Nachstellungen wirkten unbeholfen und der Kraft originaler Filmdokumente weit unterlegen. Dramaturgin Carola Gerbert versuchte wenigstens, für eine durch Tonbandaufnahmen überlieferte ZK-Tagung in der Dekorationsabteilung kleine szenische Bilder zu finden.

„Kunst muss wehtun!“

Eine leibhaftige, hochpolitische und kritisch-humorvolle Auseinandersetzung mit der medialen Welt stand dann nach der Pause für alle Besucher auf dem Programm. Erstmals durfte der in der Berliner Volksbühne beheimatete Entertainer Jürgen Kuttner einen seiner Videoschnipsel-Vorträge in Potsdam halten. Gegen seine sogenannte „Terrorschleife“ am Anfang, eine laut eingestellte Kurzsequenz aus dem DDR-Fernsehen, schritt beherzt eine Zuschauerin ein, indem sie das Laptop auf der Bühne einfach stoppte. Auch später zeigte sich der Radiomoderator wenig erfreut, wenn Stimmen aus dem Publikum ihm Paroli bieten wollten. „Kunst muss wehtun!“ rief er ins Parkett und echauffierte sich über „Joop, Jauch und Döpfner, denen das schöne Potsdam gehört“. Er warnte: „Ich kann schneller reden als Sie hören können“ und zog seine fast zwei Stunden dauernde Belehrung des Publikums durch.

Vergleich zwischen 1975 und 2019

Er selbst nennt diese Kunstform „Betreutes Fernsehen“. Wie einst in Eduard von Schnitzlers „Schwarzen Kanal“, nur eben intelligenter und satirischer gestimmt, führt er Blüten aus den Fernseh-Archiven vor, die er ausladend erklärt. Die Positionen des agilen, anstrengenden 61-Jährigen, der 1987 in der DDR im Fach Kulturwissenschaften promoviert hat, konnten nur unwidersprochen hingenommen werden. Seine Medienschelte fiel so undifferenziert aus, dass er im Grunde genommen dem Generalverdikt „Lügenpresse“ zustimmte. Die Ursache für AfD-Sympathien in den neuen Bundesländern dürfe man nicht in der DDR suchen, meinte er und forderte das Publikum auf, sich in das Jahr 1975 zu versetzen. Damals habe man die Verhältnisse doch auch nicht mit der NS-Diktatur erklärt, so Kuttner. Damit blendete er die Legitimation des SED-Staates aus wie auch eine wesentliche Triebfeder für die westdeutsche 68er-Bewegung. Bei aller Kritik hielt er der DDR zugute, dass sie ihm seine umfassende Bildung ermöglicht habe und ein Ort gewesen sei, an dem die Utopie ein Zuhause hatte.

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