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Kultur Warum Gundula Schulze Eldowy in Manhattan der Sozialfotografie abschwor und seit 1990 höhere Wahrheiten sucht
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17:11 30.08.2019
Dieses mehrfach belichtete Foto ist Teil einer ganzen Serie, mit der Gundula Schulze Eldowy das komplexe Leben in den Straßen von Manhattan Anfang der 90er Jahre einfing. Quelle: Gundula Schulze-Eldowy
Berlin

Ein gründerzeitliches Mietshaus gegenüber vom Rathaus Pankow. Wer unter dem Dach eine Wohnung oder ein Atelier erwartet, landet in einem Kunstdepot. Aus dem Mansardenfenster fällt der Blick über Berliner Hinterhöfe.

Weltenbummlerin in der alten Heimat

Gundula Schulze Eldowy trägt einen roten Blumenkranz im offenen Haar. Mit ihren grandiosen Fotos hat die Mittsechzigerin weltweit große Erfolge gefeiert. Gerade besann sich ihre Geburtsstadt Erfurt auf die Weltenbummlerin. In der dortigen Kunsthalle waren 200 Bilder zu sehen. Zeitgleich lief eine Ausstellung in Zürich. Am heutigen Samstag kommt Gundula Schulze Eldowy nach Potsdam in die Galerie Blumenberg, wo allerdings nur 20 Bilder Platz finden. Es sind aber Schlüsselbilder. Wer verstehen will, warum aus der gefeierten sozialkritischen Reporterin mit DDR-Background eine ganz andere Künstlerin geworden ist, muss diese New Yorker Bilder aus den Jahren 1990 bis 1993 sehen.

Eine Künstlerin, die Kunst sammelt

An den Wänden lehnen, dicht aufgereiht, unzählige verpackte Bilder und Gegenstände. Einige sind mit der Schauseite ins Licht gerückt. Irgendwo steht sicher auch ihr Bett. Wir sitzen in einer hellen, gemütlichen Ecke. Alles ist peinlich sauber. In einem Regal unterm Fenster liegen dicke Hefter mit Ringbindung. Gundula Schulze Eldowy ist nicht nur Künstlerin, sie sammelt auch Kunst und hat die 900 Werke von 150 Künstlern aus 20 Ländern sorgfältig inventarisiert. „Es sind auch Fossilien von Meerestieren dabei, die mein peruanischer Mann und ich auf den höchsten Bergen der Anden fanden“, sagt sie.

Will nicht von sich absehen

Gundula Schulze Eldowy ist nicht nur auf sich selbst fixiert. Mit ihrem leuchtenden, offenherzigen Blick weiß sie Menschen für sich einzunehmen. Was ihr als Künstlerin gelungen ist, erscheint ihr heute wie ein großes Mysterium. „Es gibt keine objektive Realität“, so ihre Erkenntnis, „aber es gibt unsere Schöpferkraft“. Um diesen göttlichen Funken, die unbekannte Kraft, zu erforschen, hat sie 14 Künstlerkollegen interviewt, darunter Maler wie Strawalde, Michael Morgner oder Achim Freyer. Sie plant ein Gesprächsbuch mit dem Titel „Aus dem Schweigen fällt der Sinn“. Dass Gundula Schulze Eldowy auch schreiben kann und wie lebendig und präzise sie ihre eigene Arbeit reflektiert, hat sie in dem Geschichten-Buch „Am fortgewehten Ort“ (2011) gezeigt. Natürlich kann eine obsessive Künstlerin wie sie nicht von sich absehen. Um sich zu erklären, sucht sie nach einem Zitat von Egon Fridell. Es beginnt mit dem Satz: „Für den genialen Menschen gibt es nichts Geistvolleres, Tieferes als seine eigene Lebensgeschichte.“

Sympathie fürs Leben

1972, mit 18 Jahren, ging die Erfurterin nach Ostberlin. Ihre Schwarz-Weiß-Reportagen aus den Hinterhöfen schürften tief im Milieu des Scheunenviertels. Im gegenseitigen Einvernehmen porträtierte sie Fabrikarbeiter und Außenseiter. Spektakulär waren die Aktfotos von Lothar, dem skurrilen Angestellten, und von Tamerlan, der stolzen Frau auf dem Totenbett. Aus den Serien spricht eine so tiefe, emotionale Kraft, dass der US-Fotograf Robert Frank (ein Klassiker seit „The Americans“, 1958) bei einem Ostberlin-Besuch 1985 auf sie aufmerksam wurde. Über einen Mittelsmann in Westberlin wechselten beide viele Briefe. Am 1. Januar 1987 schrieb Frank an die junge Kollegin: „Du hast so viel Sympathie fürs Leben und Leiden. Für die Menschen, welche vor Dir stehen und die ahnen, dass diese Fotos, dieser Moment übrig bleiben wird.“ Der gebürtige Schweizer bezeichnete sie auch als „talentiertes Tier“.

Unter Promis in New York

Als die Stasi wegen dieses Kontaktes ein Verfahren wegen „CIA-Spionage“ gegen sie vorbereitete, fiel die Mauer. Robert Frank verschaffte ihr ein Aufenthaltsvisum für die USA. Sie blieb bis 1993 in Manhattan und lernte durch ihn Berühmtheiten wie Allen Ginsberg, Cindy Sherman und Robert Wilson kennen. Vor allem nahm sie der New Yorker Pace-Galerist Peter MacGill unter seine Fittiche. Das Museum of Modern Art erwarb ihre sozialkritischen Fotos aus der DDR.

Mit 40 noch nicht fertig

„Das war mein Frühwerk. Ich war noch keine 40. Mein Werk war noch im Entstehen!“, ruft sie heute. Sie wollte auch der neuen Welt mit dem Fotoapparat beikommen. Zunächst fühlte sie sich überfordert. Wochenlang zog sie durch die bunten Straßenschluchten und ließ alles auf sich wirken: Menschen, Autos die verrücktesten Schaufensterauslagen, Museen, Bäume, Tiere, Wechselstuben. Für welchen Ausschnitt sollte sie sich entscheiden? Alles „in dieser modernen Geisterstadt“ stand mit allem in schwirrender Verbindung. Das brachte sie auf die Idee, durch Mehrfachbelichtungen eines Farbnegativs die Gleichzeitigkeit, die Mehrdeutigkeit und ihr eigens Schwindelgefühl einzufangen. Mit einer Mischung aus Zufall und Kalkül entstand die Serie „Spinning On My Heels“, sinngemäß: „Einmal um die Achse gedreht“.

Flucht aus der überhitzten Stadt

1993 floh Gundula Schulze aus der überhitzten Stadt und ging nach Ägypten, wo sie sieben Jahre blieb. Über Umwegen landete sie schließlich in Peru, gab aber ihr Berliner Domizil nie auf. Der Galerist in New York sortierte sie bald aus, weil sie in der Metropole nicht mehr präsent war und stilistisch sich nicht treu blieb, sondern einen tiefen Sinneswandel durchmachte. Seither versucht Gundula Schulze Eldowy, mit höchst ungewöhnlichen Bildern die menschliche Natur zu ergründen. „Ich muss hineingehen in andere Bewusstseinsformen, in die geistige Welt“, so ihr Ziel.

Die Energie der Orte

Ein Bekenntnis von ihr ließe sich aber über ihr gesamtes Leben und Werk schreiben: „Ich lasse mich leiten von der Energie vor Ort.“ Das ist auch der Grund, warum sie sich heute in Berlin und in Europa weniger zu Hause fühlt. Hier verspürt sie noch „den alten kolonialistischen, männlichen Geist“. Amerika setzt sie mit „Weiblichkeit, Intuition und Herzlichkeit“ gleich.

info Gundula Schulze Eldowy: Spinning On My Heels. New York 1991-93. Mi-Sa 14-18 Uhr. Bis 28. Sep., Ausstellungseröffnung mit der Künstlerin am 31. Aug., 19 Uhr. Galerie Blumberg: fotokunst. Jägerstraße 20, Potsdam.

Von Karim Saab

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