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Kultur HFF-Absolvent präsentiert Berlinale-Film „Kreuzweg"
Nachrichten Kultur HFF-Absolvent präsentiert Berlinale-Film „Kreuzweg"
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15:11 09.02.2014
Geht heute ins Rennen um den Goldenen Bären: Dietrich Brüggemann.
Geht heute ins Rennen um den Goldenen Bären: Dietrich Brüggemann. Quelle: Camino
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MAZ: Herr Brüggemann, wann haben Sie erfahren, dass Ihr Film "Kreuzweg" im Wettbewerb der Berlinale laufen wird?
Dietrich Brüggemann: Etwa eine Woche vor Weihnachten erhielt mein Produzent Jochen Laube den Anruf mit der Nachricht. Wir haben uns natürlich gefreut, durften aber noch niemandem etwas sagen.

"Kreuzweg" erzählt eine radikale Geschichte über eine sehr strenggläubige katholische Familie. Wie sind Sie auf das Thema gestoßen? Sind Sie religiös erzogen?
Brüggemann: Ich bin zwar getauft, aber in unserer Familie spielte Religion zunächst keine große Rolle. Erst als wir einige Jahre in Südafrika lebten, ging man eher aus sozial-kulturellen Gründen in die Kirche der deutschen Gemeinde. Aus Unbehagen an der Hippie-Kultur, die ja in der modernen Kirche gern gepflegt wird, ist mein Vater dann auf die Pius-Bruderschaft gestoßen.

Eine Szene aus dem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Kreuzweg". Quelle: Camino

Die Pius-Brüder sind eine katholische Priestervereinigung, die die Reformbeschlüsse der Kirche in den 60er Jahren ablehnt.
Brüggemann: Ja, genau. Die Pius-Brüder sind aber eigentlich keine Sekte, sondern machen nur das, was die Kirche immer gemacht hat. Sie behaupten von sich, die reine katholische Lehre zu vertreten. Wir sind damals auch nicht lange geblieben, aber für einen Einblick hat es schon gereicht.

Man könnte ja denken, das Thema Religion hätte sich längst erledigt. Aber das ist nicht der Fall.
Brüggemann: Genau. In Amerika verbreiten sich gerade die evangelikalen Christen. Der militante Islam ist sowieso ständig in den Medien. Da haben wir uns gedacht, fundamentale Strömungen gibt es ja auch bei uns in Deutschland. Warum nicht darüber einen Film machen?

Wie erklären Sie sich den Zuspruch der Menschen zur Religion, zu welcher auch immer?
Brüggemann: Der Mensch ist so gestrickt, dass er gerne an irgendwas glaubt, das ihm vermeintlich einen Sinn gibt. Ich finde es auch nicht richtig, Gläubige zu verurteilen oder zu sagen, dass das doch alles Quatsch ist. Sollen die Leute sich doch zusammenfinden in einer Gemeinde, einander Beistand leisten. Die Frage ist nur, welche Religionsausübung mit einem guten Leben vereinbar ist und wann es menschenverachtend wird.

Multitalent Dietrich Brüggemann

  • Geboren 1976 in München, aufgewachsen in verschiedenen Orten.
  • Nach dem Abitur studiert er ein Semester Theaterwissenschaft, von 1998 bis 2000 jobbt er bei verschiedenen Filmprojekten.
  • 2000 bis 2006 Regiestudium an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg.
  • Mit seinem Debütfilm „Neun Szenen“ schließt er sein Studium ab. 2010 dreht er „Renn, wenn Du kannst“, zwei Jahre später „3 Zimmer/Küche/Bad“ .
  • Alle Filme entstehen zusammen mit seiner Schwester Anna, mit der er die Drehbücher schreibt. Sie werden oft als Dreamteam des deutschen Kinos bezeichnet.
  • „Kreuzweg“ ist sein vierter Film und läuft am Sonntagabend im Wettbewerb der Berlinale. Er erzählt von der 14-jährigen Maria, die in einer streng religiösen Familie aufwächst und daran zu Grunde geht. Brüggemann entfaltet in 14 Bildern das Seelenleid seiner Protagonistin.
  • Neben den Regiearbeiten beschäftigt sich Brüggemann mit Musik und Fotografie. Außerdem schreibt er für die Filmzeitschrift „Schnitt“.
  • Dietrich Brüggemann lebt in Berlin-Kreuzberg.

Glauben Sie an Wunder?
Brüggemann: Wunder? Nö, erstmal nicht. Wenn jemand drei Nächte lang hintereinander von jemandem träumt und die Person stirbt zeitgleich, dann ist das als Geschichte interessant. Da muss man nicht gleich nach wahr oder falsch fragen.

Mussten Sie viel recherchieren?
Brüggemann: Nein, ich kannte mich schon ziemlich gut aus. Mich haben Glaubenssysteme schon immer fasziniert, da lese ich mich regelmäßig fest.

Welches sind Ihre nächsten Projekte? Nach diesem Thema braucht man doch etwas Heiteres.
Brüggemann: Als Nächstes mache ich vielleicht eine Superhelden-Komödie mit der Ufa. Auch eine surreale Musical-Serie fürs Fernsehen ist mit dem SWR in Arbeit. Das ist der Versuch, an Monty Python anzudocken. Mal sehen, was daraus wird. Und eine Komödie mit Neonazis möchte ich machen. Die NSU-Affäre war ja ermittlungstechnisch eine einzige Farce: Verfassungsämter, die nichts voneinander wissen, und so weiter.

Und was machen Sie aus dem NSU-Skandal?
Brüggemann: Das, was er ist: eine schwarze Komödie über ein Land, das es nicht hinkriegt, mit ein paar Nazis fertigzuwerden.

Wieder mit Ihrer Schwester Anna?
Brüggemann: Nein, das habe ich diesmal alleine geschrieben. Aber Film funktioniert nur als Team-Arbeit, darum bin ich auch so froh über meine Kontakte zur Potsdamer Filmhochschule (HFF), die immer noch bestehen. Ich habe da meine Gang gefunden, darum liegt mir die Schule auch so am Herzen. Die Studienzeit hat mich sehr geprägt, ich hatte Zeit, mich zu entfalten. Darum halte ich es auch für fatal, dass die HFF jetzt Master- und Bachelor-Studiengänge einführt. Damit verkürzt sich die Studienzeit auf drei Jahre. Da dreht hinterher niemand einen sinnvollen Langfilm.

Wie hat es Sie überhaupt nach Potsdam verschlagen?
Brüggemann: Ich hatte nach dem Abitur zunächst beim Film gejobbt und ein Semester Theaterwissenschaften studiert. Beworben habe ich mich an mehreren Filmhochschulen in Deutschland, aber die HFF hatte ich nicht auf meinem Radar. Bis ich auf einem Festival in Regensburg Kurzfilme der HFF gesehen habe und sie ziemlich gut fand.

Und dann haben Sie sich an der HFF beworben?
Brüggemann: Ja, und als man mich zur Prüfung eingeladen hatte, habe ich mir erstmal aus der Münchener Stadtbibliothek Defa-Filme ausgeliehen, "Spur der Steine", "Ich war 19", "Solo Sunny". Eben alles, was es dort auf VHS so gab. Das hat mich beeindruckt, der Blick auf Menschen in diesen Filmen war subtil anders als das, was ich kannte. Ich kam eher blauäugig in den Osten und fand auch hier: Der Umgang war subtil anders, ein bisschen solidarischer, gemütlicher. Die Schattenseite war, dass es auch etwas verschnarchter zuging. Ich bin froh, dass ich hier gelandet bin.

Sind Sie viel in Brandenburg unterwegs?
Brüggemann: Wir haben "3 Zimmer/Küche/Bad" im Haus von Günther Fischer im Brandenburgischen gedreht. Wir brauchten ein typisches West-Haus, aber im Berliner Umland. Unser Locationscout hat das Haus am Seddiner See gefunden, es stand leer. Ein älterer, freundlicher Herr führte uns erst durchs Haus, dann ins Tonstudio, wir fragten: Tonstudio? Und da kam erst heraus, dass es sich um diesen Günther Fischer handelt, den Komponisten von "Solo Sunny" und tausend anderen Filmen. Er hat sich damals jede Türklinke und jeden Wasserhahn aus dem Westen kommen lassen.

Wenn Sie keine Spielfilme drehen, machen Sie Musikvideos.
Brüggemann: Ja, Musikvideos für Thees Uhlmann, Kettcar oder jetzt für Judith Holofernes. Das macht Spaß, ich mag die Musik und die Leute. Ich kann da viel mehr experimentieren als in meinen Filmen.

Viel Geld verdient man damit wahrscheinlich nicht.
Brüggemann: Ich lebe ein etwas luxuriöses Studentenleben, bewohne immer noch eine WG, fahre Fahrrad, mache keine teuren Reisen und nehme keine Drogen. Der einzige Luxus, den ich mir leiste, ist ein uraltes Auto.

Ein Oldtimer? Welches Modell?
Brüggemann: Einen Porsche 924, das Billigmodell aus den 80er Jahren. Es war damals verschrien als Auto für Zahnarztgattinnen oder als Hausfrauen-Porsche. An dem bastele ich auch selber herum,und wenn ich Ersatzteile brauche, fahre ich in die Nähe von Ketzin zu Knut. Knut schlachtet alte 924er aus und verkauft Teile. Das ist eine interessante Subkultur, in die ich da reingekommen bin.

Auf Ihrer Homepage ist noch von Klavierabenden im Deutschen Theater die Rede ...
Brüggemann: Ich spiele Klavier und mache im Deutschen Theater in Berlin regelmäßig eine Show, in der ich Stummfilme begleite und zerlege, mit Hannes Gwisdek zusammen, der für die Elektrobeats zuständig ist.

Was heißt denn zerlegen? Das hört sich ja gefährlich an.
Brüggemann: Es läuft so: Das Publikum gibt uns Stichworte, die wir bei Youtube eingeben. Wir werfen die Videos, die wir dazu finden, an die Wand und vertonen sie. Oder wir zeigen Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin", den ich ganz klassisch am Klavier begleite. Später zeigen wir ihn noch einmal, aber in Schnipseln, verfremdet, mit elektronischer Musik. Im Herbst treten wir damit im Potsdamer Filmmuseum auf.

Interview: Claudia Palma