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Kultur Hannes Wader beendet Tournee
Nachrichten Kultur Hannes Wader beendet Tournee
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00:36 26.04.2015
Hannes Wader
Hannes Wader Quelle: dpa
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Potsdam

Mit Konzerten in Potsdam und Kleinmachnow beendete der Liedermacher Hannes Wader an den letzten beiden Abenden seine aktuelle Tournee. Der Nikolaisaal und die Neuen Kammerspiele waren ausverkauft. Die Generation 50 plus erinnert sich gern an die warmherzige Melancholie des mittlerweile 72-Jährigen, der in den 1970er und 80er Jahren für seine unverwechselbaren Lieder gefeiert wurde. Amerikanische Folksänger und französische Chansonniers hatten den Landarbeitersohn aus dem Teutoburger Wald ermutigt, den Ton der deutschen Volks- und Arbeiterlieder aufzunehmen.

Mit seinem wohl größten Erfolg „Heute hier, morgen dort“ verschafft er dem Publikum gleich zu Beginn das erhoffte Déjà-vu-Erlebnis. Wader will das Lied offenbar schnell hinter sich bekommen, er singt es hastiger, mit mehr Tremolos und beschwingter als auf den Einspielungen - mit einer Stimme, die höher und dünner geworden ist. Doch im Laufe des Abends wird ihre Klangfarbe dann öliger und in einigen Momenten schimmert aus dem dunklen Timbre auch die alte Leuchtkraft hervor.

Der Barde hat sich viel vorgenommen. Mit ungeläufigen und auch ganz neuen Lieder bilanziert er sein privates Leben, sein oft unerfülltes Verhältnis zu Frauen, seine Herkunft aus einfachsten Verhältnissen, seine Haltung zum Tod und seine schweren politischen Irrtümer. Nachdem er bis zum Untergang der DDR die Fahne der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) hochhielt, bezeichnet er sich heute als demokratischer Sozialist. In drei, vier Liedern lässt er dann auch etwas Gesellschaftskritik anklingen. „Morgens am Strand“ widmet sich den Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer, die einen „ungetrübten Standurlaub heute zu einer Verdrängungsleistung“ werden lassen, wie er es in seiner Ansage formuliert.

Der großgewachsene Mann mit dem gestutzten Vollbart steht sehr aufrecht, ruhig und einsam in der Bühnenmitte, in den Hüften steif, nur die Knie wippen manchmal leicht mit. Vor jedem Lied lässt er sich eine frisch gestimmte Akustikgitarre reichen, deren Saiten er virtuos zupft und nur selten schlägt. Mit wunderbaren Melodiebögen kommentiert und verdoppelt er seine gemächlichen Erzählungen, wobei es sein Markenzeichen ist, dass seine Sätze und Gedanken oft über die eingebauten Reime hinausgehen. Die Senkungen und Hebungen am Ende jedes Verses sind wie Doppelpunkte vor bewusst gesetzten Pausen. Der Zuhörer gerät in den Sog eines langen Atems.

Gegen die Monotonie des Sprechgesangs versucht Wader manchmal exotische Rhythmen zu setzen. Er räumt ein, dass bei ihm Sirtaki, Reggae oder Irish Folk eigentlich immer nur nach Hannes Wader klingen, also paradoxerweise schwermütig und filigran. Nach so viel fein gearbeiteter Klangkost ist es ein Schock, dass der Poet als dritte Zugabe „Sag mir, wo die Blumen sind“ anstimmt und den Saal mitsingen lässt. Doch wenn er dann sein „Wann wird man je verstehen“ höher moduliert, unterstreicht er noch einmal die Besonderheit seiner Ausdruckskraft.

Von Karim Saab