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Kultur Harald Kretzschmar wird in Hannover ausgestellt
Nachrichten Kultur Harald Kretzschmar wird in Hannover ausgestellt
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00:38 09.04.2018
Selbstporträt von Harald Kretzschmar (Ausschnitt). Quelle: Zeichnungen: Harald Kretzschmar.
Potsdam

Wenn Harald Kretzschmar einen Menschen nicht mag, dann sucht er für ihn keinen bösen Ausdruck. Der Schnellzeichner kultivierte über fast sieben Jahrzehnte einen liebevollen, prägnanten, fröhlichen Blick: Erste Regel: „Je weniger Striche, desto mehr Substanz“. Zweite Regel: Künstler sind von Hause aus interessante, bewundernswerte Charaktere. Wolf Biermann und Erich Honecker zählten allerdings nicht zu Kretzschmars Lieblingen. Vielleicht brauchte er deshalb für ihre Bildnisse ein paar Linien mehr.

Kretzschmar hat so ziemlich jeden Maler und Schriftsteller seiner Generation porträtiert, darunter auch Größen aus Ost- und Westeuropa. Da der gebürtige Dresdner eine feste und stets vitale Größe im Presse- und Kunstbetrieb der DDR war, versteht er sich bis heute auch als Hüter der DDR-Geschichte, Geschichten und Gesichter.

Schon als Schüler übte sich der 86-Jährige darin, seine Mitmenschen blitzartig zu mustern, um ihre visuelle Formel herauszubekommen. Dabei lassen die von ihm angefertigten Konterfeis kaum Rückschlüsse auf ihn selber zu. Weil aber der Zeichner auch etwas zu sagen hat und ihn die vielen schlechten und unpräzisen Nachreden über die DDR bis aufs Blut reizen, ergreift er verstärkt das Wort. Als Journalist der Zeitung Neues Deutschland (ND), aber auch als Protestbriefschreiber und Buchautor möchte er seine Sicht der Dinge anbringen.

Das neue Buch „Stets erlebe ich das Falsche“ versteht er als „alternativen Künstlerreport“. Er setzt sich darin kapitelweise mit 49 Menschen auseinander, die er nicht nur gezeichnet, sondern auch näher kennengelernt hat und deren Lebensweg er ergründen möchte. „Um Gottes willen nichts, was nach Memoiren riecht“, bremst sich der „Prominenten-Enzyklopädist“ gleich auf der ersten Seite. Doch zum Glück erfährt der Leser aus seinen intensiven und fein gearbeiteten Texten dann doch das ein oder andere über das Leben und Denken von Harald Kretzschmar.

Ein Sachse in Brandenburg

1931 in Berlin geboren, wuchs Harald Kretzschmar in Dresden auf, wo er das Kreuz-Gymnasium besuchte. 1950 bis 1955 studierte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Seit 1956 wohnt er in Kleinmachnow, wo er mit seiner Frau drei Kinder großzog.

 

1963 fasste er einen Entschluss, an den er sich auch noch heute hält: „Ich erlaubte mir, einer der ersten Träger eines Künstlerbartes im Pressewesen dieses Staates zu sein.“ 

1967/68 durfte er die kritischsten Eulenspiegel-Titelblätter seiner Laufbahn zeichnen, heißt es in seinem Buch.

Harald Kretzschmar: „Stets erlebe ich das Falsche.“ Quintus, 240 Seiten, 20 Euro. „Harald Kretzschmar. Zeichner und Sammler.“ 14. 4. bis 1. 7. Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch, Georgengarten 1. Hannover

Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, in Deutschland eine führende Adresse in Sachen Karikatur und Zeichenkunst, stellt den Kleinmachnower ab 14. April sowohl als Sammler wie auch als Zeichner vor. Zu sehen sein werden 50 historische Karikaturen, die er dem Museum schenkt, Blätter von revolutionär gestimmten Ahnen aus dem 19. Jahrhundert, darunter Honoré Daumier und Vertreter des deutschen Vormärzes. Daneben werden 43 Arbeiten von Harald Kretzschmar hängen.

In der DDR wurde die revolutionäre Kunst bekanntlich in den höchsten Tönen gewürdigt. Und sie setzte tatsächlich Maßstäbe hinsichtlich Zivilcourage, Moral und Gesellschaftskritik. In der sozialistischen DDR war es dann aber nicht einmal der Satirezeitschrift Eulenspiegel erlaubt, ein SED-Staatsoberhaupt zu zeichnen. Auch Kretzschmar musste sich an dieses Verdikt halten, obwohl er mit seiner Porträtkunst die Menschen doch kaum karikiert hat, da er weitgehend auf Verzerrungen und denunzierende Attribute verzichtet. Im Buch erzählt er, wie Walter Ulbricht sich 1958 gegen zwei Zeitungsredaktionen durchsetzte, was in Kretzschmars Augen dann aber doch „enorm aufgebauscht“ wurde. Und als wenigstens einmal elf Kretzschmar-Porträts von Mitgliedern des Ministerrates gedruckt wurden, sei das „als harmlose Lobpreisungen abgetan“ worden, berichtet er im Buch.

Kretzschmar geht es immer wieder darum, die DDR als relativ freies Land darzustellen, in dem staatliche Zensur nur eine dumme Ausnahme war, in dem sich Künstler ganz ihrer qualitätsvollen Arbeiten widmen konnten und in dem „gediegene Buchkultur als Grundnahrungsmittel“ galt. Dafür führt er viele Kronzeugen ins Feld, von denen kein Widerspruch mehr zu erwarten ist, da sie bereits tot sind. Extremes Beispiel ist Karl Holtz (1899-1978), der wegen einer Stalin-Karikatur von 1949 bis 1956 im Zuchthaus saß und sich nach seiner Entlassung nach Rehbrücke zurückzog und als Zeichner „in eine harmlose Richtung gelenkt wurde“. Kretzschmar selbstkritisch: „Wir alle schwiegen pflichtschuldigst über seine Bautzener Jahre.“ Aber ausgerechnet dieses Kapitel schließt mit dem tiefen Seufzer: „Kaum jemanden interessiert noch, welch kritische-zeichnerische Kultur es einmal in diesem Land gab.“ Die Grenzen und die Frage, ob nicht Tabus, Denkverbote und Selbstzensur den Alltag prägten, möchte er am liebsten ausblenden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er nicht näher auf den Formalismus-Streit eingeht, der seiner geschätzten Lehrerin Elisabeth Voigt (1893-1977) das Leben als Künstlerin vergällte.

Kretzschmar leitete als SED-Funktionär, der er auch war, die Sektion Karikatur im Verband Bildender Künstler der DDR. Er beteuert, die Geschichte der Karikatur in der DDR sei „keine Zensur-Story“. Willy Moese (1927-2007), der die Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung mit angezettelt hat, soll Kretzschmar nach der Wende in seiner Auffassung bestärkt haben. „Der weiß Gott Unangepasste lehnte es ab, sich als Zensuropfer feiern zu lassen“, so Kretzschmar.

Dass Kretzschmar Moeses Blabla-Schreibmaschine 1976 gegen keinerlei Widerstand von oben auf der VIII. Kunstausstellung platzierte, rechnet er dem System und seinem eigenen Toleranzstreben hoch an. „Stets erlebe ich das Falsche“, meint er deshalb wiederholt im Buch. Dieser Satz fällt bereits bei der Befreiung Deutschlands 1945, als ein Sowjetoffizier die Vergewaltigung seiner Schwester verhindert. Kretzschmar widmet beiden Großvätern (dem „Bildungsbürger“ und dem „Besitzbürger“) je ein Porträt. Seine Mutter, die 1951 stirbt, und sein Vater finden im Buch nur am Rande Erwähnung. Das Schicksal des Vaters passte auch nicht in das Weltbild des Sohnes, denn der Vater wurde wegen „Wirtschaftsvergehen“ verurteilt und 1953 begnadigt und ging dann nach Westberlin. War das auch „das Falsche“ im Sinne von „das Unübliche“?

Kretzschmar über sich in den 1960er Jahren: „Selbst hantierte ich noch mit politischen Versatzstücken, die ich bald lächerlich fand: Wie eng etwa fassten wir politische Kunst auf! Dass da blanke Klassenfeinde wirkten ... Wie simpel wir die Weltlage sahen. Ostern 1965 traf ich zum Ostermarsch in München ein.“ Dort trifft er den Vater – „als ,Opfer des Stalinismus‘ in Westberlin gestrandet und eingeflogen“. Und er fragt sich, wie er das in seinem „Routine-Reisebericht“, den er für die Genossen schreiben muss, unterbringt. Selbstzerknirscht erwähnt Kretzschmar sein Verhalten elf Jahre später nach der Biermann-Ausbürgerung. Was er 1976 im Neuen Deutschland von sich gab, „das war auf blamable Art parteikonform“.

Nach seiner Lesart erlebte Kretzschmar auch nach der Wende „das Falsche“, denn die im Westen lebende Eigentümerin seines Wohnhauses in Kleinmachnow setzte den Künstler nicht vor die Tür.

Natürlich gab jenseits der politischen Satire in der DDR großartige Karikaturisten, Zeichner und Illustratoren. Erwähnt seien hier nur Arno Mohr und Manfred Bofinger, Barbara Henniger, Henry Büttner oder auch Hans Ticha. Die Zeitschrift Eulenspiegel, für die Kretzschmar 35 Jahre arbeitete, war sicher ein interessanter Seismograph für das, was im SED-Staat gerade möglich und unmöglich war. Ein verlässliches Barometer für die Stimmung im Lande, für das, was die Menschen über Mauer, Politbüro und Bildungssystem dachten, war sie aber nicht.

Von Karim Saab

Er sorgte sich um die Belange der kleinen Leute und erreichte die Menschen mit seiner bodenständigen Musik. Auf dem Album „Forever Words – The Music“ vertonen Künstler aus Bluegrass, Jazz und Rock Gedichte aus dem Nachlass von Johnny Cash.

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