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Kultur Hier steckt überall Italien in Potsdam
Nachrichten Kultur Hier steckt überall Italien in Potsdam
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00:33 30.06.2019
Das Barberini in Potsdam (l.) und in Rom (r.). Quelle: Henry Balaszeskul
Potsdam

In der Potsdamer Kulturlandschaft gibt es holländische, normannische und russische Elemente, englische, skandinavische und chinesische Akzente. Was Preußens Arkadien aber ultimativ beseelt, ist die Schwärmerei für Italien. Der diesjährige Sommer in der brandenburgischen Landeshauptstadt steht unter dem Thema „Italien in Potsdam“.

Anlass dafür ist eine spektakuläre Ausstellung mit Barockgemälden aus dem Römischen Palazzo Barberini, die am 13. Juli im Museum Barberini in Potsdam eröffnet wird. TV-Moderator Günther Jauch hat aus diesem Anlass sogar eine Stadtführung für die Barberini-App eingelesen. An 30 Stationen stellt er Bezüge zwischen Rom und Potsdam her.

Doch wie italienisch ist Potsdam wirklich? Welche italienischen Vorbilder sind bis heute im Potsdamer Stadtbild verborgen? MAZ nimmt Sie mit auf eine Tour durch die Stadt – und zeigt verblüffende architektonische Ähnlichkeiten im fotografischen Vergleich.

Das 2017 eröffnete Museum Barberini eignet sich als Ausgangspunkt. Es ist der Nachbau eines Nachbaus, der 1945 zerstört wurde. 1772 war das Haus mit einer Fassade verblendet worden, die dem Palazzo in Rom ähneln sollte. Ziel war es, das Flair um das Stadtschloss, die älteste Hohenzollern-Residenz in Potsdam, aufzuwerten. Der Weg in das Landtagsschloss, ebenfalls eine Replik, führt seit 2014 wieder durch das Fortuna-Portal. Im Alten Rom war Fortuna die Glücks- und Schicksalsgöttin.

In den malerischen Landschaften Italiens („das Land, wo die Zitronen blühen“) keimten und reiften auch die Renaissance und der Barock heran. Die Wurzeln für diese Stilepochen, die europaweit Maßstäbe setzten, reichen bis ins alte Römische Reich.

Die Schlösser

Heute steht „Bella Italia“ vor allem für Leichtigkeit und Genuss, Schönheit und Kunstsinn. Friedrich II. hatte das Leben in einem italienischen Landhaus im Sinn, als er 1744 eigenhändig sein Sanssouci als Weinbergschlösschen skizzierte. Das mediterran inspirierte Gesamtkunstwerk beruft sich auf Bacchus, den Römischen Gott des Weines.

Einer seiner Nachfahren, Friedrich Wilhelm IV., attestierte sich selbst ein „Romfieber“. Ihm hat Potsdam die meisten und größten italienischen Ausrufezeichen zu verdanken. 1828 bereiste er als Kronprinz die Ewige Stadt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon den Auftrag erteilt, Schloss Charlottenhof als klassizistisches Kleinod herzurichten.

Baumeister Karl Friedrich Schinkel orientierte sich dabei an den Villen in Rom (Villa Albani), aber auch an der gerade in Pompeji ausgegrabenen Villa des Diomedes. Die Römischen Bäder (Fertigstellung 1840) in Sichtweite sollten den Eindruck von antiken Thermen erwecken, die man auch gerade in Pompeji entdeckt hatte. Dabei verfügte das Potsdamer Blendwerk nicht einmal über einen Wasseranschluss.

Die beiden monumentalsten Zeugnisse preußischer Italiensehnsucht gehen ebenfalls auf den „Romantiker auf dem Thron“ zurück. Für das Orangerieschloss (1864), einen prunkvollen Bau mit zwei Türmen, verbunden durch eine begehbare Kolonnade, stand die Villa Medici in Rom Pate.

Und für das Belvedere auf dem Pfingstberg (1863), ebenfalls eine Doppelturmanlage mit Kolonnaden, soll das 1585 erbaute Casino des Palazzo Farnese bei Rom als Anregung gedient haben. Zentrum ist hier ein Wasserbecken, denn Friedrich Wilhelm IV. plante Wasserkaskaden, die sich bis runter in den Heiligen See erstrecken. Bei seinen Traumschlössern handelt sich keinesfalls um banale Repliken, sondern stets um fantastische Ausschmückungen italienischer Motive.

Die Kirchen

Das gilt ebenso für zwei Kirchen, die unter seiner Regie entstanden. Bei der Friedenskirche Sanssouci (1848) verwies der König selbst auf die frühchristlich-romanische Basilika St. Clemente in Rom. Die verwinkelte Anlage mit Kreuzgang und Innenhof und vor allem der siebengeschossige freistehende Turm (Campanile) sind aber auch der Kirche Santa Maria in Cosmedin unweit des Tibers nachempfunden.

Herzstück aber wurde ein mittelalterliches Mosaik von der Insel Murano (Venedig), das der Prinz ersteigern und nach Potsdam verschiffen ließ. Es wurde der Apsis des Neubaus einverleibt. Bei der Heilandskirche Sacrow (1844) erinnern Turm und Säulengang indes an die Kirche Santa Maria im römischen Stadtteil Trastevere.

Sakrale Rundbauten

Die sakralen Rundbauten in Rom übten auf die Hohenzollern besondere Faszination aus. Beim Entwurf der Französischen Kirche (1751) in Potsdam (wie auch beim Bau der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin) dachte Friedrich II. an das Pantheon in Rom. Der aufgeklärte Religionsskeptiker liebte das Pantheon besonders, da es allen Göttern geweiht war. Auch dem Belvedere auf dem Klausberg (1772) verordnete er einen runden Grundriss. Als Vorlage könnte hier die Dokumentation eines römischen Archäologen gedient haben, der Cäsars Kaiserpalast rekonstruiert hatte.

Auch der Antikentempel im Rehgarten (von Friedrich II. 1769 gedacht als Depot für seine Antikensammlung) und der Freundschaftstempel (er widmete ihn 1770 seiner verstorbenen Lieblingsschwester Wilhelmine, so wie fast zwei Jahrtausende zuvor der trauernde Cicero seiner einzigen Tochter Tullia einen Tempel der Freundschaft errichten wollte) sind rund wie das Pantheon oder der Sibyllentempel in Tivoli oder der Herculestempel in Rom.

Das erste Bauwerk, das Karl Friedrich Schinkel überhaupt realisierte, war der Pomona Tempel (1800) auf dem Pfingstberg. Der Teepavillon war allerdings der griechischen Göttin des Obstsegens gewidmet und steht auf quadratischen Grundmauern. Im Jahr 1835 Jahre schuf Schinkel dann aber noch einen Teepavillon als Rundbau. Im Auftrag von Prinz Carl von Preußen entstand vor Schloss Glienicke die Große Neugierde.

Die 16 Säulen erinnerten an einen Rundtempel in Tivoli für die römische Göttin Vespa (Hüterin des heiligen Feuers), der 18 Säulen aufwies. Runde Säulentempel finden sich auch auf vielen Häusern. Das Große Militärwaisenhaus (1771) krönt ein 26 Meter hoher Baldachin. Beim Marmorpalais (1793) diente der aufgesetzte Rundtempel als exklusive Aussichtsplattform. Auf dem Alte Rathaus (1755) thront ein geräumiger Rundbau mit acht Fenstern. In der Gründerzeit griffen bürgerliche Bauherren die Idee auf und setzten in der Berliner Vorstadt kleine Rundtempel auf ihre Dächer.

Nicht nur die Welthauptstadt der Antike, auch die Welthauptstadt des Christentums entzückte im protestantischen Preußen. 1850 wurde der Potsdamer Nikolaikirche endlich eine dicke Kuppel aufgesetzt. Bei diesem lange verfolgten Plan hatten die Hohenzollern immer den Petersdom in Rom vor Augen.

Die Obelisken

Auf dem Alten Markt vor der Nikolaikirche steht ein Obelisk (1755). Nicht nur die Idee, auch reale Beutestücke brachten die kriegerischen Alten Römer aus dem Alten Ägypten mit. Steinpfeiler als Sieges- und Herrschaftszeichen, die sich nach oben verjüngen, markieren in Rom nicht nur die Mitte des Petersplatzes.

In Potsdam überstand einer von zwei Obelisken (1753) die Zerstörung und Neubebauung der Breiten Straße am ehemaligen Neustädter Tor. Auch der Park Sanssouci wird von Obelisken flankiert. Die eingemeißelten Hieroglyphen auf der 20 Meter hohen Sandsteinsäule am östlichen Eingang (1747) entspringen allein der künstlerischen Fantasie und ergeben keinerlei Sinn.

Triumphbögen

Als Siegerposen in Stein könnte man auch die Triumphbögen bezeichnen, die in Hohenzollern-Land Einzug hielten. Als Prototyp gilt hier der Konstantinbogen in Rom. Das Brandenburger Tor (1770) in Potsdam, das übrigens 20 Jahre vor dem Brandenburger Tor in Berlin entstanden ist, sollte den Großmacht-Anspruch Preußens nach dem Siebenjährigen Krieg untermauern. Etwas schlichter fällt das Triumphtor hinterm Neuen Palais aus. Es krönt die halbrunde Säulengang-Anlage, die dem Petersplatz in Rom abgeschaut ist.

Das Tor am Potsdamer Winzerberg (1852) orientiert sich am Argentarierbogen in Rom und feierte in seinen Terrakottareliefs die blutige Niederschlagung der bürgerlich-demokratischen Revolution durch Prinz Wilhelm, der im Volk als „Kartätschenprinz“ verhasst war. Für seinen Bruder, Friedrich-Wilhelm IV., sollte dieses Triumphtor der Einstieg in eine Via Triumphalis sein, die aber Stückwerk blieb.

Auch das mit vier Säulen gestaltete Eingangsportal des Potsdamer Kutschstalls (1790) wurde wie ein Triumphtor gestaltet. Ihm wurde sogar eine Quadriga aufgesetzt, ein von Pferden gezogener Streitwagen nach antikem Vorbild. Doch kurz nach dem Tod von Friedrich II. erlaubte sich die Nachwelt den Scherz, den charismatischen Leibkutscher des Alten Fritzen ins Bild zu setzen.

Figuren, Kartuschen und Fassaden

Vor allem der vollplastische Figurenschmuck auf den Schlössern, etwa die vielen steinernen Allegorien auf dem Neuen Palais und ursprünglich auf dem Stadtschloss verweisen auf die Renaissance und den Barock in Rom. Vielen Gebäuden in Potsdam wurden tonnenschwere, vergoldenete Sinnbilder auf die Dachspitze gesetzt: ein Atlas ziert das Alten Rathaus, die Göttinnen Fama und Fortuna die beiden Communs-Gebäude, drei Grazien mit einer Preußenkrone das Neue Palais, Adler und Schlange die Bildergalerie, ein Caritas mit Ölzweig und brennendem Herzen das Militärwaisenhaus.

Auch Schmuckelemente wie Kartuschen wurden zum skulpturalen Bestandteil der Architektur. Potsdams Brandenburger Tor schmückt ein Arrangement, bei dem Mars und Herkules ein großes „FR“ präsentieren – das steht für Fridericus Rex. In der Barockzeit wurden plötzlich auch Gebäude in Potsdam wie Bühnenbilder in Szene gesetzt. Auf der Schauseite gibt es viel Blendwerk, Säulen, Giebel und Dekor.

Eine der berühmtesten Straßenkreuzungen in Rom ist die Via delle Quattro Fontane / Via Quirinale. Da hier die vier Ecken der Eckhäuser abgeschrägt sind, ergibt sich sogar in der Enge der Stadt eine kleine Piazza. Ein solcher Acht-Ecken-Platz wurde in Potsdam 1773 an der Kreuzung Friedrich-Ebert-Straße/Schwertfegerstraße angelegt. Er soll wieder hergestellt werden, derzeit steht nur noch ein Haus.

Kolonnaden, Laubengänge, Pergola

Ein häufig angewendetes Stilmittel sind Kolonnaden. Wie auf dem Petersplatz gestalten sie auch in Potsdam öffentliche Räume. Säulenanlagen vermitteln hier zwischen Stadtschloss und Lustgarten, zwischen den Communs am Neuen Palais, zwischen Glienicker Brücke und Berliner Vorstadt. Und sie gestalten hofseitig Schloss Sanssouci und das Marmorpalais.

Bald kopierten auch der Adel und schließlich auch das Bürgertum den italienischen Stil der Hohenzollern. Rund um die Parks in Potsdam entstanden Villenviertel mit italienischem Flair. „Der Hofarchitekt Ludwig Persius hatte für diese Villen ein Standardschema entworfen: Hauptbau, Anbau, Turm, Pergola auf einem großzügigen, parkartigen Grundstück“, schreibt der Stadthistoriker Joachim Nölte.

Dabei kann er sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. Denn während Friedrich-Wilhlem IV. die Weberfamlien in Nowawes in den 1840er Jahren hungern ließ, warf er den Reichen viele Tausend Thaler hinterher, wenn sie ihm den Gefallen taten, italienisch zu bauen. Nach diesen Richtlinien entstanden Turmvillen, Land- und Winzerhäuser und auch das Krongut Bornstedt (1867).

Raumkunstwerke

Doch wahrscheinlich musste der italophile König gar nicht so viel Überzeugungsarbeit leisten. Die königlichen Gemächer mit ihren Bodenmosaiken aus Marmor, den vergoldeten Stuckaturen und den Gemälden aus Italien sprachen als Raumkunstwerke für sich. Angefangen von dem Marmorsaal in Schloss Sanssouci, die ovale Form kam bereits im 16. Jahrhundert in Italien auf.

Bis hin zu der Bildergalerie (1755), die sich Friedrich II. gönnte, nachdem er Stiche von der Galleria Colonna gesehen hatte. 1761 schrieb ihm der französische Philosoph Marquis d’Argens ins Feldlager: „Was die Galerie betrifft, so ist sie unstreitig nach St. Peter in Rom das Schönste auf der Welt.“

Drei Könige später wurde im westlichen Turm des Belvederes auf dem Pfingstberg ausdrücklich ein Römisches Kabinett gestaltet. Es heißt so, obwohl die Wände pompejanisch rot gehalten sind und auch die Mosaiken und scheinbar verblassten Fresken an die im Jahr 79 untergegangene Stadt südlich von Neapel erinnern.

Eines gilt es dennoch festzuhalten: Nicht alles Italienische ist Fake in Potsdam. Es gibt auch viele äußerst wertvolle Originale. Das wertvollste Sammlerstück der Hohenzollern dürfte „Der betende Knabe“ sein, den Friedrich II. 1747 erwarb und der ihn bis zum Tod beglückte. Die antike Bronzeskultpur entstand 300 v. Chr. in Griechenland und stand deshalb auch in Italien hoch im Kurs.

Auf der Sanssouci-Terrasse steht seit 1900 nur eine Kopie, das Original ist sicherer im Alten Museum in Berlin aufgehoben. Friedrichs Schwester, Wilhelmine von Bayreuth, die 1755 nach Italien reiste, vermachte ihrem Bruder viele antike Kunstwerke. Für die Einrichtung des Neuen Palais erwarb er später zwei Gemälde der Römischen Malerin Artemisia Gentileschi, die auch in der Barberini-Ausstellung „Wege des Barock“ gezeigt werden. Dort darf natürlich auch „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio nicht fehlen, der gewöhnlich in der Bildergalerie in Sanssouci hängt.

Auch das bereits erwähnte byzantinische Mosaik, das Friedrich Wilhem IV. für die Apsis der Friedenskirche erworben hat, ist alles andere als Nepp. Und die Kollektion der 50 Kopien von Raffael-Gemälden hat sicher heute auch schon einen gewissen Wert. Für sie wurde eigens der Raffaelsaal im Orangerieschloss eingerichtet, der – unverkennbar wegen des Oberlichtes – den Sala Regia im Vatikan zum Vorbild hat.

Rom ist und bleibt für Potsdam das Maß aller Dinge. Selbst der Ruinenkult rund um das Forum Romanum hielt mitten in Preußen Einzug. 1748 und 1842 wurde am Ruinenberg gewerkelt. Eine Staffage aus antikisierenden Säulen (malerisch wie der Castortempel in Rom), aus einem Rundtempel und einer Fassade, die so löchrig ist wie das Colosseum in Rom, erzeugt bis heute einen philosophisches Gefühl zwischen Erhabenheit und Vergänglichkeit.

Parks

Auch in den Parks mit ihren hohen Mauern und Skulpturen, Musenrondellen, Brunnen und mediterranen Pflanzen, die in Orangerien überwintern, lassen sich viele Italienbezüge erkennen. Mitunter müssen Pappeln Zypressen ersetzen und Eichen werden so geschnitten, dass sie wie exotische Gewächse wirken.

Die Neptungrotte (1751) im Park Sanssouci aus blendendem weißen Marmor sollte ein Miniaturersatz für den Trevi-Brunnen in Rom sein. Und der Brunnen mit den goldenen Löwen am Park Glienicke zitiert die Löwen der Villa Medici auf dem Römischen Pinciohügel.

Der Sizilianische Garten in Potsdam ähnelt in seiner Anlage wiederum dem Neptunbrunnen in der Papstresidenz Castel Gandolfo. Solche Beispiele ließen sich ewig fortsetzen. Viele Wege führen nach Rom, aber dieser eine führt gewiss über Potsdam!

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Von Karim Saab

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