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Kultur Hurra, die Welt ging unter: Robert Harris und die Apokalypse
Nachrichten Kultur Hurra, die Welt ging unter: Robert Harris und die Apokalypse
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15:07 13.10.2019
Besteller-Autor Robert Harris Quelle: Foto: Bernd Hoppmann/Heyne-Verlag
Berlin

Meisterlich führt Robert Harris die Leser seines neuen Romans auf eine falsche Fährte. Nicht nur beginnt das erste Kapitel von „Der zweite Schlaf“ mit einer Zeitangabe (9. April 1468), die mit Vorsicht zu genießen ist. Auch erweisen sich die Assoziationen, die bei der Lektüre des klerikalen Mittelalter-Krimis naheliegen („Der Name der Rose“ und „Game of Thrones“) später als völlig falsch.

Ein iPhone im Mittelalter?

Der junge Priester Christopher Fairfax ist auf dem Weg in ein abgelegenes englisches Dorf. Father Lacy, der dortige Geistliche ist tödlich verunglückt, Fairfax soll den Trauergottesdienst leiten. Ein Blick in Lacys Bibliothek bestätigt den Verdacht, dass der verstorbene Pfarrer ein Ketzer gewesen sein muss. Mehr noch als die verbotenen, womöglich lebensgefährlichen Bücher der „Gesellschaft für Altertumsforschung“ (dies eine deutliche Anleihe bei Umberto Eco), wird Fairfax von den Artefakten in einer Vitrine verstört: Plastikbesteck, Legosteine und sogar ein iPhone, das den Geist aufgegeben hat. Wie kann das sein, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts?

„Vollkommen ausgedacht, keine historischen Begebenheiten, keine realen Figuren“: So beschreibt Robert Harris bei der Buchvorstellung in Berlin das Neuland, das er mit „Der Zweite Schlaf“ betreten hat. Er hat eine Romantrilogie über den römischen Redner und Politiker Cicero geschrieben, und mit „Ghost“ einen bösen Schlüsselroman über den britische Politbetrieb und – da waren sich fast alle Kritiker einig – über Tony Blair. Er nähere sich der Politik aber eigentlich lieber „durch den Seiteneingang“, sagt der frühere „Observer“-Journalist.

Die erste Idee für „Der zweite Schlaf“ kam Harris, als er für seinen Roman „Pompeji“ recherchierte, und viel mit Archäologen zu tun hatte. Wie wäre es, dachte sich der Brite, wenn Forscher dereinst aus dem, was wir zurückgelassen haben, unsere Zivilisation rekonstruieren müssten? Also machte er sich an diesem Roman, der in einer Zukunft spielt, nachdem unsere technikgläubige Zeit in den Abgrund gerissen wurde.

Nur Plastik und Styropor bleibt übrig

„Viele unserer kulturellen Errungenschaften sind gar nicht mehr auf Papier vorhanden, sondern schwirren irgendwo in der Cloud herum. Das bedeutet im Ernstfall einen Totalverlust“, ist Harris überzeugt. Nur Dinge wie Plastiktüten und Stryroporbecher und ein Bauwerke mit hohem Betonanteil würden die Menschheit überdauern, und künftigen Ausgräbern Rätsel aufgeben.

Die Schlüsselsätze des Romans finden sich in einem der verbotenen Bücher, den Fairfax auf dem Nachttisch des abgelebten Priesters findet. In einem Brandbrief aus dem Jahr 2022 warnt ein Experte der „Gesellschaft für Altertumsforschung“vor dem totalen Zusammenbruch der modernen, computergestützten Gesellschaft. Sein Fazit: „Alle Zivilisationen hielten sich für unverwundbar. Die Warnung der Geschichte: Dem ist nicht so.“

Harris sagt in Berlin, dass er die Bedrohung durch ein systemisches Technikversagen ernster einschätze als den Klimawandel – aber auch, dass ihm dieser apokalyptische Abgesang beim Schreiben einen Riesenspaß bereitet habe. Natürlich seien auch die aktuellen Ereignisse in Großbritannien in den Roman eingesickert, also die von der Regierung zunächst unter Verschluss gehaltenen Katastrophenszenarien im Falle eines chaotischen Brexits: Gekappte Lieferketten für Essen, Treibstoff und Medikamente, Versorgungsengpässe, gewalttätige Unruhen. „Die Lebensmittelmarken sind schon gedruckt“, sagt Harris, der den Brexit für eine „Anmaßung“ hält.

„Der zweite Schlaf“ erscheint bei Heyne, 416 Seiten, 22 Euro. Übersetzung aus dem Englischen: Wolfgang Müller

Von Thorsten Keller

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