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17:14 13.09.2019
Der 40-Jährige Solo-Bratschist Antoine Tamestit gibt in der Spielzeit 2019/20 in Potsdam drei Konzerte. Quelle: Alescha Birkenholz
Potsdam

Am 14. September gastiert der weltweit gefeierte Bratschist im Potsdamer Nikolaisaal. Die Kammerakademie Potsdam (KAP) gewann Antoine Tamestit als Artist in Residenz. Der Franzose lebt mit Frau und zwei Kindern bei Paris, ist aber meistens auf Konzertreise.

Monsieur Tamestit, Sie bereiten gerade die Aufführung des dritten Cellokonzertes von Paul Hindemith in Potsdam vor. Es ist bekannt unter dem Namen „Der Schwanendreher“ und erklang erstmals am 14. November 1935 in Amsterdam. Der deutsche Komponist hat es bis 1939 selbst 29 Mal im Exil, also außerhalb von Nazi-Deutschland, aufgeführt. Wie oft haben Sie es schon gespielt?

Antoine Tamestit: Etwa 20 Mal. Ich liebe dieses Stück, denn es ist voller fabelhafter Ideen und Lieder. Leider wird es nicht so oft auf den Spielplan gesetzt. Viele Orchester und auch Dirigenten haben Angst vor Hindemith. Um so mehr hat mich die Potsdamer Einladung des Dirigenten Antonello Manacorda gefreut. Der „Schwanendreher“ ist ein Stück mit viel ironischem und auch sarkastischem Humor. Es handelt sich um ein Statement Hindemiths, um seine persönliche Auseinandersetzung mit dieser hochpolitischen Zeit und seinen Gefühlen.

Das Werk gilt als schwierig zu spielen, obwohl Hindemith darin viele deutsche Volkslieder verarbeitet hat.

Er war der Paganini der Bratsche. Zum einen erfordert es eine virtuose linke Hand mit schnellen Passagen und vielen Doppelgriffen. Der Solist ficht einen Kampf mit dem Orchester aus, das sich immer militärischer gebärdet. Andererseits herrscht auch ein singender Ton, der auf den Volksliedern beruht, die viele Leute heute noch kennen. Diesen Ton zu vermitteln, ist die Aufgabe der rechten Hand. Es muss simpel klingen, sehr natürlich, berührend, bewegend, voller Leidenschaft.

Sie betonen gern den Vorzug der Bratsche, die in einer etwas tieferen Lage als der Geige agiert und dadurch der menschlichen Stimme ähnlicher sei. Denken Sie beim Spielen Texte wie „Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal…“ mit? Oder orientieren Sie sich allein an den Noten?

Alle Volkslieder, die Hindemith verwendet, habe ich gründlich studiert. Man muss die Worte kennen, um die Doppeldeutigkeiten zu verstehen und zu erleben. Das mache ich auch, wenn ich Schubert- oder Brahms-Lieder auf der Bratsche spiele. Wenn ich das Gewicht eines Wortes kenne, erspüre ich auch den Rhythmus und weiß, ob ich das Gewicht des Bogens am Anfang, in der Mitte oder am Ende aufsetze. Buchstaben wie „T“, „K“, „B“ oder „P“ verlangen eine spezielle Artikulation.

Wie bekannt ist die KAP unter MAZ-Lesern?

Das Konzert mit dem Starsolisten Antoine Tamestit und der Kammerakademie Potsdam (KAP) findet am 14. September, 19.30 Uhr, im Nikolaisaal statt. Paul Hindermiths „Schwanendreher“ wird eingerahmt von zwei Orchesterwerken von Felix Mendelssohn Bartholdy. 18.45 Uhr gibt es eine Konzerteinführung im Großen Saal. Karten unter 0331/28 888 28.

Haben Sieheute zum ersten Mal von der Kammerakademie Potsdam gehört oder fiebern Sie ihren Konzerten schon entgegen? Die MAZ startet heute eine Umfrage im Internet. Unter den Teilnehmern verlosen wir Konzertkarten für das Sinfoniekonzert am 11. Januar 2020 im Nikolaisaal.

MAZ-online.de/kammerakademie

Haben Sie eine Lieblingsfarbe?

Gelb ist meine Lieblingsfarbe. Ich liebe auch Rot. Wenn ich mein goldig glänzendes Instrument sehe, schlägt mein Herz höher. Orange ist für mich die vielleicht eleganteste und schönste Farbe.

Und welche Töne lieben Sie?

Ich habe keine Lieblingstöne. Ich mag alle Töne, wenn sie einen Kern und einen Ausdruck haben. Aber die Akkorde sind mir nicht einerlei. Ich liebe besonders die Terzen und die Sechsten, denn die sind voller Ausdruckskraft und Schönheit.

Sie sind Synästhesist, das heißt, Sie können beim Hören Farben sehen. Wann hören Sie Ihre Lieblingsfarben Gelb und Rot?

Gelb ist auf jeden Fall C-Dur oder auch D-Dur, da höre ich Brillanz, Sonne und Licht. Rot gibt es in vielen Tönungen. Es-Dur ist ein warmes Rot für mich –wie ein Wein aus der Bourgogne. Farben und auch Worte und Gefühle entstehen direkt in meinem Kopf.

Welche Farbpaletten lösen Stücke in Moll aus?

C-Moll könnte schwarz sein, aber mit ein bisschen Dunkellila. A-Moll hat so viel Nostalgie, da würde ich sagen, das ist ein leichter Sepia-Braunton, wie wir ihn von alten Fotografie kennen.

Und welche Farben verbinden Sie mit dem „Schwanendreher“ von Hindemith?

Über weite Passagen, vor allem im ersten Satz, herrscht ein majestätisches, schweres Rot. Hier muss ich sehr groß denken. Dabei leitet mich die Idee, ein viel größeres Instrument zu spielen, vielleicht sogar ein Cello. Der zweite Satz ist für mich einer der schönsten Sätze aller Bratschenkompositionen. Er beginnt in einem sehr warmen Blau. Das Duett zwischen Bratsche und Harfe ist wunderbar flüssig. Der dritte Satz hat ein bisschen Gelb am Anfang, verkompliziert sich dann, es kommt zu einer Variation aus vielen Gelbtönen. Da passiert sehr viel.

Bringen Sie Ihre Stradivari nach Potsdam mit?

Ja, ich werde in Potsdam auf dem Instrument spielen. Es ist fast 350 Jahre alt. Die Stradivari-Stiftung Habisreutinger überlässt es mir seit elf Jahren. Nur manchmal muss ich die Stradivari für drei Wochen dem Leihgeber zurückgeben.

Jede Zeit hat ihren Klang. Sie beherrschen ein breites Repertoire – es reicht vom Barock bis in die unmittelbare Gegenwart. Erfordert unser elektronisches und digitales Zeitalter nicht andere Instrumente?

Es ist interessant: Wenn wir von „klassischer Musik“ sprechen, dann meinen wir generell 400 Jahre Musik. Und wir benutzen immer noch die selben Streichinstrumente, die Saiten, Brücken oder Stimmstöcke erfuhren nur leichte Abwandlungen. Der Corpus des Instrumentes ist derselbe. Und auch die Noten sind seit 350 Jahren dieselben, wenn es auch zusätzlich neue Zeichen für neue Effekte gibt. Als klassischer Musiker bemühe ich mich um eine gute Balance. Wir leben in einer Welt mit moderner Technologie. Aber wir müssen auch in die Vergangenheit gucken. Ich brauche viel Zeit, um mich in die alten Manuskripte und Partituren zu vertiefen. Komponisten wie Alfred Schnittke, György Ligeti, Sofia Asgatowna Gubaiduliuna, Olga Neuwirth oder Jörg Widmann haben uns Bratschisten gezeigt, dass man mit dem alten Instrument und der Notenschrift immer noch arbeiten kann. Mit dem Bogen macht man heute auch andere Sachen und erzeugte neuartige Effekte, aber es immer noch ein Bogen. Die Stradivari schafft das, ich brauche kein neues Instrument.

Was ziehen Sie für Saiten auf?

Mindestens zwei Darmsaiten. Keine puren Darmsaiten, die benutze ich nur für barocke Musik oder wenn ich solo oder mit einem Cembalo spiele. Es gibt mit Metall verstärkte Darmsaiten, der Kern ist aus Naturdarm.

Würden Sie denn auch eine Komposition mit elektronischen Zuspielungen aufführen?

Ich bin für so etwas sehr offen, habe allerdings die Einschränkung, dass der Leihgeber meiner Stradivari keinen Ton-Abnehmer auf dem Instrument möchte.

Für die Aufführung von Paul Hindemiths „Schwanendreher“ müssen Sie körperlich sehr fit sein. Treiben Sie Sport? Machen Sie Yoga?

Ein bisschen von allem, aber nicht genug. Nach dem Aufstehen mache ich Dehnübungen und Yoga. Der Solo-Part im „Schwanendreher“ ist wirklich extrem anspruchsvoll, lang und ohne Pausen, man muss atmen lernen. Ich gehe jeden Tag mindestens eine halbe Stunde an die Luft, mache Gymnastikübungen zu Hause, auch vor dem Konzert.

Und werden Sie am Samstag Lampenfieber haben?

Seit 30 Jahren, immer. Mein Herz wird wieder rasen. Aber ich habe gelernt, einen Weg zu finden. Es sind einfache Übungen. Ich werde zehn oder 20 Minuten schlafen oder auch meditieren und bewusst immer langsamer atmen. Eine Stunde vor dem Konzert spiele ich dann absolut verlangsamt schwierige Stellen noch einmal durch.

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