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20:00 04.01.2013
HALLE

Wonach fragt man einen Schriftsteller, der schon über ein halbes Jahrhundert Zeit hatte zu erzählen, was ihm durch den Kopf geht? Der sein halbes Jahrhundert reflektierte und durch Jahrhunderte zuvor streifte?

Die meisten von denen, die sich in seinen Büchern durch den DDR-Alltag kämpften, waren so alt wie der Autor selbst: Achim Steinhauer, für den der „Friede im Osten“ an jener Straßensperre beginnt, die er als Hitlerjunge verteidigen soll, Zimmermann Balla, der Haudegen aus „Spur der Steine“, die junge Ingenieurin, über welche die „Akte Nora S.“ geführt wird, der Journalist in „Auf der Suche nach Gatt“…

Die Vorbilder von Achim und Balla und Nora sind inzwischen steinalt oder längst tot. Und die Literatur, in der sie die Helden waren? Selbst in größeren Buchläden steht Neutsch nicht mehr im Regal. Ja, bestellen könne man noch Einzelnes, so die Auskunft eines jungen Buchhändlers, nachdem er beim zweiten Versuch den Namen des Autoren richtig geschrieben hat.

Leichter greifbar ist ein Ereignis der letzten Tage: Der Erik-Neutsch-Preis wurde verliehen, ein Literaturpreis für junge Erzähler, die Schicksale in sozialen Prozessen beschreiben. Ausgelobt hatte ihn die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die zahlte eine Hälfte des Preisgeldes, Neutsch die andere.

„Es war erschütternd, was die jungen Leute bewegt“, erzählt der 81-Jährige, der seine ersten Verse in einem Gefängnis der sowjetischen Besatzer verfasst hatte. „Gewalt, Drogen, Jugendgangs, Homophobie, Selbstmord, Rechtsradikalismus. Es waren ausgezeichnete Geschichten unter den 28 Einsendungen. Aber die Medien haben den Wettbewerb kaum wahrgenommen, und ob sich ein Verlag findet, der sie als Sammelband veröffentlicht? Das bezweifle ich. Solche Ernsthaftigkeit passt doch nicht ins aktuelle Kulturgeschäft. So wenig wie meine Bücher über die DDR. Wer will schon befördern, dass über Sozialismus noch länger nachgedacht wird?“ Das verbittere ihn nicht, sagt er. „Das war zu erwarten.“

Heutiger Ablehnung begegnet er nicht mit Rechtfertigungsversuchen. Nicht mit dem Bemühen, aus damaliger Kritik am Detail – an Bürokratie, Karrierismus oder Dogmatismus – rückblickend seine Abkehr vom System zu konstruieren. In einem langen, autobiografisch angelegten Interview sprach er von der späten DDR als einem Land, in dem er „das Widerbild meiner Hoffnungen und Ideale nicht mehr zu erkennen glaubte, spätestens seit der Sozialismus immer öfter auf das Wort real reduziert wurde.“ Und dennoch ist deren Ende für ihn die „Konterrevolution mit fliegenden Fahnen“.

Neutsch klopft sich nicht auf die Schulter, weil die Verfilmung seines Romans „Spur der Steine“ in der DDR auf dem Index stand. Und seine dicke Stasi-Akte, zusammengetragen von 15 Spitzeln, scheint ihm weniger Ritterschlag als Ohrfeige zu sein. Ihn kränkte das Misstrauen.

Durch die Tür des Arbeitszimmers tritt Annelies Hinz, die Gefährtin, die Erik Neutsch nach dem Tode seiner ersten Frau auf die Beine geholfen und ihm die Feder wieder in die Hand gegeben hat. Sie war es auch, mit der er 1997 eine Doppelhaushälfte in einer Neubausiedlung am Rande von Halle-Dölau bezog. Mehrere Räume des kleinen Häuschens bilden Neutschs Werkstatt: Ein Archiv im Keller mit Recherchematerial und Erstexemplaren der eigenen Werke. Eine Bibliothek im Dachgeschoss. Um bis in die hintersten Ecken der Bücherschluchten Licht zu haben, hat sich der Hausherr aus seinen vor 40 Jahren modernen Pendellampen selbst Strahler gebastelt.

Geschrieben wird im Arbeitszimmer im ersten Stock, seit einem Schlaganfall nicht mehr per Hand, sondern mit dem Laptop. Online geht Neutsch mit seinem Mini-Computer allerdings nicht. „Ich misstraue dem Internet. Wenn ich was nachschlagen will, sehe ich lieber in meine Lexika; eins aus dem Jahre 1900, eins aus der DDR und ein neues. Und wenn ich alle drei verglichen habe, bilde ich mir meine Meinung.“ Später gesteht er ein, dass er vermutlich zu viel Zeit mit dem Surfen im Netz verbringen würde. Und dass er nicht mailen kann. „Da telefoniere ich oder schreibe einen Brief.“

Die Regale im Arbeitszimmer sind gefüllt mit wissenschaftlicher Literatur, den Lexika, Landkarten, Fachbüchern. Mit Reißzwecken ist ein kleines Marx-Porträt an die Regalbretter gepinnt. Und wo immer eine Wandfläche frei blieb, hängen Bilder: Grafiken von Neutschs Freund Willi Sitte, von Gabriele Mucchi, Willi Neubert und anderen Zeitgenossen überm Sofa, in einem kleinen Goldrahmen auch ein alter Holländer.

Zu allem könnte der Schriftsteller eine Geschichte erzählen. Zum Beispiel die von Sittes Lithografie „Harpyie“, einem bunten Vogel mit Mädchenkopf und Krallen. „Unter anderem wegen dieses Bildes über meinem Redaktionsschreibtisch wurde ich in der ‚Freiheit’, dem SED-Blatt, als Kulturredakteur ab- und in die Abteilung Wirtschaft strafversetzt. Wegen meines vermeintlichen Hangs zum Formalismus.“

Vieles von dem, was in diesem Raum dicht bei dicht untergekommen ist, hat mit entstandenen oder entstehenden Geschichten zu tun: der Stadtplan von Halle im Mittelalter mit „Nach dem großen Aufstand“, den Roman über den Maler Matthias Grünewald, der 1528 in der Stadt starb; die Landkarte mit dem Lauf des Nils mit einer geplanten, aber nie geschriebenen Sache; das Porträtfoto einer fremden Frau, „die für mich die Vorlage ist für die Schauspielerin, wegen der im fünften Buch von ‚Friede im Osten’ die Ehe meiner Helden zu zerbrechen droht“.

Annelies Hinz, die einstige Journalistin, hat ihren früheren Namen auch nach der Hochzeit mit Neutsch behalten, stellt eine Thermoskanne auf den Schreibtisch: „Grüner Tee, da wird man 100 Jahre alt“.

100 Jahre? Neutsch schreibt noch immer, schiebt trotz gesundheitlicher Probleme den Gedanken an eine letzte Zeile weg. Zum Buch fünf, das von der DDR-Kunstindustrie erzählt, fehlen noch etwa 130 von rund 500 geplanten Seiten. Vier bis fünf Stunden täglich kann er noch sitzen und tippen. Da entsteht etwa eine halbe Seite.

„Nächstes Jahr will ich fertig werden. Eigentlich würde ich dann gern ein Essay über Georg Büchner schreiben. Aber da ist noch das sechste Buch. Ich muss schreiben, solange es geht, jeden Tag. Und mich auf den Roman konzentrieren.“ „Der Friede im Osten“ ist Neutschs Hauptwerk. Beginnend im Frühling 1945 endet die Handlung im Herbst 1989 – ein paar Jahre später als ursprünglich geplant, als dieser Herbst noch nicht als Zäsur in der Chronik stand. Dennoch rückt der Autor von der Dramaturgie kaum ab. Die Figuren gehen den damals für sie vorbestimmten Weg.

Lange ist es her, dass die Exemplare von Neutschs Büchern in Hunderttausenden gezählt wurden. Wer soll den „Friede im Osten“ weiterlesen? Konzipiert in den Siebzigern, handelnd in den Achtzigern, sind doch die ersten vier Bücher kaum noch präsent. „Es muss doch jemanden geben, der an das Experiment Sozialismus erinnert und da nicht nur die Konflikte von Intellektuellen beschreibt. Mag sein, dass das jetzt keiner lesen will, aber irgendwann“, so ist er sich sicher, „fragt man, was damals eigentlich passiert ist“. Solche Schicksale würden Künstlern in allen Umbruchzeiten widerfahren. Und so schreibt er weiter. Unbeirrbar werden es die einen nennen, unbelehrbar die anderen. Er kann mit beiden Urteilen leben. (Von Marlis Heinz)

Biografie Erik Neutsch wird am 21. Juni 1931 in Schönebeck an der Elbe als Kind einer sozialdemokratisch geprägten Arbeiterfamilie geboren. Mit 14 Jahren kommt er unter Werwolfverdacht ein Dreivierteljahr ins Gefängnis des NKWD (später KGB). 1948 tritt der Gymnasiast in FDJ und SED ein, von 1950 bis 1953 studiert Neutsch in Leipzig (Gesellschaftswissenschaften, Philosophie und Publizistik), von 1953 bis 1960 arbeitet er als Kultur- und Wirtschaftsredakteur bei der SED-Bezirkszeitung „Freiheit“ in Halle (heute Mitteldeutsche Zeitung).

1960 wird Neutsch Schriftsteller und Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR; von 1963 bis 1965 Vorsitzender des Bezirksverbandes Halle dieser Organisation, ab 1963 Mitglied der SED-Bezirksleitung Halle, 1974 Mitglied der Akademie der Künste der DDR; seit 1990 ist er Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller.

2006 gründete Neutsch seine Stiftung unter dem Dach der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Partei „Die Linke“ nahesteht. Ihr wird er auch seinen Nachlass anvertrauen.

WerkErzählungen: „Die Regengeschichte“ (1960), „Die zweite Begegnung“ (1961), „Bitterfelder Geschichten“ (1962),  „Akte Nora S. und Drei Tage unseres Lebens“ (1978), „Der Hirt“ (1978), „Zwei leere Stühle“ (1979), „Forster in Paris“ (1981), „Claus und Claudia“ (1989), „Verdämmerung“ (2003)

Romane: „Spur der Steine“ (1964), „Auf der Suche nach Gatt“ (1973), Zyklus „Der Friede im Osten“ („Am Fluß“/„Frühling mit Gewalt“/„Wenn Feuer verlöschen“/„Nahe der Grenze“, 1974 bis 1987), „Totschlag“ (1994), „Nach dem großen Aufstand“ (2003)

Schauspiel: „Haut oder Hemd“ (1971)

Libretto: „Karin Lenz“ (1971)

Kinderliteratur: „Olaf und der gelbe Vogel“ (1972), „Vom Gänslein, das nicht fliegen lernen wollte“ (1995)

Gedichte: „Die Liebe und der Tod“ (1999)

Über Neutsch: „Erik Neutsch – Spur des Lebens“ (2010) von Klaus Walther

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