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Kultur Jakobine Motz über den Liebesfilm „Adam und Evelyn“
Nachrichten Kultur Jakobine Motz über den Liebesfilm „Adam und Evelyn“
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16:08 07.01.2019
Eingerichtet in ländlicher DDR-Idylle: Adam (Florian Teichtmeister) und Evelyn (Anne Kanis). Quelle: Foto: Neue Visionen
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Potsdam

Adam und Evelyn leben in einer ländlichen DDR-Idylle. Es ist Sommer 1989, sie wollen nach Ungarn in die Ferien. Es gibt Streit, Evelyn fährt vor und im folgenden sehen wir auf wunderbare Weise, wie historische Ereignisse auch die Wege der Liebe beeinflussen.

Frau Motz, was hat Sie an dem Roman „Adam und Evelyn“ von Ingo Schulze so fasziniert, dass Sie ihn verfilmen wollten?

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Jakobine Motz: Andreas Goldstein, den ich schon lange kenne, kam eines Tages mit dem Roman und sagte: „Lies den mal. Das könnte ein Filmstoff sein!“ Der Roman ist sehr filmisch geschrieben, da er mit Auslassungen arbeitet, Raum zwischen den Begebenheiten lässt. Außerdem gibt es diese Prägnanten Sätze der Figuren, die dann plötzlich ganz viel auf den Punkt bringen. und einen sehr schönen Humor. Der Roman beschreibt das Ende der DDR, jenseits der üblichen Polarisierungen. Eine Perspektive, die uns sehr interessiert hat.

Mit Andreas Goldstein haben Sie an der HFF in Potsdam-Babelsberg studiert. Wie war die Zusammenarbeit?

Ja, wir kennen uns seit 1991 von der Hochschule. Wir sind ähnliche Jahrgänge, haben die DDR bis in unsere Zwanziger erlebt, teilen also viele Erinnerungen. und Es gab aber auch unterschiedliche Erfahrungen. In der Drehbucharbeit konnten wir uns deshalb gut ergänzen. Wir haben uns gemeinsam an diese Figuren herangearbeitet und dann wie mit der Wasserwage die Szenen und Sätze austariert. Mir war wichtig, dass beide, Adam und Evelyn, den Film tragen und nicht nur Adam durch den Film führt.

War auch gleich klar, dass Sie die Kamera übernehmen? Hatten Sie schon früh die Bilder im Kopf?

Ja, dass ich die Kamera machen würde, war klar. Bis zum Dreh vergingen dann aber noch fünf Jahre. Es gab ein paar Bilder, die sich beim Schreiben oder schon beim Lesen des Romans im Kopf festgesetzt hatten. Aber beim Schreiben waren die Bilder im Kopf zum größten Teil erst einmal wage. Es ging darum, dass die Figuren mit dem was sie tun und sagen, stimmig sind, dass Tonlage und Rhythmus der Szenen passen. Dann kam eine räumliche Vorstellung der Szenen dazu. Erst mit den Drehorten wurden alle Bilder konkret im Kopf.

Die visuelle Annäherung an die DDR ist völlig anders, als gemeinhin üblich. Sie verzichten fast vollständig auf eine historische Ausstattung. Warum?

Das war eine bewusste Entscheidung. Wir wollten keinen Ausstattungsrealismus bedienen, den man so oft in DDR-Filmen antrifft. Filmemachen ist eine künstlerische Übersetzung. Selbst wenn man den Raum hundertprozentig realistisch ausstattet, heißt das nicht, dass er die emotionale Wahrheit transportiert. Unsere Erinnerung funktioniert selektiv, sie wird in den Zwischenräumen produziert und nicht an den echten Eierbechern festgemacht.

Brandenburgerin und Absolventin der HFF

Jakobine Motz, 1967 in Königs Wusterhausen geboren, studierte von 1988 bis 1994 Kamera an der Filmhochschule in Babelsberg. Später verfeinerte sie ihr Handwerk in einem zweijährigen Aufbaustudium am American Film Institute in Los Angeles.

Der Film „Adam und Evelyn“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze, der 2008 erschien. Schulze, 1962 in Dresden geboren, ist mit dem Buch „Einfache Geschichten“ berühmt geworden.

Weltpremiere feierte der Film 2018 in Venedig. Finanziell unterstützt wurde der Film von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit 250 000 Euro, die gleiche Summe steuerte die Mitteldeutsche Medienförderung bei.

Heute sind die Filmemacher um 18.30 Uhr im Potsdamer Thalia-Kino zu Gast. Karten unter 0331/743 70 20.

Kinostart ist am 10. Januar.

Wie sind Ihre eigenen Erinnerungen an jenen Winter 89? Und steckt etwas davon in dem Film?

Motz: Die letzten Monate der DDR, diese Umbruchphase, waren für mich der Übergang in ein neues Zeitgefühl, die Uhren begannen schneller zu ticken. Es ist schwierig, diese Zeit in wenige Worte zu fassen. Wir kamen aus einer stagnierenden und von Ratlosigkeit geprägten Zeit und blickten plötzlich nach vorn in die absolute Ungewissheit. Das ist sicherlich auch im Film spürbar.

Adam ist Damenschneider, wird von seinen Kundinnen umschwärmt und scheint sehr zufrieden zu sein. Evelyn dagegen arbeitet als Kellnerin und drängt nach Neuem.

Evelyn verkörpert die Unruhe, das Suchen. Adam hat sein Zentrum in seiner Arbeit, in seinem Haus, seinem Garten gefunden. Er hat wahrscheinlich auch seine Liebschaften und vermisst nichts. Er steckt aber auch fest in seiner Zufriedenheit. Als Evelyn nach einem Streit mit Freunden nach Ungarn in die Ferien fährt, fordert ihn das heraus. Er muss alles Vertraute verlassen, wenn er sie zurückgewinnen will.

Sind Adam und Evelyn typische DDR-Charaktere?

Nein, nicht unbedingt. Diese Beziehungsgeschichte könnte auch heute stattfinden, in einem Moment, in dem gesellschaftliche Umwälzungen passieren. Das Wichtige ist, dass dieses Paar in Umbrüche gerät, die sie von außen herausfordern. Und das passiert ja immer wieder und überall.

Den Titel haben Sie von dem Roman übernommen. Man denkt an das Paradies, den Sündenfall.

Diese religiösen Metaphern lassen nicht eins zu eins übersetzen. Es ist ja nicht so, dass wir die DDR dem Paradies gleichsetzen, aus dem Adam und Evelyn vertrieben werden. Diese Gleichnisse werfen aber Fragen auf, man soll über sie nachdenken. Wie sieht denn das Paradies aus, in dem man leben möchte? Aber das Paar steht am Ende doch gewissermaßen nackt in dieser neuen Welt. Es lernt sich gegenseitig neu sehen.

Fast 30 Jahre sind seit den Ereignissen im Film vergangen. Wäre es ein anderer Film geworden, wenn er zum Beispiel in den 1990er Jahren entstanden wäre?

In den 1990ern wurden noch andere Filme über die DDR gemacht. Sie sahen anders aus und haben ganz andere Dinge verhandelt. Der Roman ist von 2008, er bringt also schon die Distanz mit. Und wir haben jetzt zehn Jahre später noch einmal auf diesen Sommer/Herbst ’89 geschaut, mit dem Wissen darüber, wie sich die Welt verändert hat. Was ist aus den Hoffnungen und Wünschen der Menschen geworden?

Evelyn sagt am Ende: „Angst vor Krieg braucht auch niemand mehr zu haben. Jetzt können sie das ganze Geld für sinnvolle Sachen verwenden, nicht nur hier, überall auf der Welt. Bald muss man nur noch dreißig Stunden arbeiten, und statt anderthalb Jahre zur Armee zu gehen, machen alle ein Jahr was Nützliches.

Heute wissen wir, das sich dieser Optimismus nicht erfüllt hat. Wir haben nicht die Gesellschaft, die sich die viele Menschen 1989 erhofft hatten.

Interview: Claudia Palma

Von Claudia Palma