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Kultur Jana Simon fühlt Deutschland den Puls
Nachrichten Kultur Jana Simon fühlt Deutschland den Puls
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01:15 28.04.2019
In dem Buch wird auch ein Polizist porträtiert, der an vorderster Front erleben muss, wie sich das Land politisch-ideologisch polarisiert. Das Foto zeigt eine Demonstration am 27. August 2018 in Chemnitz. Quelle: dpa
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Potsdam

„Mehr als ein Drittel aller Arbeitnehmer (37 Prozent) scheiden vorzeitig aus ihrem Beruf aus, weil sie unter psychischen Krankheiten wie Burn-out, Depression oder Angststörungen leiden“, zitierte diese Woche die Deutsche Presseagentur die Studie eines Versicherers. Das seien 40 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Und nachdem „Die Welt“ am 14. April im Wirtschaftsteil einen Beitrag mit dem Titel „Deutsche Durchschnittsfamilie rutscht unter das Existenzminimum“ veröffentlichte, hagelte es mehr als 2000 Kommentare. Nicht wenige Leser der konservativen Tageszeitung sehen in der Flüchtlingspolitik den Grund dafür, dass es in diesem Land so schwer geworden ist, auf einen grünen Zweig zu kommen.

Reporterin mit Leib und Seele

Jana Simon wurde 1972 in Potsdam geboren. Sie ist die Enkeltochter der Schriftstellerin Christa Wolf. Ihr leiblicher Vater ist der Defa-Filmregisseur Rainer Simon. Seit 2004 arbeitet sie als Reporterin für die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Jana Simon: Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert. S.Fischer, 336 Seiten, 20 Euro.

Das Buch „Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert“ scheint den Nerv der Gegenwart zu treffen. Reporterin Jana Simon untermauert darin das akute Gefühl des sozialökonomischen Abrutschens mit belastbaren Zeugenaussagen. 2011 kam sie aus den USA zurück, wo sie eine erodierende und politisch zutiefst gespaltene Gesellschaft erlebt hatte. „Ich merkte, auch in Deutschland passiert etwas, was ich anhand von Menschen erzählen möchte. In Biografien spiegelt sich die Welt“, sagt sie über ihre journalistische Langzeitstudie.

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Sechs Perspektiven auf ein Land

Die 46-Jährige fühlt Deutschland den Puls, indem sie sechs Einzelperspektiven auskundschaftet. Von 2013 bis in die Gegenwart suchte sie episodisch sechs Menschen in ihrem Alltag auf – eine Krankenpflegerin in München, einen Polizisten in Thüringen, einen Abgas-Ingenieur in Stuttgart, eine Instagram-Bloggerin in Berlin sowie den AfD-Politiker Alexander Gauland und den Finanzökonomen Jörg Asmussen mit SPD-Parteibuch.

Das Leben hinter der Statistik

Simon bringt deren Wahrnehmungen und Gemütslagen, Erfahrungen und Weltbilder zur Sprache, die in Statistiken und Wahlergebnissen untergehen. Wie haben die Akteure die Umschuldung Griechenlands, den NSU-Terror und die Flüchtlingskrise erlebt? Und wie die Pegida-Demonstrationen, das Erstarken der AfD, den Dieselskandal und die Mietpreis-Explosion? Die Autorin, ganz Chronistin, skizziert die großen politischen Vorgänge noch einmal. Auch Leser in zehn Jahren sollen noch verstehen, worum es ging. Im Buch ordnet sie ihre Zwischenberichte chronologisch an, wobei sie auch Querverweise wagt.

Bestätigung und Anfechtung

Entstanden ist ein gut lesbares Kaleidoskop, das Lesern in allen Gesinnungslagern Bestätigung und Anfechtung liefert. Der Autorin gelingt etwas nahezu Unmögliches. Sie beschreibt die Menschen und ihre Haltungen unaufgeregt, präzise und nie verletzend. Selbst hält sie sich im Hintergrund, um dann doch mit einer eigenen Meinung nicht hinterm Berg zu halten.

Ein gelungenes Porträt von Alexander Gauland

Der gespaltenen Persönlichkeit eines Alexander Gauland, der viel Druck aufbaut und bekanntlich die Bundeskanzlerin „jagen“ möchte, kommt Jana Simon mit dieser Methode erstaunlich nahe. Sobald ein Delinquent ihre Neugierde fürchtet, wird das auch transparent. Jörg Asmussen wechselte 2016 von der Politik in die Privatwirtschaft und stimmte nur noch Treffen in Cafés zu. Auch die Selbstdarstellerin Lisa Banholzer, die erst 2017 im Panel auftaucht, geht plötzlich auf Distanz.

Die Quersumme der Diagnosen

Wie lautet die Quersumme der Deutschland-Diagnosen? Der Druck nimmt zu, alles wird immer enger. Das Pflegepersonal muss immer mehr Patienten in immer weniger Zeit versorgen. Immer mehr Polizistenstellen werden frei und immer weniger werden wieder besetzt. Im Internet bringen schlichte Selfies mehr Likes als substanzielle Posts. Bald wird ein Erwerbstätiger auf einen Rentner kommen. In den 50er Jahren war das Verhältnis noch 1:5. Besonders skrupellos agieren die großen Konzerne. „Du wirst optimiert wie ein Mastschwein“, sagt der Besserverdiener Jörn Reichenbach, der plötzlich krank wird und fürchten muss, sein noch nicht abgezahltes Häuschen zu verlieren.

Von Karim Saab