Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Joachim Witt über Potsdam: „Ich war sofort verliebt in die Stadt“
Nachrichten Kultur Joachim Witt über Potsdam: „Ich war sofort verliebt in die Stadt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:17 29.06.2019
Joachim Witt vor einem Selbstporträt in seiner Potsdamer Wohnung. Quelle: Rainer Schüler
Innenstadt

 „Ich war sofort verliebt“, gibt der Sänger sofort zu: „Verliebt in diese Stadt.“ Hier fühlt er sich angekommen, in der Altstadt von Potsdam: „Was für eine Architektur!“ schwärmt Joachim Witt. „Und was für eine Landschaft drumherum!“

Joachim Witt mag das Tiefsinnige. Quelle: Sammlung Witt

Für Plattenproduktion nach Potsdam

Der Star der Neuen Deutschen Welle – Der Goldene Reiter (1980), Tri Tra Trullala (1982) – und der Neuen Deutschen Härte – Bayreuth (1998 mit Die Flut, 2000, 2006), DOM (2012), Neumond (2014) – hatte Potsdam kurz nach der Jahrtausendwende schon mal gesehen. Und als er in Berlin das Album „DOM“ aufnahm, wollte er nicht in einem anonymen Hotel der großen Bundeshauptstadt wohnen, sondern in Potsdam. Hier erinnerte er sich an das gelbe Nachtlaternenlicht von Hamburg-Eppendorf, wo er aufgewachsen ist mit „denselben wunderschönen Gaslaternen“.

Potsdam sei „märchenhaft“, sagt er, „irgendwie aus der Zeit gefallen. Hier kann man wunderschön spazieren gehen.“ Seine Ex-Freundin hat ihn hergelockt; er ist noch immer gut mit ihr befreundet; wie schwer die Trennung war, verrät er nicht. Seine Songs verraten es.

Unauffällig in Ratzeburg und Potsdam

15 Jahre hat er unauffällig auf dem Land gelebt in Schleswig-Holstein, als einer von 200 Menschen in Mannhagen bei Ratzeburg, wo er ein Backstein-Balken-Haus bewohnte; 2016 brannte es ab. Zahllose Lebenserinnerungen nahm das Feuer mit sich. „Hier oben“, Witt tippt sich an die Denkerstirn, „ist noch alles drin. Und mein Bruder neigt dazu, alles Familiäre zu bewahren.“

Lebensstationen des Joachim Witt von der Kinderzeit bis heute

Unauffällig lebt er nun auch in Potsdam, kein Name steht an seinem Klingelschild. Der MAZ jedoch gewährt er Zutritt zu seiner neuen Heimat, von der immer wieder mal nach Hamburg zur Familie pendelt. In Potsdam wohnt er ganz für sich allein: Weiße Wände, moderne Möbel, eine Plattensammlung. An der Wand des Wohnzimmers das fast lebensgroßes Bild von sich, das er geschenkt bekam von einem Freund, fast monochromatisch: Schwarz, Weiß, Rot – das erinnert an Farben wie sie typisch sind für Preußens, Potsdams, Brandenburgs.

Erinnerungen im Feuer vernichtet

Kaum etwas hat er geborgen aus dem Schutt und Schlamm des großen Feuers: seine Computerfestplatten, ein paar Bilder von den Wänden, Schallplatten, die er jetzt bei sich in Potsdam hat. „Jede einzelne Platte hab’ ich von Ruß und Staub befreit“, sagt er; an ihnen hängt Erinnerung. Er hört sie ab und zu; er hört ansonsten, was immer er will, auf Streamingdiensten wie Spotify, auch wenn er sich ärgert über sie: „Die sind unfair uns Künstlern gegenüber.“

DOM galt 2012 nach sechs Jahren ohne neue Titel als Album über die ewige Abfolge von Untergang und Neuanfang – ein Kreislauf, den Witt selbst schon oft erleben und sich danach neu erfinden musste: „Ich bin ein Chamäleon.“ Veränderung prägte sein Leben; er wurde stets etwas anderes, als er sein wollte. Schon der Vater musste das erleben. Der wollte Schriftsteller sein, wurde aber Kaufmann, um seine Existenz zu sichern. Er selbst wurde Musiker, wäre er das nicht geworden, hätte er Psychologe werden wollen.

Melancholisch, sentimental, romantisch

Joachim Witt mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, der Sängerin Nadja Marie Saeger. Quelle: Sammlung Witt

Er tut das im Gespräch und schreckt auch nicht davor zurück, sich vielleicht mal unbeliebt zu machen. „Menschen werden massenhaft sozial ausgehebelt“, sagt er, „und kommen dann vielleicht nie wieder hoch. Warum nur gehen die Mächtigen so selbstherrlich an den sozialen Problemen dieser Zeit vorbei?“ Sarah Wagenknecht, Gründerin der linken Sammlungsbewegung „aufstehen“ ist für Witt „die kompetenteste Person auf der politischen Bühne in Deutschland.“ Er gehörte im September 2018 zu den 80 Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufs.

Linke hat „furchtbares DDR-Image“

Witt sieht die linken Kräfte in der Krise: „Denen hängt ein furchtbares DDR-Image an; das diese Partei so schwer wählbar macht. Dabei würde die Hälfte der AfD-Wähler gar nicht AfD wählen, wenn es ein sozialistisches Alternativprogramm gäbe.“ Dem Westen nimmt Witt die „Übernahme der DDR“ extrem übel. „Dieses Raubrittertum war echt dreist!“, schimpft er. Wenn jetzt so massiv Grün gewählt werde, dann aus dem Gefühl heraus, damit könne man „nichts falsch machen“.

Witt ist ein gelernter Wessi, fühlt sich der Ostmentalität aber sehr viel näher, er fühlt das bei seinen Konzerten: „Die im Osten sind mehr bei der Musik. Da spürt man eine völlig andere Energie. Das ist eine Frage des Respekts.“

Das System schürt Ängste

Joachim Witt: „Das politische System schürt Ängste.“ Quelle: Sammlung Witt

Mit Angst kennt er sich aus; sie hat ihn schon als Kind geprägt und immer wieder eingeholt. „Als ich vier war, mussten meine Eltern beruflich häufig weg; ich hatte eine Amme.“ Eines Tages verließen Mama und Papa beide das Haus und wollten den Kleinen nicht beunruhigen. „Ich lief hinterher und rief nach ihnen; sie drehten sich nicht um, vielleicht, um nicht selber weich zu werden. Sie wollten nicht meine Tränen sehen; das werd’ ich nie vergessen“, erzählt er.

Beziehungsbrüche wirken nach

Verlustängste holten ihn immer wieder ein und trafen ihn privat besonders hart. Mit Trennungen kam er schwer zurecht. „Einmal hab ich ein Dreivierteljahr gebraucht. Ich war völlig fertig. Abends ging es noch, aber morgens, wenn ein neuer Tag anbrach, war’s wirklich schlimm.“ Man spürt Verlust und Schmerz in mehr als einem Song, vor allem in „Ohne Dich“ (2014): „Und ich leide die Erinnerung / und ich leide den Verlust / bin alleine ohne Dich / Ich hätte anders gelebt, hätte ich das gewusst“.

Wer Joachim Witt erleben will, muss Geduld habe. Sein nächster Konzert-Auftritt ist am 15. Mai 2020 im „Kesselhaus“ in Berlin.

Von Rainer Schüler

Was für ein hochkarätiges Aufgebot an Rockbands: hart und zart, vertrackt und verzückt, heftig und hysterisch: Binnen fünf Tagen geben sich Dream Theater, King Crimson und Def Leppard die Ehre – auf den Bühnen in Berlin.

26.06.2019

Die bekannteste Liebesgeschichte der Welt kommt nun ins Potsdamer Heckentheater, einer Bühne unter freiem Himmel. In Szene gesetzt wird der Shakespeare-Klassiker vom Ensemble „Poetenpack“, das vor 20 Jahren gegründet wurde

29.06.2019

Die Fusion hat begonnen, sie zeigt: Festivals geben emotionalen Halt in unübersichtlichen Zeiten, ihr Wert wird verteidigt, mitunter gegen Pläne der Polizei und einen allzu großen kommerziellen Hunger

26.06.2019