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Kultur Josef – ein stiller und bedauernswerter Held
Nachrichten Kultur Josef – ein stiller und bedauernswerter Held
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16:57 22.12.2017
Josef in der Bildmitte, aber im Schatten von Kind und Frau. Das Ölbild „Die Heilige Familie“ wurde 1521 von dem flämischen Maler Bernard van Orley gemalt. Die linke Figur soll vermutlich einen Engel darstellen.
Josef in der Bildmitte, aber im Schatten von Kind und Frau. Das Ölbild „Die Heilige Familie“ wurde 1521 von dem flämischen Maler Bernard van Orley gemalt. Die linke Figur soll vermutlich einen Engel darstellen. Quelle: foto: imago
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Potsdam

Für Josef war das eine schöne Bescherung: Die Frau schwanger. Von ihm konnte das Kind nicht sein. Wie stand er denn da? Wie ein gehörnter Ehemann.

In der Weihnachtsgeschichte fügt sich Josef tapfer in seine Statistenrolle. Dass er uneigennützig ist und hilfsbereit, das stellt Maria bei den Krippenspielen alle Jahre wieder durch einen Ohrwurm heraus. Das Lied gibt es schon seit dem Mittelalter: „Joseph, lieber Joseph mein,/ hilf mir wiegen mein Kindelein,/ Gott, der wird dein Lohner sein/ im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.“

Josef nimmt die Fremdschwangerschaft seiner Verlobten hin. Auf alten Darstellungen wirkt er manchmal etwas schläfrig, vielleicht sogar trottelig. Ein schlichtes Gemüt, das sich für das liebreizende Weib im Zentrum nützlich macht, Holz hackt oder schweigend die Laterne hält. Kein einziges Josef-Wort wird in der Bibel überliefert, doch alle wissen: Er ist nicht der leibliche Vater.

Der „Nähr- und Ziehvater“

Die Kirche nannte Josef lange einen „Nähr- und Ziehvater“. Da die christliche Religion nicht nur Siegern, sondern vor allem Verlierern und Durchschnittsmenschen Beachtung einräumt, wurde die Josef-Figur im Laufe der Jahrhunderte nicht immer so stiefväterlich behandelt, wie es bei Krippenspielen den Anschein hat.

Im Zeitalter der Patchworkfamilien dürfte das Verständnis für den Mann, der ein fremdes Kind annimmt, sogar deutlich wachsen. Schließlich leben immer mehr Männer mit Kindern aus anderen Beziehungen zusammen und füllen die Rolle des sozialen Vaters liebevoll aus. Andere wiederum, die biologischen Väter, müssen jeden Monat geforderte Alimente aufbringen, ohne dass ihnen dafür gedankt wird. Und Männer, die der Geburt ihres eigenen Kindes im Kreißsaal beiwohnen, erleben sich angesichts der Schmerzen, die niemand anderes als die Gebärende allein durchmachen kann, schnell als hilflose Randfigur. Es ist also gar nicht so schwer, den Josef aus dem Neuen Testament ins Hier und Heute zu übersetzen.

Im ersten Jahrtausend nach Christi Geburt brach die Kirche, bekanntlich eine Männerdomäne, zunächst in einen opulenten und nicht zu überbietenden Marienkult aus. Die Jungfrau besetzte die noch freie Rolle der anbetungswürdigen weiblichen Hauptfigur im Abendland. Der männliche Part war bereits durch Superstar Jesus Christus besetzt. So dauerte es einige Jahrhunderte, bis auch Josef vom Glanz seines Sohnes etwas abbekam. Bettelorden des 14. Jahrhunderts verschafften seinem stillen Heldentum Gehör. Seine Verehrer machten geltend, dass Josef den Gottessohn vor Verfolgung, Mangel und Krankheit beschützt habe. In der Bibel heißt es, dass Josef Zimmermann war. Der Beruf kann aber auch eine überhöhte Bedeutung gehabt haben. Denn wenn im Landstrich Galiläa ein Problem auftrat, soll man im Alltag vor 2000 Jahren floskelhaft gesagt haben: „Ist ein Tischler oder ein Tischlers Sohn unter uns?“

Viele Krankenhäuser heißen heute Sankt Josef. Die Katholische Kirche würdigte Josefs Hege- und Pflegedienste, in dem sie ihn zum Heiligen erklärte. 1479 rief der Vatikan den 19. März zum offiziellen Josef-Tag aus. Papst Sixtus IV. wollte auf diese Weise das Fest der Minerva, der römischen Göttin der Handwerker, verdrängen. Im 19. Jahrhundert erweiterte die Kirche die Zuständigkeit des Heiligen und erklärte Josef zum Schutzpatron aller Arbeiter, 1870 dann auch noch zum Schutzpatron der ganzen Kirche. Im katholischen Bayern war der Josefstag noch bis 1968 ein Feiertag.

Auch Marias steile Karriere ging noch höher hinaus. Der Annahme einer „Jungfrauengeburt“ wurde 1854 noch das „Dogma der unbefleckten Empfängnis“ hinzugefügt, gemeint war eine absolute Sündenlosigkeit Marias. Und 1950 wurde die Aufnahme Marias in den Himmel als katholische Lehrmeinung bestätigt. Von Marienkult und Heiligenverehrung haben sich die Protestanten bereits im 16. Jahrhundert distanziert. Sie wollen nur gelten lassen, was wirklich in der Bibel geschrieben steht. Und das wäre?

Eingebungen durch einen Engel

In der Bibel erscheint Josef drei Mal ein Engel, der ihm Gottes Weisungen erteilt, die er auch brav befolgt. Beim ersten Mal will Josef seine Verlobte heimlich verlassen, da sie von einem Fremden geschwängert wurde. Doch der Engel beruhigt ihn: „Fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.”

Später verschafft ihm der Engel noch andere Eingebungen. So flieht Josef mit seiner Kleinfamilie rechtzeitig vor der Verfolgung nach Ägypten. Der Engel weist ihm auch den Weg wieder zurück. Etwa zwölf Jahre später pilgert die Heilige Familie von Nazareth nach Jerusalem. Die Eltern verlieren ihren Sohn drei Tage aus den Augen, bis sie ihn im Tempel wiederfinden, wo er angeregt mit jüdischen Gelehrten diskutiert.

Zahllose Motive der Weihnachtsgeschichte, etwa die Anwesenheit von Ochs und Esel bei Jesu Geburt im Stall von Bethlehem, finden sich in den „Apokryphen“, das sind frühchristliche Schriften, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden. Heute kennt kaum noch ein Theologe die bis ins Mittelalter äußerst populären Texte. Sie liefern den Beleg dafür, dass sich die Menschen früher um die Pein Josefs sehr viel mehr Gedanken gemacht haben.

Wer etwa zum Protoevangelium des Jakobus greift, das um 160 nach Christus entstanden ist, wird zum Zeugen melodramatischer Familien-Szenen. Heute würde man diesen Stoff zu einem Hollywood-Film verarbeiten. Josef wird als steinalter Witwer vorgestellt, der bereits mehrere Kinder hat. Im Tempel wird ihm eine viel zu junge Frau zugeteilt und er fragt sich, wie er sie in den Steuerlisten eintragen soll: „Als meine Frau? Da müsste ich mich ja schämen! Als meine Tochter? Aber alle wissen, dass sie nicht meine Tochter ist.” An anderer Stelle heißt es: „Als Maria im sechsten Monat schwanger war, kam Josef von seiner Baustelle nach Hause. Als er ins Haus kam und sah, dass seine Frau schwanger war, raufte er sich das Haar, warf sich auf den Strohsack und weinte bitterlich.” Und er fluchte: „Ich habe nicht auf sie aufgepasst ... Wer hat mich hintergangen? Wer hat diesen Frevel in meinem Haus begangen und die Jungfrau geschändet?” Auch in dieser Schrift beteuert Maria ihre Unschuld („der Heilige Geist”). Und Josef deutet die Blamage in Auserwähltheit um.

Von Karim Saab