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Kultur Jürgen Vogel: „Ich bin ja Anarchist“
Nachrichten Kultur Jürgen Vogel: „Ich bin ja Anarchist“
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00:43 28.04.2018
Jürgen Vogel spielt den Aussteiger Lennard Kohlmorgen, der zeitweise auch Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon)  ein Quartier zur privaten Erholung auf seinem Hof überlässt.
Jürgen Vogel spielt den Aussteiger Lennard Kohlmorgen, der zeitweise auch Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) ein Quartier zur privaten Erholung auf seinem Hof überlässt. Quelle: RBB
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Potsdam

Im neuen, sehenswerten „Polizeiruf 110“ aus der Mark (ARD, 29.4., 20.15 Uhr) spielt Jürgen Vogel (49) einen Aussteiger, der auf dem Land mit einer Rebellion gegen die Demokratie zu kämpfen hat. Im Interview spricht er über seine Beziehung zu Brandenburg, seine Zähne, den 50. Geburtstag und das Manko von Til Schweiger.

Herr Vogel, Ihr Brandenburger Krimi unter Regie von Matthias Glasner ist erzählerisch so üppig und handwerklich so präzise gearbeitet – eigentlich gehört er ins Kino, oder?

Jürgen Vogel: Nein, so ein Film muss ins Fernsehen, den würde sich im Kino keiner angucken! Im Kino lässt sich fast nur noch mit Komödien Geld verdienen. Was anderes funktioniert dort im Grunde nicht mehr. Die wirklich guten Komödien laufen wiederum im Fernsehen, denn im Kino sind sie nicht immer vom Feinsten.

Wo bleiben dann die gut gemachten, ernsthaften Spielfilme?

Mit denen kann man auf einem Arthouse-Festival landen, auch wenn die Finanzierung für solche Werke schwierig ist. Eigentlich ist aber mittlerweile das Fernsehen für die berührenden Geschichten zuständig. Das hat sich sehr verlagert, Kino guckt ja keiner mehr. Ein Berlinale-Wettbewerbsfilm wie „Der freie Wille“ aus dem Jahr 2006, wo ich einen Vergewaltiger spiele, hatte im Kino 80.000 Zuschauer. Das ist nicht viel, was auch daran liegt, dass er fast drei Stunden dauert. Aber das Stück war wichtig als Visitenkarte der deutschen Filmbranche. Sehr gute Arbeit, doch kommerziell nicht besonders attraktiv.

Beim renommierten Regisseur Matthias Glasner können Sie sicher sein, dass die Arbeit interessant wird. Würden Sie auch mit Regisseuren Filme für die Unterhaltungszeit um 20.15 Uhr drehen, die Sie nicht so gut kennen?

Ich habe ja schon einige Krimis gedreht, dieses Format und die Sendezeit sind mir nicht fremd. Wir haben wirklich viele gute Regisseure in Deutschland, da besteht kein Mangel. Das Problem liegt eher in der Frage, wie gut unsere Geschichten sind. Welche sind spannend und relevant genug, um zum Beispiel vom Streamingdienst „Netflix“ als englisch synchronisierte Fassung in den USA gezeigt zu werden? Da müssen wir Qualität bieten, sonst sind wir aus dem globalen Rennen.

„Demokratie stirbt in Finsternis“

Jürgen Vogel wurde am 29. April 1968 in Hamburg geboren, er ist Sohn eines Kellners und einer Hausfrau.

Der Durchbruch als Schauspieler gelang ihm 1992 mit Sönke Wortmanns Komödie „Kleine Haie“.

Für seine Rolle in „Der freie Wille“ erhielt er auf der Berlinale 2006 einen Silbernen Bären.

Die Folge „Demokratie stirbt in Finsternis“ des Brandenburger „Polizeiruf 110“ mit Jürgen Vogel läuft an diesem Sonntag in der ARD, 20.15 Uhr.

Sind Sie generell mit den Rollen zufrieden, die Ihnen angeboten wird? Oder gibt es stets dieses Muster, dass man Sie als körperlichen, leicht labilen und trotzdem feinsinnigen Typen besetzen will?

Eigentlich ist dieses Rollenprofil doch ganz gut, oder? Jede Figur sollte etwas von diesen Eigenschaften haben. Es kommt am Ende darauf an, ob die Story stimmig ist und mich interessiert. Ich bin jedenfalls total zufrieden mit dem, was ich spiele. Zum Glück bin ich als Typus für ein breites Repertoire geeignet, ich habe mehr Möglichkeiten als viele Kollegen. Vor allem aber wünsche ich mir mehr Rollen im Thriller, denn dieses Genre finde ich wirklich toll, da kann ich alles zeigen.

Im Brandenburger „Polizeiruf“ spielen Sie einen Mann, der sich auf dem Land zum Eigenbrötler entwickelt. Reizt Sie privat das Leben auf dem Dorf?

Ich habe dort selbst nie gewohnt. Aber natürlich hat jeder die Fantasie, mal auf dem Land zu leben, mit Haus und großem Garten. Doch die Zeit, das umzusetzen, hätte ich im Alter zwischen 30 und 50 Jahren gar nicht gehabt. Das ist die produktivste Zeit im Leben eines Mannes. Weil du da die Kohle ranschaffst und für die Zukunft vorbaust. Du spürst einen enormen Druck, musst Kredite zurückzahlen ... Es sind Jahre, in denen nicht viel Zeit bleibt, auch nicht für Haus und Garten.

Am Tag des „Polizeirufs“ wird er 50

Sonntag läuft Ihr „Polizeiruf“, an diesem Tag werden Sie 50 Jahre alt. Ab jetzt hätten Sie also Zeit fürs Leben auf dem Lande.

Nun beginnt immerhin die Phase, in der ich ernsthaft darüber nachdenken kann. Aber natürlich spielt man, wenn man älter wird, beruflich und gesellschaftlich nicht mehr so eine Riesenrolle – und dann kann es auch ganz schön sein, nicht nur ein Haus auf dem Dorf zu haben, sondern endlich auch Zeit dafür, sich Kultur anzuschauen und mittendrin in einer Stadt zu wohnen

Ändern sich Ihre Rollen mit 50?

Generell bin ich ja Anarchist, der nur das macht, was er will. Männer können lange ihre angestammten Rollen spielen. Frauen haben es da schwerer.

Diese Haltung erinnert an Til Schweiger, mit dem Sie verbindet, dass sie beide durch Körperlichkeit und schnoddrigen Ton sehr eigene Rollen spielen können, die in Deutschland sonst schwer zu besetzen sind.

Ich habe ja in Til Schweigers „Keinohrhasen“ eine Gastrolle gehabt. Aber filmisch und geschmacklich gehen wir verschiedene Wege. Ich respektiere ihn, aber wir begegnen uns selten. Wir haben unterschiedliche Einstellungen zur Schauspielerei: Er ist sehr moralisch, auch in der Auswahl seiner Rollen. Vergewaltiger spielt er nicht, er nimmt eher die ethisch tadellosen Figuren. Damit ist sein Repertoire eingeengt. Und meines nicht (lacht).

Ihre „Polizeiruf“-Rolle spielt in Brandenburg, sind Sie häufig hier?

Meine Schwester wohnt in Dreetz bei Neuruppin, sie kann ihren Hund täglich bei einem schönen Spaziergang ausführen. Der Blick aufs Leben bleibt in der Stadt oder auf dem Land bei allen Unterschieden in der Landschaft aber ähnlich. Uns beschäftigen dieselben Themen und Sorgen. Mein Tätowierer hat seinen Laden übrigens in Neustrelitz, aber das liegt schon knapp in Mecklenburg-Vorpommern. Er hat mich am Set für einen Film bemalt, ich wusste: Bei dem Mann bleibe ich!

Mit meinen Zähnen kriege ich in den USA keine Rollen

Nicht nur Ihre Tattoos sind auffällig, auch Ihre markanten, weil ziemlich schiefen Zähne. Glauben Sie, dass Sie dadurch als Schauspieler ein Image bekommen haben, das Ihrer Karriere ganz gut tut?

Nein! Es gab sicher keine Rolle, die ich wegen meiner Zähne gekriegt habe und auch keine, die ich deshalb nicht bekommen hätte. Aber klar ist, dass ich mit meinem Gebiss in den USA nicht arbeiten könnte, denn da ist eine makellose oder künstliche Beißleiste die Voraussetzung für große Rollen.

Interessiert Sie diese Art von Eitelkeit?

In Kalifornien ist das schon toll: Dort gibt es Surfertypen, die in Würde altern. Die essen gut, sind durchtrainiert und wirken unheimlich lässig. Wenn du wiederum in Deutschland einen älteren Typen mit lässigem Look siehst, gerade mit längeren Haaren, weißt du, der hat vier Stunden mit dem Föhn gearbeitet.

Von Lars Grote