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Kultur Juli Zeh: „Im Havelland kann ich sein wie ich will“
Nachrichten Kultur Juli Zeh: „Im Havelland kann ich sein wie ich will“
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00:19 15.12.2017
Juli Zeh ist promovierte Juristin, sie kam in Bonn zur Welt und lebt jetzt im westlichen Havelland. Quelle: picture alliance
Potsdam

Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh (43) einen fulminanten Romanerfolg gefeiert, der in einem märkischen Dorf spielt. Sie selbst lebt im Havelland, gerade ist ihr neuer Roman „Leere Herzen“ erschienen.

Frau Zeh, wie sind Sie als Zugezogene im westlichen Havelland aufgenommen worden? Muss man sich „beweisen“, um zur Dorfgemeinschaft zu zählen, oder klappte das ganz selbstverständlich?

Beweisen muss man sich nicht, man darf es halt nicht total verbocken. Ich glaube, das Einzige, was die Leute nicht mögen, sind Nörgeltanten und Spielverderber. Wenn man sich ständig über irgendetwas beschwert und gestört fühlt, dann wird man irgendwann ignoriert. Ansonsten ist man willkommen. Wir erfahren so viel Hilfsbereitschaft, dass mir manchmal ganz schwindelig wird.

Haben Sie im Havelland Eigenschaften entdeckt, die sie als „für Brandenburgisch typisch“ empfinden und die sich unterscheiden von Ihren Stationen in Bonn oder Leipzig?

Sehr viele. Am typischsten ist für mich eine Mentalität, die ich „positiver Fatalismus“ nennen würde. Das heißt, die Leute regen sich nicht gleich auf, schon gar nicht über Kleinigkeiten, aber auch nicht über Schicksalsschläge.

Beneidenswert!

Diese Menschen sind in der Lage, Dinge hinzunehmen und sich damit zu arrangieren. Einer meiner Lieblingssätze, den man häufig hört, lautet „Irgendwas ist immer“. Das ist für mich eine Haltung von buddhistischer Qualität, die ich sehr bewundere. Ich erlebe immer wieder Städter, die alles haben, eine tolle Wohnung, Geld, kulturelle Angebote, jede Menge Freizeit, und sich die ganze Zeit über irgendwas beschweren. Meine Nachbarn führen zum Teil ein richtig schweres Leben, Berufstätigkeit, Kinder, lange Arbeitswege, wenig Geld, Haus und Garten. Und sie nehmen es alles mit einer heiteren Gelassenheit. Das muss man erst mal hinkriegen!

In Ihrem Erfolgsroman „Unterleuten“ geht es um das Leben im Dorf, in „Leere Herzen“ wiederum beginnt die Geschichte in einer mittelgroßen Stadt. Die Temperatur des Alltags ist in den Texten grundverschieden – gibt es wirklich so große Differenzen zwischen Stadt und Land?

Ja, in der Tat, das sind völlig andere Welten. Mein Eindruck ist, dass man in Berlin und Tokio ein ähnlicheres Leben führt als in Berlin und im havelländischen Ribbeck.

Schriftstellerin und politische Autorin

Julia Barbara „Juli“ Zeh wurde am 30. Juni 1974 in Bonn geboren. Sie arbeitet als Schriftstellerin und promovierte in Jura.

Neben Ihren Romanen schrieb sie Essays und hatte eine politische Kolumne im „Spiegel“.

Seit 2007 lebt sie in einem Dorf im Westhavelland, sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

In die SPD trat sie 2017 ein.

Zu ihren Romanen zählen „Adler und Engel“ (2003), „Spieltrieb“ (2004), „Schilf“ (2007), „Nullzeit“ (2012) und „Unterleuten“ (2016).

„Leere Herzen“ erschien im November (348 Seiten, Luchterhand, 20 Euro).

Die havelländische Künstlerin Nina Omilian singt den offiziellen Song zum neuen Roman „Leere Herzen“: „Full Hands Empty Hearts“ (MiK Records).

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater spielt „Unterleuten“ ab 19. Januar 2018. Tickets in der MAZ-Ticketeria: 0331/2840284.

Sie schreiben in „Leere Herzen“ von der Bewegung BBB, sie zersetzt die Mühen des Denkens, Lösungen liegen für sie in der Isolation. Ähnlichkeiten zur AfD sind nicht zu übersehen. Wird die AfD wachsen, oder zerlegt sie sich mittelfristig im Stile der Piraten, Republikaner oder DVU?

Eigentlich sollte „Leere Herzen“ ja keine Prognose sein, sondern eine Dystopie, ein Gedankenspiel, das uns zeigt, wohin wir geraten können, wenn wir mit unserer Demokratieverachtung und unseren übersteigerten Ängsten vor politischem oder gesellschaftlichem Kontrollverlust einfach weitermachen. Nun haben sich aber in rasanter Geschwindigkeit viele der Annahmen meines Romans auch in der Realität erfüllt. Wenn es so weitergeht, dann wird die AfD weiter wachsen, weil die Menschen nicht aufhören, jedes politische Problem als ein Scheitern der Politiker zu betrachten, welches durch AfD-Wählen abgestraft werden muss.

Sind wir an unserem Wohlstand erkrankt, wird diese Entwicklung immer offenkundiger? Oder ist das nur eine Phase, aus der wir Ihrer Meinung nach erwachen und am Ende engagierter und sensibler aufs Leben schauen?

Ich hoffe sehr, dass es eine Phase ist. Den Satz „Den Leuten geht es einfach zu gut“ kann ich nicht leiden. Es ist eine schreckliche Aussage. Wenn sie wahr wäre, wenn also Wohlstand, Sicherheit und Frieden automatisch immer nur in die Dekadenz und damit in die nächste Katastrophe führen würde, dann würde es ja überhaupt keinen Sinn ergeben, sich für eine Verbesserung der Verhältnisse anzustrengen. Mit so einem Menschen- oder Weltbild könnte ich nicht leben.

Neben Ihren Romanen schreiben Sie Essays und Sachbücher. Es wirkt, als würde Ihnen die erzählende Literatur nicht genügen, um unsere Zeit zu verstehen und Sie zu sättigen.

Für mich ist der Roman keine genuin politische Form. Er kann selbstverständlich von politischen und gesellschaftlichen Fragen handeln, aber er ist nicht so gut geeignet als Träger von politischen Botschaften. Es gibt immer wieder Momente, da möchte ich in aller Deutlichkeit eine bestimmte Meinung äußern, und dafür eignet sich ein Essay oder ein Interview dann besser.

„Unterleuten“ kam nicht in die vorläufige Auswahl des Deutsches Buchpreises.  Sehr überraschend, weil es sich glänzend verkaufte.

Das kränkt mich jedesmal wieder von Neuem. Meine Romane erscheinen grundsätzlich nicht bei den Buchpreisen.

Ist es eitles Gerede von Schriftstellern, wenn sie sagen, ein großer Erfolg, wie Sie ihn mit „Unterleuten“ feiern konnten, baut großen Druck auf und erschwert die Arbeit am Nachfolgebuch?

Für mich hat es nicht gestimmt, weil „Unterleuten“ ja schon mein sechster Roman war. Da hat man dann schon einiges gelernt über den Literaturbetrieb und auch über die eigenen Gefühle, die man entwickelt, wenn ein Buch erscheint. In meinem Fall war es dann so, dass sich die politische Lage mit dem Brexit, mit der Wahl von Trump und den politischen Folgen der Flüchtlingswellen so zugespitzt hat, dass ich einfach „Leere Herzen“ schreiben musste, obwohl ich eigentlich etwas ganz anderes machen wollte. Da habe ich dann nicht daran gedacht, wie es ist, nach „Unterleuten“ wieder etwas zu veröffentlichen, sondern wollte mit meiner Leidenschaft für das Thema einfach rein in den Roman.

Landet ein zeitgemäßer, moderner Gesellschaftsroman zwangsläufig in der Hölle, wie sie auch von Ihnen in Ihren letzten beiden Büchern gestreift wird?

Nein, Optimismus tut Not. Das ist nicht blauäugig, sondern lebensnotwendig, und er hat ja sogar die Empirie auf seiner Seite: Auch wenn die Menschheit immer wieder Schreckliches anrichtet, hat es doch in den letzten Jahrhunderten einen sagenhaften zivilisatorischen Fortschritt gegeben. Auch wenn viele Menschen das Gefühl haben, dass alles immer schlechter wird – das stimmt definitiv nicht.

Trotzdem herrscht in Ihren Büchern gar nicht so selten Schwermut.

Die Literatur beschäftigt sich eher mit den menschlichen Abgründen. Sie stellt philosophische Fragen, wirft einen kritischen Blick auf die Gesellschaft oder lässt psychologische Verwicklungen lebendig werden. Das heißt aber nicht, dass das Buch oder der Autor pessimistisch sind. In meinen Romanen gibt es zum Beispiel so gut wie immer ein Happy End.

Liegt das auch am Havelland? Haben Sie dort einen freundlichen, schärferen Blick auf Ihre literarischen Stoffe als in der Stadt?

Nein, es macht für mich in Bezug auf das Schreiben wenig Unterschied, wo ich lebe. Allerdings habe ich es geschafft, auf dem Land mehr zur Ruhe zu kommen, was auch dazu führt, dass mir die Arbeit an meinen Büchern leichter von der Hand geht und ich nicht mehr so gehetzt bin.

Hat Ihnen der Erfolg von „Unterleuten“ ein wenig von Ihrer dörflichen Ruhe genommen?

Überhaupt nicht. Es ist ja gerade das Tolle an Brandenburg und seinen Dörfern, dass es völlig egal ist, ob man Schriftsteller ist oder Traktorfahrer oder Schauspieler oder Koch. Man ist ein Nachbar unter vielen. Ob und wie man behandelt wird, hängt von der Frage ab, ob man hilfsbereit und humorvoll ist, nicht so sehr davon, ob man berühmt ist oder nicht. Dafür bin ich meiner neuen Heimat unendlich dankbar. Ich kann einfach so sein wie ich will, ganz egal, was gerade in der Öffentlichkeit passiert.

Das klingt nach einem kleinen Paradies. Zieht es Sie irgendwann wieder in die Stadt, oder ist das Leben im Dorf so erfüllend, dass an einen Umzug nicht zu denken ist?

Einen Umzug in die Stadt kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Aber natürlich weiß man nie, was die Zukunft bringt.

Von Lars Grote

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