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Kultur Kaiser Wilhelms Abgang ins Exil
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01:15 28.06.2018
Dokumentartheater per Eisenbahn: Elisabeth Frank (vorne) spielt den Adjutanten des Kaisers Wilhelm II. Quelle: Julia Kawka
Potsdam

DasAnliegen war unmissverständlich. Dieser Mann wollte Asyl. Die niederländische Königin Wilhelmina zögerte zwar erst, aber dann ließ sie ihn rein – obwohl er von den Alliierten als Kriegsverbrecher gesucht wurde. November 1918: Am Ende des Ersten Weltkrieges und der Ausrufung der Republik war der deutsche Kaiser Wilhelm II. auf der Flucht. Als politisch Verfolgter stand er an der deutsch-niederländischen Grenze – am Grenzbahnhof Eijsden. Den Rest seines Lebens, bis 1941, sollte er im niederländischen Exil verbringen. Das Gastland hat ihn nie ausgeliefert.

Von Frankfurt (Oder) bis Utrecht

Die niedersächsische Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ bringt die hundert Jahre alte Fluchtgeschichte des letzten deutschen Kaisers derzeit auf die Bühne. In einem sehr eigenwilligen Format. Ihre Bühne ist nämlich ein Zug. Und der fährt derzeit quer durch Deutschland – von Frankfurt (Oder) bis ins niederländische Utrecht. Am Mittwoch macht er mit dem Stück „Wilhelm*ina“ für vier Tage in Potsdam Station. Am Depot der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg – nicht weit vom ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk. Dort stand bis 1918 der Privatzug des Kaisers – immer unter Dampf, immer startbereit für eine Spontanreise des Regenten.

Theater in fünf Zugwagons

Von hier begann auch seine letzte Reise ins Exil. Bei der Aufführung von „Das letzte Kleinod“ sind die Besucher noch einmal dabei. Die freie Theaterbühne hat ihren Zug innen so gestaltet, wie das Gefährt des Kaisers damals aussah. Die ersten Szenen werden vor dem Zug gespielt, dann geht es in einen der fünf Waggons – etwa in die Schreibstube, den Salon oder die Uniformgarderobe.

Das Privatleben eines gescheiterten Staatsoberhauptes

Dort wird allerdings nicht nur die Reise ins Exil, sondern insgesamt das Leben der Kaiserfamilie in den Niederlanden inszeniert: das Privatleben eines gescheiterten Staatsoberhauptes, gezeichnet vom Frust über den Verlust der Macht. Thematisiert werden auch die Launen und Macken eines Despoten und Egozentrikers, der seinen majestätischen Prunk in 59 Güterwaggons über die Grenze schaffen ließ.

Theaterensemble „Das letzte Kleinod“

Das letzte Kleinod nennt sich das Theaterensemble, weil es sich 1991 in dem idylllischen 800-Seelenort Schiffdorf in der Nähe von Cuxhaven niedergelassen hat. Seit 1999 besitzt das Theater einen eigenen Zug, mit es durch ganz Deutschland reist.

Wilhelm*ina“ heißt das Dokumentarstück über das Exil des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II, mit dem das Ensemble derzeit auf Tour ist.

In Potsdam gastiert das Theater vom 27. bis zum 30. Juni, jeweils um 18 Uhr am Depot der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in der Friedrich-Engels-Str. 78/79, Gleis 231. Eintritt 25 Euro. Karten unter 04749-1030060

Die niedersächsische Theatergruppe macht klassisches Dokumentartheater. Auf der Bühne stehen Kaiser Wilhelm II., gespielt von Richard Gonlag, seine 1922 geheiratete zweite Frau Hermine (Gonny Gaakeer), Ilsemann, der Adjutant des Kaisers (Elisabeth Frank), Elisabeth, die Tochter des niederländischen Grafen von Bentinck (Annika Schima), der den Kaiser die ersten Monate im Exil aufgenommen hatte, und die niederländische Königin Wilhelmina (Sandra Macrander). Die Dialoge des von Regisseur und Theatergründer Jens-Erwin Siemssen geschriebenen Stückes basieren allerdings durchweg auf Aussagen von Zeitzeugen.

Zeitzeugen liefern die Dialoge

Dafür haben die Theatermacher in Archiven recherchiert und Nachkommen der Beteiligten interviewt. In Potsdam wurden die Archive der Schlösserstiftung angezapft, in den Niederlanden konnte etwa die Enkelin des besagten Grafen von Bentinck aufgetrieben werden. „Wir haben sogar das Patenkind von Hermine gefunden“, freut sich Juliane Lenssen, die künstlerische Leiterin des Theaters. Was diese zu berichten wusste, war weniger erfreulich. Ihre Tante sei ein „echt überzeugter Nazi“ gewesen, habe sie erzählt.

Im Theaterstück kommen verschiedene Positionen und Einschätzungen zu Wort. „Jeder Zeitzeuge schildert seine Sicht der Dinge“, so Lenssen. So wird etwa Wilhelm II., der im Exil vor seinem auf wenige Personen reduzierten Hofstaat lange Monologe hielt, von einem Zeitzeugen als sprunghaft und inkonsequent beschrieben und mit Donald Trump verglichen.

Aktuelle Bezüge

Herausgekommen ist ein vielschichtiges Theaterstück, das den historischen Stoff mit aktuellen Bezügen versieht. Schon der Gender-Stern im Titel „Wilhelm*ina“ verweist darauf. Er solle aber auch die unterschiedlichen Sichtweisen des deutschen Kaisers und der niederländischen Königin betonen, sagt Theatermacherin Lenssen.

Und warum hat sich „Das letzte Kleinod“ gerade dieses Thema ausgesucht? Flucht und Vertreibung sind immer wiederkehrende Themen des Ensembles. „Die Geschichte der Menschheit ist immer auch eine Geschichte der Migration“, sagt Lenssen.

Von Mathias Richter

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