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Kultur Karl-Eduard von Schnitzler im Sechserpack
Nachrichten Kultur Karl-Eduard von Schnitzler im Sechserpack
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02:15 05.02.2017
Montierte und kommentierte 29 Jahre lang Ausschnitte des Westfernsehens im DDR-Fernsehen: Karl-Eduard von Schnitzler.
Montierte und kommentierte 29 Jahre lang Ausschnitte des Westfernsehens im DDR-Fernsehen: Karl-Eduard von Schnitzler.   Quelle: ddp images
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Berlin

 Die Bilder sind meist grau, grieselig, verwaschen und unscharf, bisweilen voll von Störungen. Als ob ein VHS-Recorder seine Macken ausgelebt hätte. Erst in den 1980er Jahren, als es endlich farbig zugeht, ist der Anblick zeitgemäßer. Dabei passen bunter Bildschirm und „Der schwarze Kanal“ irgendwie nicht so recht zusammen. Denn der montägliche Leitartikel des DDR-Fernsehens wollte eines bestimmt nicht sein: ausgewogen. Er war vielmehr eine Polit-Schulung von derbem Schrot und Korn. Eine ideologische Kanonade auf den verfaulenden, siechen Kapitalimus, abgefeuert aus den propagandistischen Batterien des historisch überlegenen Sozialismus. Ihr Kommandeur war über viele Jahre hinweg Karl-Eduard von Schnitzler (1918–2001), der Chef-Kommentator im Adlershofer Fernseh-Studio.

Am 21. März 1960 startete er jene grobe Holzhammer-Sendung, die ihn zum unbeliebtesten Gesicht auf dem DDR-Bildschirm machen sollte: „Der schwarze Kanal“. Der zeigte Ausschnitte aus Sendungen des West-Fernsehens, die Karl-Eduard von Schnitzler höhnisch und süffisant, sarkastisch, arrogant, ätzend, atemlos und siegesgewiss, montierte und kommentierte. Als Beweis für die Überlegenheit der sozialistischen Welt. Das Bild vom Westen war so schwarz-weiß wie die Bildschirme. Ein kalter Krieger im Kalten Krieg. Nun vereint eine DVD-Box 33 Sendungen von 1960 bis 1989. Wonach die ausgewählt wurden, bleibt allerdings ein Rätsel, das auch der beigegebene Text nicht löst. Der hebt allerdings auf Sudel-Ede ab. Ein West-Spitzname, den in der DDR niemand benutzte.

Überraschend sind die Sendelängen. Da hatte es die DDR-Programmillustrierte „FF dabei“ nicht eben einfach. Meist läuft „Der schwarze Kanal“ 21 Minuten, oft 25, 18, 15 Minuten, einmal dauert er sogar volle 40 (Gedanken für 1962), einmal nur vier. So kurz fiel die Verabschiedung nach 1518 „Kanal“-Ausgaben am 30. Oktober 1989 aus – mit „nicht, dass ich etwas zu bereuen hätte!“ und jovialem „Auf Wiederschau’n.“ Dabei hatte Schnitzler nassforsch erst eine Woche zuvor allen erstmals erwähnten DDR-Kritikern klipp und klar gesagt: „Ich habe mich nicht zu rechtfertigen, außer vor meiner Partei.“

Die Sendungen von 1989 gehören sicher zu den interessantesten der Box. Da klammert sich einer an seine Weltsicht („Wir schreiten unbeirrbar vorwärts“, „Unsere Blütenträume reifen“), feiert die Prügeleien gegen Demonstranten um den 7. Oktober herum, verteufelt jene West-Journalisten, die darüber berichten, und malt das Bild einer DDR, die es nie gab. Da haben es frühere Jahrzehnte dem Ideologen, der gern aus einer politisch überlegenen Sicht aburteilte, sehr viel leichter gemacht. Was daran lag, dass das West-TV so kritisch über Entwicklungen in der BRD berichtete, wie es das DDR-Fernsehen niemals tat. Da geht es um alte Nazis in neuen Ämtern und den Revanchismus (womit Schnitzler Recht hatte), um Korruption und Geschäft, West-Berlin als besondere Einheit, um Alleinvertretung und zwei souveräne deutsche Staaten, die nichts verbindet.

Aufschlussreich der stete Wandel von Schnitzlers Vaterlands- und Nationen-Begriff nach den ideologischen Wellen wechselnder SED-Politik. Wenn Schnitzler die Helsinki-Akte (KSZE) in Stellung bringt, vergisst er immer Menschenrechte und Freizügigkeit (Korb 7), von denen die DDR nichts wissen wollte. Bisweilen gibt es Themen, die am Rande zu liegen scheinen: Udo Jürgens’ Politsong „Lieb’ Vaterland“, Heino („umsatzstarker Wandervogel mit Lederstiefel-Stimme“) oder den alpinen Olympia-Skandal um Karl Schramm. Soll man sich das alles ansehen? Mit einem silbergrau werdenden, irgendwann bärtigen Schnitzler? Natürlich. Es ist schließlich ein historisches Dokument – und eine allemal spannende Erinnerung an einst aufgewühlte Zeiten.

InfoDer schwarze Kanal – von und mit Karl-Eduard von Schnitzler“, 33 Ausgaben von 1960 bis 1989, 6 Discs, ca. 12 Stunden, sw und farbig

Von Norbert Wehrstedt

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