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Kultur Kindheit in der DDR
Nachrichten Kultur Kindheit in der DDR
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07:24 11.07.2013
Die Vergangenheit lässt sie noch nicht los: Marion Brasch (52) verarbeitete Kindheit und Jugend in einer autobiographischen Erzählungen. Quelle: MAZ
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POTSDAM

Es ist nachgewiesen, dass das soziale Netzwerk Facebook neidisch macht. Neidisch auf glückliche Hochzeitspaare, teure Urlaubsreisen, schöne Kinder. Es sind meist Fotos von all diesen tollen, perfekten Dingen, die im Internet landen – und schnell anöden.
Eine Art Gegenpol dazu bietet der auf Papier gedruckte Familienroman, ein Literaturgenre, das Jahr für Jahr den Deutschen Buchpreis abräumt und unglückliche Verwandtschaftsverhältnisse feiert: Uwe Tellkamp mit seinem „Turm“ (2008), Eugen Ruge mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2011) und im vergangenen Jahr Ursula Krechel mit „Landgericht“ (2012). Solche Bücher schreibt wohl keiner, der vollkommen glücklich ist. Im Leiden, Fragen und Zerrissensein liegt die wahre Inspiration. Schon der Familienroman schlechthin, Leo Tolstois „Anna Karenina“ aus dem zu Ende gehenden 19. Jahrhundert, dreht sich um unglückliche Verwandte. Gleich zu Beginn hält Tolstoi fest: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“

André Kubiczek (44) Quelle: MAZ

Wenig glücklich kommen auch die Familien von Marion Brasch und André Kubiczek daher. Beide Autoren haben zu Beginn des vergangenen Jahres jeweils einen Roman über ihre schwierige Kindheit und Jugend in der DDR veröffentlicht. Donnerstagabend sollen die beiden Schriftsteller unter dem Motto „Fabelhafte Familien? Kindheiten in der DDR“ ins Gespräch kommen, sie sind im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zu Gast. Geladen haben drei Potsdamer Institutionen: das Zentrum für Zeithistorische Forschung, die Stiftung „Großes Waisenhaus“ und der Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur der Universität. Das Gespräch reiht sich ein in die zahlreichen Veranstaltungen des vom Kulturland Brandenburg initiierten Themenjahres „Kindheit in Brandenburg. Spiel und Ernst – Ernst und Spiel“.

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Die in Berlin geborene Marion Brasch (52) verarbeitet in „Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie“ den Konflikt zwischen dem systemtreuen Vater Horst und dem dissidentischen Bruder Thomas. Der 44-jährige André Kubiczek schildert in „Der Ge nosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“ seine Jugend in Potsdam, die durch den frühen Tod des Bruders und der Mutter geprägt ist. Was haben sich Marion Brasch, die als Moderatorin bei Radio Eins arbeitet, und André Kubiczek, der durch und durch Schriftsteller ist, zu sagen? Haben sich die beiden überhaupt etwas zu sagen?

Antworten entlocken und durch den Abend führen wird der Potsdamer Literaturprofessor Helmut Peitsch. Er wurde 1948 geboren und erforscht aktuell die Vergangenheitsbewältigung im Ost-West-Vergleich. Zu den autobiografischen und in einem Roman verpackten Familiengeschichten kommt in dem Schriftstellergespräch eine weitere Besonderheit hinzu: der Migrationshintergrund der Autoren. Marion Brasch entstammt einer Familie deutsch-österreichischer Kommunisten mit jüdischen Wurzeln. André Kubiczeks Mutter war eine Laotin, sein Vater ein Deutscher.

Am 12. September soll die Gesprächsrunde „Fabelhafte Familien? Kindheiten in der DDR“ im Zentrum für Zeithistorische Forschung fortgesetzt werden. Geladen sind Irina Liebermann und Maxim Leo.
 

„Fabelhafte Familien? Kindheiten in der DDR“, Donnerstag, 11. Juli 2013 um 18 Uhr in der Gewölbehalle im historischen Kutschstall, Am Neuen Markt 9 in Potsdam.