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19:24 12.07.2017
Wieder mal richtig abtanzen und den Alltag vergessen: Eine Szene aus dem Film „Der Nachtmahr“  aus dem Jahre 2015 unter der Regie von Achim Bornhak. Er spielt viel in  Berliner  Underground-Discos.
Wieder mal richtig abtanzen und den Alltag vergessen: Eine Szene aus dem Film „Der Nachtmahr“ aus dem Jahre 2015 unter der Regie von Achim Bornhak. Er spielt viel in Berliner Underground-Discos. Quelle: Koch Media
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Potsdam

Ach, da sind sie ja! Diese fünf Herren aus dem Publikum, die in Fritz Langs „Metropolis“ (1927) Brigitte Helm, die hier als die Maria tanzt, stehend anstarren. Alle im Frack und mit Fliege. Mithin: Es sind bloß männliche Puppen gleich im Eingangsbereich der neuen Sonderausstellung „Alles dreht sich … und bewegt sich. Der Tanz und das Kino“, die am Freitagabend im Potsdamer Filmmuseum eröffnet wird. Aber die Masken, die sie tragen, zeigen die Gesichter der Männer aus diesem Film. Sie können den Blick nicht lassen von der erotischen Tänzerin, die die Hüften schwingt vor ihnen. Auf dem Kopf ein Haarreif samt Feder, die Brustwarzen nur von kleinen Gebilden aus Glitzersteinen bedeckt. Auch viel nackte Haut unterm leichten Rock aus lauter dicken, glänzenden Fäden.

Der Tanz als Kunst mit dem Körper. Als Ausdruck von Lebensfreude, Traurigkeit, Stolz und Verführung. Schon seit jeher äußern Menschen so ihre Gefühle. Auch der Film weiß davon seit seinen Anfängen. Und so wird der Besucher der multimedialen Ausstellung – kuratiert von Ursula von Keitz, Direktorin des Hauses, sowie der Filmhistorikerin Johanne Hoppe – entführt in den Ballsaal, auf die Bühne und in die Disco wie in „Dirty Dancing“ (1987) oder „Saturday Night Fever“ (1977) mit John Travolta. Erzählt wird vom Filmtanz und der Leidenschaft der Tänzer.

Viele Filme zur Ausstellung

Zur Ausstellung, die am 14. Juli um 19 Uhr eröffnet wird, gibt es ein umfangreiches Programm mit allerhand Filmen. So wird am Eröffnungsabend um 21 Uhr „Strictly Ballroom – die gegen alle Regeln tanzen“ aus dem Jahre 1991 gezeigt. Am 22. Juli, 19 Uhr, läuft „Saturday Night Fever“ und um 21.15 Uhr „Berlin Calling“ (2008). Am 5. August, 19 Uhr; kann man „Abgründe“ sehen, am 26. August, 17 Uhr, „East Side Story“ (1997) und „Nicht schummeln, Liebling“ um 19 Uhr. Vor dem Film kommt Knut Elstermann ins Gespräch mit Chris Doerk.

info „Alles dreht sich ... und bewegt sich. Der Tanz und das Kino“, bis 22. April 2018, Filmmuseum Potsdam, Breite Straße 1a, geöffnet Die bis So 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung gibt es das Begleitbuch „Alles dreht sich ... und bewegt sich. Der Tanz und das Kino“ , herausgegeben von Ursula von Keitz und Philipp Stiasny aus dem Schüren-Verlag, 24,90 Euro.

„Besonders schwierig war es, an die Kostüme zu kommen“, sagt die 31-jährige Johanne Hoppe. Doch nun kann man außer den roten Ballettschuhen von Lilian Harvey, die sie in „Ein blonder Traum“ (1932) anhatte, auch vier Originalroben bewundern. Darunter den Anzug von Ralph Fiennes in „Onegin“. Die Jacke ziert ein samtener Kragenbesatz, ein gerüschtes Hemd lugt hervor. Daneben das wunderbare seidene Ballkleid mit Petticoat und Krinoline von Lena Heady, die die Olga verkörperte. Da ist Ann Millers Kleid in Pink mit all den Kunststoffperlen und Pailletten, in dem sie die Ginger in „Hit the Deck“ (1955) gab. Und aus „Der Nachtmahr“ (2015) wird das schlichte Outfit präsentiert, das Carolyn Genzkow trug: weißes Shirt, silberne Leggins, neonfarbene Turnschuhe. Der Film spielt in Berliner Underground-Clubs. Die Hauptdarstellerin ist noch Schülerin und geht regelmäßig feiern. Eines Tages begegnet ihr ein Wesen, bei dem nicht ganz klar ist, ob es das wirklich gibt oder ob es einem Drogenexzess entsprungen ist.

Die beiden Tutus in der Schau – weiß bzw. schwarz glitzernd – sind Nachbildungen jener aus „The Black Swan“ (2010). „John Travoltas Anzug sollte auch gezeigt werden“, so Hoppe, „es hat aber nicht geklappt.“ Dafür ist er auf einem Foto in Tanzposen zu bewundern.

Der Tanz im Film – man wandelt durch fünf thematische Räume. Es geht um den Tanz als gesellschaftliches Ereignis, darum, wie die Filmkamera ihn entdeckt, um Tanz und Macht, Traum und Wirklichkeit wie in Musicals und um den Tanz als harte Arbeit, mit all dem, was hinter den Kulissen stattfindet.

Ko-Kuratorin Johanne Hoppe vor dem Originalkleid Ann Millers, die in „Hit the Deck“ die Ginger darstellt. Quelle: Angelika Stürmer

Der Ausdruckstanz findet sich in Stummfilmen der 1910er- und 1920er-Jahre. So in der Ufa-Produktion „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1926), wo Leni Riefenstahl mittanzte. Man kann Knöpfe auf Monitoren drücken und taucht ein ins Revuekino: Da tanzt Anita Berber in „Unheimliche Geschichten“ (1919), Valeska Gert huppt in „So ist das Leben“ (1930) als Kellnerin wild auf dem Tisch herum. Und Josephine Baker erregte dereinst mit ihrem Bananentanz die Gemüter.

Der Clou: Bei der großen Abbildung von Adoree Villany – mit nacktem, flachem Busen und einem Tuch überm Unterleib, das die Scham gerade so verdeckt, kann man quasi durch ihren Bauchnabel schauen. Er ist das Guckloch, das zensierte Filmausschnitte offenbart. Aus „Eine tolle Ratte“ (1918) oder „Schleiertanz“ (1907). In den herausgeschnittenen Szenen sind die Tänzerinnen oben ohne, im Bordell.

Drei Stellwände bilden eine Bühnengasse mit Blick auf eine Leinwand. Darauf eine Szene aus „Der Abgrund“ mit Asta Nielsen und ihrem aufreizenden Apachentanz. Natürlich darf auch der Defa-Kult-Film „Heißer Sommer“ (1968) mit Chris Doerk und Frank Schöbel nicht fehlen, in dem eine Gruppe von Mädchen an die Ostsee trampt und den „Männern, die noch keine sind“ aus Karl-Marx-Stadt, die auch per Anhalter dorthin wollen, die Mitfahrgelegenheiten wegschnappen. Sie sinnen auf Rache und fordern auf zum Tanzwettbewerb. Ein Set aus dem Film ist aufgebaut, man darf sich da fotografieren lassen. Im Hintergrund die Zeltplatzatmosphäre an der See, vorn Dünengras. Einer der Jungs in Badehose mit DDR-Charme, dem typischen braun-orange-rot-weißen Design, das man auch auf Tapeten kannte. Man bleibt immer wieder auch vor Filmplakaten stehen, so zu „Fanny Elßler“ (1937), gespielt von Lilian Harvey. Die Elßler war eine berühmte Tänzerin am Wiener Hof. Sie hatte eine Affäre mit dem Herzog von Reichstadt, Napoleons Sohn. Und da hängt ebenso das Plakat zu „Die roten Schuhe“ (1948), dem ersten Film, der mit Ballett als Thema ein Riesenerfolg wurde, Oscars gewann. Es geht um eine Tänzerin, eigentlich Amateurin, die von einem Impresario entdeckt wird, der sie zerstört. Antreibt, immer besser zu werden. Schließlich geht sie daran zugrunde. Halbtot in ihren roten Ballettschuhen bittet sie, man möge ihr diese ausziehen. Erst dann kann sie friedlich sterben.

Mit Spiegeln wird die Garderobe von Tänzerinnen simuliert. Puder, Schminke, Bürsten stehen bereit, um sich für den Auftritt fertig zu machen. Wer selber mal eine der Positionen des klassischen Balletttanzes probieren will – bitte sehr, es gibt auch eine Ballettstange.

Gar nicht so einfach? Davon erzählen Dokumentarfilme wie jene über Gret Palucca oder Pina Bausch. Tanz – da fließt auch viel Schweiß.

Von Angelika Stürmer