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Kultur Konzert mit Flüsterstimme im Ohr
Nachrichten Kultur Konzert mit Flüsterstimme im Ohr
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11:15 02.07.2013
Quelle: Nikolaisaal
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Potsdam

Der Beifall für die Musiker verebbt. „Wir schalten jetzt um in ein reales Format. Sie können die Ohrphone abnehmen“, sagt eine sympathische Stimme. Sie gehört Professor Christian Thorau, der wie ein Simultan-Dolmetscher in einer Kabine sitzt. Der gestandene Musik-Pädagoge der Potsdamer Universität hat eben noch auf die mixolydische Tonart, den Taktwechsel und die Stimmführung hingewiesen, während ein Bläsertrio auf der Bühne eine komplexe Komposition von Jacques Ibert aufführte.

Im neuen Kammermusiksaal der Uni wird nach einer Testphase Bilanz gezogen. Gemeinsam mit dem Nikolaisaal und der Kammerakademie Potsdam, deren Geschäftsführerinnen Andrea Palent und Frauke Roth nach Golm gekommen sind, stellt der Fachbereich Musik die Einsatzmöglichkeiten des Ohrphons vor.

Bei Museumsbesuchen gehören Audio-Guides heute zum Standardangebot. Wer zu faul ist, Texte neben den Exponaten zu lesen, stülpt sich Kopfhörer über beide Ohren, tippt vorgegebene Nummern ein und lässt sich durch die Ausstellung führen. Anders als im Museum wird im Konzert der gleiche – nämlich der Hörsinn – angesprochen. Und anders als im Museum handelt es sich bei jedem Konzert um ein Live-Ereignis.

„Man sieht nur, was man weiß“, meinte schon Fontane. „Man hört nur, was man weiß“, hätte Frauke Roth sagen können. Sie formulierte es aber anders: „Die Menschen sollen hörend verstehen und verstehend hören.“ Was bisher dem Konzertbesucher im Programmheft vermittelt wurde, könnte – dank Ohrphon – künftig ein Konzert-Reporter ins andere Ohr flüstern. Denn zum Glück hat der Mensch ja zwei Ohren.

Ob diese doppelte Beschallung das Erlebnis einer Live-Darbietung qualitativ mindert, muss jeder Musikfreund mit sich selbst ausmachen. „Die Stimme im Ohr-phon hat mich stark fixiert. So nebenbei noch in die Musik reinzuhören, fiel mir schwer“, bezweifelte ein Student die Errungenschaft.

Zum Schluss unterlegte Musik-Reporter Christian Thorau experimentierfreudig ein Trio von Mozart einmal nicht mit musikwissenschaftlichen Erklärungen, sondern verbalisierte die einzelnen melodischen Gesten der Instrumente. Das klang dann wie ein Gespräch: „Ich hab’ eine Idee“ (Klarinette 1) – „Schöne Idee“ (Klarinette 2) – „Okay, wir sind dabei“ (Klarinette 2, Fagott) – „Es gibt ein Problem “ (Fagott) usw. Das Ohr-phon ermöglicht künftig vielleicht Hörspiele ganz neuer Art.

Zunächst wird es im Nikolaisaal bei öffentlichen Orchesterproben zum Einsatz kommen. „Es kann auch die Anweisungen des Dirigenten übertragen. Besuchergruppen mit Ohrphon werden weniger stören“, freut sich Andrea Palent.

Von Karim Saab