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17:57 08.04.2018

Zusammen mit einem Adjutanten stützt der Hilfschirurgus den Verwundeten, schafft ihn hinter die Linien Richtung Lazarett.

Loßner wusste, dass der Major getroffen wird. Der Offizier in der leuchtend blauen Uniform mit den gelben Kragenspiegeln hat seine Verwundung vor der Schlacht angekündigt. „Mein historisches Vorbild ist damals auch verwundet worden. Legt mir dann einen schönen Beinverband an“, fordert er von der Lazarett-Truppe.

Die Schlacht von Großgörschen ist 200 Jahre alt, sie war das erste große Gefecht des Krieges der Preußen gegen die napoleonische Besatzung. 145000 Franzosen standen 88000 Preußen und Russen gegenüber. Napoleon siegte mit einiger Mühe, die Preußen gewannen neues Selbstbewusstsein. Rund 35000 Soldaten starben oder wurden verwundet.

Am vergangenen Wochenende wurde die Schlacht nachgespielt, Reenactment nennt sich das. Der Schwarzpulverrauch zieht in dicken Schwaden über den Acker. Fast 2000 Darsteller ballern, was ihre Vorderlader hergeben. Ziehen die Papierhülsen mit dem Schwarzpulver aus der Tasche und beißen sie auf. Streuen etwas Pulver auf die Zündpfanne, schütten den Rest in den Lauf, spannen den Hahn. Warten auf den Befehl. Feuern. Dazwischen die Kanonenschläge der Artillerie. Silvester ist nichts dagegen. Fabian Loßner wartet hinter den Linien auf Opfer, die hölzerne Krankentrage griffbereit. Doch lange fällt keiner um. Schließlich schießen alle ohne Kugeln, und wer will schon gleich am Anfang aufgeben?

In langen Linien stehen sich die Truppen gegenüber, keine Deckung, keine Schützengräben, so ging es damals zu. Grauer Rauch verdeckt bunte Uniformen, blaue Preußen, schwarzes Freikorps, grüne Briten und Russen, weiße Sachsen, blau-weiße Franzosen. Rund 10000 Zuschauer stehen am Schlachtfeldrand und knipsen wie wild. Die Schlacht dauert 90 Minuten, am Ende gewinnen die Franzosen.

Fabian Loßner hat seine letzten Verwundeten an die Seitenlinie geschleppt und lässt sich auf die grobe Holzbank fallen. Der 21-Jährige studiert Grundschulpädagogik in Rostock. Vor seinem Studium wohnte er in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald), ist Mitglied im Verein Kurmärkische Landwehr 1813 mit Sitz in Großbeeren (Teltow-Fläming). „Ich will Geschichte lebendig machen“, sagt er. „Ich will Geschichte erleben.“ Die Schlacht ist nur ein kleiner Teil davon. Fünf Tage lang kampieren die Napoleonik-Verrückten im Biwak: Leinenzelte in einem Bauerngarten, ein Bett aus Stroh, Teewasser vom offenen Feuer. Als Zugeständnis an die Moderne gibt es Schlafsäcke und Dixi-Klos. . „Manche Armeen hat man schon gerochen, bevor man sie gesehen hat. Wir nähern uns dem an.“ Auch Loßner trägt ein Gewehr. Das Schießen aber interessiert ihn nicht so sehr wie die Medizin der Zeit. Auf dem Holztisch des Lazaretts sind die Werkzeuge der Feldchirurgen in einer Ledertasche versammelt: Knochensäge, Brenneisen zum Ausbrennen der Wunden, eine Sonde, um die Kugeln im Fleisch zu finden. „Die Ärzte damals konnten viel“, erzählt der Student. Den Verwundeten half es trotzdem nur selten: 85 Prozent verreckten nach der Schlacht an entzündeten Wunden oder an Epidemien. Die hygienischen Verhältnisse waren erbärmlich. Die Soldaten-Darsteller erzählen das jedem, der fragt. Sie wissen, dass sie nicht das Leid zeigen können, dass etwas fehlt, wenn sie Krieg spielen. Sie glauben aber, dass sie Interesse für die Epoche schaffen bei den Zuschauern, die 90 Minuten Geballer sehen wollen.

Die einfachen Soldaten-Darsteller wie Loßner wissen vorher nicht, wie die Schlacht verlaufen wird. So rennen Offiziere mit Schiefertafeln in Tablet-Computergröße übers Feld, die Unteroffiziere befehlen „links um“, „changieren“, „en avant“. Wessen Hobby aber ist es, in seiner Freizeit tagelang Befehlen zu gehorchen? „Man muss sich unterordnen können“, sagt Katharina Harwardt. „Das fällt manchem schwer, der aus seinem Beruf anderes gewohnt ist.“ Harwardt arbeitet in Schwerin bei einer Versicherung, sie ist 26 und seit zwölf Jahren bei der IG Lützower Freikorps von 1813 in Gadebusch (Mecklenburg). Ihre Eltern sind von historischen Waffen fasziniert. Sie haben den Verein gegründet, die Tochter ist in die Szene mit reingerutscht. Ein typischer Weg – gerne fahren ganze Familien gemeinsam ins Biwak.

Harwardt ist blond, zierlich und trägt eine Mütze mit Totenkopf-Emblem auf ihren kurzen Haaren. Ein Totenkopf, wie ihn die Lützower trugen. Und 130 Jahre später, leicht verändert, auch die SS. „Wir werden oft missverstanden“, sagt Harwardt. „Wir sind keine Rechten.“ Auch Fabian Loßner, der in Königs Wusterhausen bei der Jungen Union aktiv war, kann von Missverständnissen berichten, wenn er seine Landwehr-Mütze mit dem Eisernen Kreuz trägt. „Scheiß Nazi“, rufen dann manche. Loßner sieht sich als Freiheitskrieger: „Die Landwehr war ein friwilliger Haufen gegen die französische Unterdrückung“, erklärt er.

Die allermeisten Napoleoniker sind politisch harmlos, völlig konzentriert auf die Details der fernen Epoche. Stolz sind die meisten auf die untergegangenen Königreiche und Fürstentümer, auf die Rolle, die ihr Landstrich vor 200Jahren in der Weltpolitik gespielt hat. Am Rande aber gedeihen Heldenverehrung und militaristische Tümelei, wird neben den Eisernen Kreuzen viel Fraktur geschrieben. In der Szene wird heftig diskutiert, ob man auch den Zweiten Weltkrieg nachstellen dürfe. Im Ausland ist das gang und gäbe, dort gibt es Darsteller in SS-Uniformen. Der deutschen Szene graust es mehrheitlich davor.

Kein Handy, kein Computer, kein Strom, kein Fön – was andere junge Leute zur prompten Rebellion treiben würde, ist für Katharina Harwardt der Kern ihres Hobbys. Erschöpft sitzt sie nach der Schlacht vor ihrem Zelt. „Es ist so schön, mal abends am Feuer zu sitzen und die Welt auszublenden. Das einfache Leben damals finde ich einfach toll.“ Der Krieg als Wellness.

Weitere Schlachtdarstellungen des Jubiläumsjahres: 23.-25. August Großbeeren, 21./22. September Göhrde (Wendland) 20.Oktober Völkerschlacht Leipzig. (Von Jan Sternberg)

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