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Kultur „Krieg ist scheiße, hat aber einen guten Sound“
Nachrichten Kultur „Krieg ist scheiße, hat aber einen guten Sound“
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15:59 04.02.2017
(Marianna Linden (Medea) und Florian Schmidtke (Jason)
(Marianna Linden (Medea) und Florian Schmidtke (Jason) Quelle: HL BOEHME
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Potsdam

Jason ist ein Tänzer, selbst durch den Krieg wippt er mit einer Eleganz des gut geölten, akkurat frisierten Kämpfers – schwerelos bohrt er den Degen in die Hühnerbrust des Gegners, als spiele er Mikado. Wenn er spricht, dann mit dem aggressiven Bass, wie man ihn sonst aus einer Punkband kennt.

Florian Schmidtke hat diesen Jason gut im Griff, solange er ihm Sex-Appeal mit auf den Weg gibt. Sätze wie „Krieg ist scheiße, hat aber einen guten Sound“ klingen markig, hier liegt die Stärke von Schmidtke, doch dieser laxe Ton ist eher die Ausnahme im „Goldenen Vlies“ von Franz Grillparzer, einem Stück, das Freitag am Potsdamer Hans-Otto-Theater Premiere feierte und 1821 uraufgeführt wurde. Es ist ein strenges Werk, verortet in der Antike, verfasst in gebundener Sprache.

Statische Passagen, die von Marianna Lindemann entknotet werden

In Potsdam rutscht das „Vlies“ mitunter in ein steifes Deklamieren. Diese eher ratlosen, zuweilen statischen Passagen werden entknotet von Marianna Linden und ihrer agilen, authentischen Deutung von Medea. Medea ist das Kraftzentrum des Abends, sie ist die Tochter von Aietes (Bernd Geiling), König der barbarischen Kolcher. Dieser Aietes bringt Phryxus (Peter Pagel) um, einen edlen Griechen, der Zuflucht bei ihm sucht. Phryxus hat das goldene Vlies bei sich, ein göttliches Widderfell – Aietes giert nach der Macht des Felles. Damit ist der Dreiklang dieses Stückes definiert: Verwehrte Gastfreundschaft, Gier nach Reichtum und Sehnen nach Liebe. Denn Medea verguckt sich in den Griechen Jason, der zu den Kolchern gekommen ist, um Phryxus zu rächen und das Vlies heimzuholen.

Wenn Medea ihren Jason bespringt, ein wildes Weib mit hennaroten Haaren, kommt Dynamik in die oft reizarme Inszenierung. Die beiden sind ein schönes Paar, leider tobt der Krieg um sie herum, auf der Potsdamer Bühne eine triste Sache: Tote Bäume und kaltes Licht, als habe der Atomschlag alles Leben weggefegt (Bühne: Tine Becker). Das scheint nicht optimal für dieses Drama, das schon sprachlich seinem Publikum viel abverlangt und seine ausdrückliche Kargheit nun auch visuell durch permanenten Rauch und chronisch schwarze Einrichtung bis zum Exzess ausreizt.

Regisseur nimmt im Stück notwendige Kürzungen vor

Man hört den Pulsschlag der Musik, sie pocht wie eine Drohung. Die Geste der Gefahr wird überstrapaziert, viel Geschrei, viele Gefechte, und dennoch bleibt die Frage: Hat das etwas mit mir zu tun? Berührt mich das, was da oben passiert, oder ist es nur Historienmalerei?

Regisseur Alexander Nerlich widersteht der Versuchung, das „Vlies“ als reines Flüchtlingsstück zu zeigen. Auch nimmt er notwendige Kürzungen vor. Doch er müsste eine aktuelle Lesart anbieten, eine Übersetzung vorschlagen. Vermitteln, warum der Stoff so dringlich ist. Nach der Pause das Licht auf der Bühne anzudrehen und Weiß als Grundton zu etablieren, ist keine Lösung, weil der Griff zu offensichtlich wirkt: Jason und Medea fahren ins kultivierte, helle Griechenland, Medea wird dort nicht gelitten, sie gilt als Mörderin – umstellt wird diese Szene ratlos von griechischen Fassaden.

Die Inszenierung von Nerlich bleibt defensiv

Jason sagt sich von ihr los, nimmt ihr die beiden Söhne. Medea sucht auch hier, wie damals im Verhältnis zu ihrem Vater, der sich ihretwegen umgebracht hat, einen Weg, der sie mit ihrer eigenen Empfindsamkeit versöhnt. Sie scheitert. Und tötet die Kinder. Ein fatales Ende, das kaum berührt, weil die Längen nach der Pause in Desinteresse umschlagen.

Die Inszenierung von Nerlich bleibt defensiv, das ist kein Vorwurf, denn es muss nicht alle fünf Minuten ein Känguruhoden gegessen werden, wie im „Dschungelcamp“, um Quote und Hormonspiegel hochzujagen. Die Welt muss auch nicht knapp mit 140 Buchstaben gedeutet werden, wie Donald Trump das derzeit über Twitter ausprobiert. Drei Stunden mit antikem Stoff, das ist kolossal und toll in diesen kurzatmigen Tagen, da traut sich das Theater etwas. Doch es muss Zugriff her auf unsere Zeit. Um diesen Satz zu variieren: Das Stück ist gut, hat aber in Potsdam keinen guten Sound.

Von Lars Grote

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