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Kultur So war das Konzert von Bryan Ferry in Berlin
Nachrichten Kultur So war das Konzert von Bryan Ferry in Berlin
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10:17 02.06.2019
Sänger Brian Ferry Quelle: Frank May/dpa
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Berlin

Der Platz vor dem Tempodrom ist gesäumt von architektonischen Sündenfällen. Aneinandergereiht stehen ins Nichts gewuchtete Bürobauten neben 08/15-Hotelblöcken. Nur ein übrig gebliebenes Fragment des Anhalter Bahnhofs aus dem 19. Jahrhundert erinnert an stilvollere Zeiten. Wer einen Sinn für Ästhetik hat, flieht am Samstagabend lieber in den großen Saal des nachgebauten Zirkuszelts. Im Dämmerlicht zelebriert Bryan Ferry im edlen Zwirn vor rotem Samtvorhang und unterstützt von neun hochtalentierten Musikern, was er unter Schönheit versteht – für die Augen und für die Ohren.

Nicht nur die bekannten Songs

Es passt gut, dass Ferrys langjährige Band Roxy Music zu den Pionieren eines Genres zählt, das sich Artrock nennt und somit die Kunst im Namen trägt. Vor seiner Karriere als Musiker hatte der in Nordengland geborene Sohn eines Bergarbeiters Bildende Kunst studiert. Als er in den 1970ern durch den Erfolg von Roxy Music zu Geld kam, begann er, Gemälde zu kaufen und zu sammeln. Auch für die mitunter umstrittenen Plattencover – fast immer Bilder leicht bekleideter Frauen – zeichnete er verantwortlich. Wie es sich für einen britischen Dandy gehört, legte sich Ferry einen Landsitz zu. Stilfragen beschäftigten ihn immer wieder. Der Sänger soll sich bei einer Entführung auf dem Flug von London nach Nairobi über die Farbe der Socken des Entführers mokiert haben.

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Das ist Bryan Ferry

Bryan Ferry gründete 1971 unter anderem mit Brian Eno die legendäre Band Roxy Music, die musikalisch und optisch als besonders innovativ und stilprägend galt. Die Alben aus den 1970ern, etwa „For Your Pleasure“ und „Country Life“, beeinflussten neue Musikrichtungen wie New Wave und New Romantic.

Bryan Ferry machte auch als Solokünstler Karriere. „Slave to Love“ und „Don’t Stop the Dance“ gehören zu seinen größten Hits. Der 73-Jährige gilt als Stil-Ikone und Lebemann. Er war unter anderem mit dem Modell Jerry Hall liiert, die ihn wegen Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger verlassen haben soll, und ließ sich als Werbegesicht unter anderem für das britische Modehaus „Marks & Spencer“ ablichten.

Der mittlerweile 73-Jährige hat die Ruhe weg, und das zeichnet ihn bei dem ausverkauften Auftritt in Berlin auch musikalisch aus. Er drängt sich nicht nach vorn und lässt seinen brillanten Musikern viel Raum für Soli an Gitarre, Geige und Saxophon. Der Sänger mit der brüchigen Stimme und dem unverwechselbaren Vibrato spielt im ersten Teil des rund eineinhalb Stunden langen Konzerts nicht nur die bekannten Songs, sondern auch sperrige Raritäten aus der Frühphase von Roxy Music. Damals war auch Soundtüftler Brian Eno noch an Bord, die Band ebnete mit düsteren Zwischentönen und subtilen Texten späteren New-Wave-Bands den Weg. Zum Beispiel mit „Every Dream Home a Heartache“, einem Song über einen luxusliebenden Lebemann, der in devoter Haltung eine Beziehung mit einer Gummipuppe beginnt. „I blew up your body / But you blew my mind.“

Am Ende folgt die Greatest-Hits-Show

Der erste große Hit des Abends ist „Slave to Love“. Der Prototyp eines Popsongs à la Ferry. Der Text dreht sich ums Begehren und Besitzen. Ein sphärisch anmutendes Gitarrensolo führt sanft in den Song ein. Der Background-Gesang verleiht dem Sound eine Prise Soul, was im gewollten Kontrast zur brüchigen Stimme des Altmeisters steht, die immer ein bisschen nach Film-Bösewicht klingt. Ferry und Band variieren im Laufe des Abends immer wieder den Sound, spielen einen düsteren Song aus der Serie „Babylon Berlin“ und auch Blues und Country klingen an. Beschwingte Nummern wie die Coverversion von Bob Dylans „Just Like Tom Thumb's Blues“ gelingen ihnen besonders gut. Und wenn der Popstar in die Mundharmonika bläst, schleicht sich das Gefühl ein, er käme aus den amerikanischen Südstaaten und nicht aus dem nordenglischen Kohlepott.

Als nach rund einer Stunde zwei große Diskokugeln von der Decke hinabschweben, beginnt endgültig die Greatest-Hits-Show. Manche Songs, etwa „More Than This“, spielt Ferry nur auszugsweise. Die Begeisterung ist dem lässig über die Bühne schreitenden Mann in blauen Anzug und Krawatte trotzdem gewiss. Während in Madrid gerade Liverpool die Champions League gewinnt, feiern rund 3500 Ferry-Fans ihr eigenes Finale. Einige der Männer huldigen ihrer Stil-Ikone wahlweise mit Schlips und Einstecktuch. Dem Meister scheint’s zu gefallen, er bedankt sich und winkt immer wieder ins weite Rund. Ein im Sinne des Wortes wirklich schöner Abend.

Fünf Antworten zum Konzert – Die Kurzkritik

Wie war Bryan Ferry drauf?

Der 73-Jährige wirkt zufrieden mit sich und seinem Werk. Noch immer ein bisschen Dandy, vor allem aber Gentleman – nämlich dann, wenn er vom Publikum gefeiert wird und freundlich winkend reagiert.

Wie waren Sound und Bühne?

Imponierend ist vor allem, was für ausgezeichnete Musiker Ferry um sich gescharrt hat. Insbesondere die Unterstützung der Background-Sängerin und des Sängers tut dem Sound gut und sorgt für stimmliche Vielfalt – neben dem gewohnt brüchigen Timbre des Altmeisters.

Wie war die Stimmung im Publikum?

Mag sein, dass ein paar der Zuschauer sich selbst verflucht haben. Denn: Parallel lief das Champions-League-Finale. Aber der klaren Mehrheit ist anzumerken, dass sie Stil und Sound von Roxy Music und Mastermind Ferry noch immer verehren.

Was waren die besonderen Momente der Show?

Spätestens als zwei große Diskokugeln hinabschweben, beginnt die heilige Messe der Ferry-Verehrung. Das Greatest-Hits-Gewitter geht los. Spätestens als „More Than This“ und Co. gespielt werden, schwelgen die 3500 Fans selig in alten Zeiten.

Fazit

Bryan Ferry spielt nicht nur die geforderten Hits, sondern arrangiert sie einfallsreich um und kramt den einen anderen persönlichen Favoriten hervor. Etwa mit „In Every Dream Home a Heartache“ – einem Song über die devote Zweisamkeit mit einer Gummipuppe – beweist er, dass er viel mehr geschaffen hat als 08/15-Radiohits für die tägliche Berieselung.

Von Maurice Wojach