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Kultur regional So rockt die Band Vor Rotterdam auf der Druckmaschine
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19:20 19.05.2020
Ein Live-Konzert auf der Druckmaschine –das gibt es bei der MAZ auch nicht alle Tage. Quelle: Janko Brett
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Potsdam

Christoph hat zwei Eintrittskarten in der Küche, sie kleben an der Pinnwand wie die Flugtickets in eine bessere Welt. Gekauft hat er sie in den Zeiten vor Corona, als ein Konzert noch ein Versprechen war und kein Fall für die Senatsverwaltung, die jetzt alles zusperrt. Er wollte zu den Auftritten von Deichkind und OK Kid, deutsche Bands mit Texten, die man auch im Internet noch einmal nachliest, weil sie anregend wie kluge Briefe klingen.

Lyrisch, vital und relevant, so mag es Christoph Wulsch. Der 24-jährige Sänger der Band Vor Rotterdam glaubt, „gute Musiker kennen das Scheitern, sonst könnten sie nicht so berührend vom Alltag erzählen.“ Ob er auch Lieder hört, die sich über Sexappeal mitteilen, Songs von Sängerinnen, deren Blick mehr sagt als tausend Worte? „Nein, nicht so meine Sache“, räumt er ein.

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Vor Rotterdam in der Potsdamer Druckerei. Quelle: Janko Brett

Tausend Worte sind für Christoph eine gute Arbeitsbasis. Er schreibt die Texte, Luke und Bruno sind für die Musik zuständig. „Wir sind gleichberechtigt!“, darauf legt Christoph Wert. In Sachen Sorgfalt sind sie sich grundlegend einig: „Wir sind bereit, auch die vierte Textfassung zu überarbeiten, denn wenn die Worte erstmal in der Welt sind, fängt man sie nicht mehr ein.“ So geht die Arbeit eines Steinmetz’, jeder Fehler ist fatal.

Der präzise Umgang mit der Sprache zahlt sich aus. Vor Rotterdam haben 2018 den Wettbewerb „Local Heroes“ gewonnen, der die beste Nachwuchsband im Land Brandenburg kürt. 2019 traten sie beim Bundeswettbewerb im Finale an. Ohne genaues Ergebnis, nur die ersten drei Plätze wurden verkündet. Vor Rotterdam waren leider nicht dabei.

Trotzdem geht es aufwärts für die Band, und das buchstäblich: Bei der MAZ in Potsdam haben sie gerade ein Online-Konzert aufgenommen, in gut 15 Metern Höhe auf einer Druckmaschine. „Luke hatte richtig Höhenangst“, sagt Christoph, „aber Bruno und ich haben es extrem genossen.“

Drei Live-Songs kann man in dem Video des ungewöhnlichen Auftritts hören, teilweise sind sie erst jetzt, während der Corona-Krise entstanden, einer davon enthält sogar einen kurzen Rap. Ansonsten stehen Vor Rotterdam für melodiösen Rock mit gedanklicher Reibung: „Da war der Typ mit der Gitarre, meistens spielte er allein, denn er musste erst lernen, Musik heißt Zusammensein“, heißt es im Text zu ihrem Song „Auf & Ab“.

Christoph kommt aus Rathenow, Luke aus Brandenburg/Havel, Bruno aus Berlin. In Berlin wohnt jetzt auch Christoph, er arbeitet beratend für eine Pensionskasse. Ruhe und Besonnenheit sind Schlüssel zum Erfolg in seinem Job.

Wenn er Auskunft geben soll, wo die Reise für ihn hingeht mit dem Rock’n’Roll und seiner Band Vor Rotterdam, dann spricht er nicht von großen Autos oder goldenen Ketten, sondern von dem Wunsch, genügend Geld zu haben, „um das Angestelltenverhältnis zu beenden.“ Es gab schon grellere Träume im Pop.

Die Musiker von Vor Rotterdam sind Männer des Wortes, doch gerade die beiden Wörter, die in ihrem Namen stecken, werden ständig hinterfragt. Vor Rotterdam? Was ist damit gemeint? Christoph lächelt, er weiß, es gibt mehrere Varianten der Wahrheit. Das Internet erzählt, sie hätten sich auf einem Campingplatz vor Rotterdam kennengelernt.

„Getroffen haben wir uns auf Konzerten, als wir alle noch in anderen Projekten gespielt haben“, erzählt er im MAZ-Interview. Ein bisschen ziert er sich, die Sache mit dem Namen aufzulösen. Geheimnisse sind ein Rezept, um im Gespräch zu bleiben. Aber dann Christoph auch noch eine simplere Erklärung an: „Wir wollten bei Google gut zu finden sein. Bloß keinen Namen, den es schon zehnmal gibt.“

Doch diesen einen Punkt, den teilt er mit fast jedem Sänger: „Auf der Bühne verändere ich mich. Ich bin nicht mehr so schüchtern. In der Schule habe ich es gehasst, vor der Klasse etwas zu erzählen. Aber wenn ich vor Publikum singe, bin ich bei mir.“ Mit 13 und 14 Jahren hat er nach Songs gesucht, die vermitteln, was er fühlt. Er hat sie nicht gefunden. Nun schreibt er sie mit Luke und Bruno selbst. „Sie öffentlich zu spielen, ist ein Glücksgefühl für mich.“

Die drei haben ein Ritual: „Bevor wir auf die Bühne steigen, greifen wir zum Notfallkasten.“ Eine rote Kiste, auf der nur noch das Kreuz fehlt. Sie ziehen Pfefferminzlikör heraus, „Berliner Luft“, und jeder nimmt einen Schluck, „einen kleinen!“, betont Christoph. Dann geht es los. Die Band wirkt leichtfüßig, doch plötzlich fliegen ihre Texte. Bis zu 15 Meter hoch, wie bei der MAZ. Manchmal reicht das, um nach den Sternen zu greifen.

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Von Lars Grote und Jan Russezki (Video)