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Kultur „Kundschafter des Friedens“: Westrente für Ostspione
Nachrichten Kultur „Kundschafter des Friedens“: Westrente für Ostspione
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19:03 26.01.2017
Quelle: epd
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Potsdam

Am Ende begibt sich dieser Film dorthin, wo schon so mancher Spionagefilm spielte: auf die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam, legendärer Ort für den Austausch von Spionen. Nur dass in diesem Fall niemand ausgetauscht wird, denn Deutschland ist schon seit gut einem Vierteljahrhundert wiedervereinigt. Stattdessen starren in unserer Gegenwart zwei ergraute Kalte Krieger auf ein Papier, das eine junge Agentin in Händen hält. Der eine ist aus Ost, der andere aus West, und auf dem DNA-Befund steht, wer von beiden der Vater der Jung-Spionin in ihrer Mitte ist.

Das ist eine unübliche Idee für einen Agentenfilm, aber passt zu Robert Thalheims „Kundschafter des Friedens“. Hier geht es um die Lebensbilanz einiger alter Herren, denen 1989 ihr Staat abhandenkam. Nun fechten sie noch einmal alte Konflikte aus, bohren in nie geheilten Wunden und wollen zugleich ihre glorreiche Vergangenheit aufleben lassen. Getrickst, getäuscht und getarnt wird dabei nach Kräften. Es sollte nur niemand Action wie bei einem James-Jason-Bond-Bourne erwarten. Hier sind ein Kugelschreiber-Peilsender und ein Hubschrauber im Tiefflug schon das Nonplusultra.

Die Senioren gehen dafür mit Schlawinerwitz zu Werke – und dem vollen Vertrauen in ihre Fähigkeiten, die im digitalen 21. Jahrhundert allerdings überholt sind, wie sie immer wieder feststellen müssen. Trotzdem sind diese „Kundschafter des Friedens“ – so lautete die euphemistische Bezeichnung für DDR-Spione im eigenen Land – vonnöten: Der Bundesnachrichtendienst braucht die Hilfe des einstigen Klassenfeindes, denn nur der kennt sich in abgelegenen asiatischen Bergrepubliken aus. Deshalb aktiviert der BND notgedrungen den alten „Zonen-James-Bond“ Jochen Falk.

Filmszene mit Winfried Glatzeder als Harry, Antje Traue als Paula, Henry Hübchen als Jochen und Michael Gwisdek als Jacky. Quelle: Majestic

Falk soll mittels seiner alten Kontakte den entführten Präsidentschaftskandidaten Kazan in der Republik Katschekistan wieder auftreiben. Diesen möchte die Bundesrepublik bei einer Sicherheitskonferenz als Hoffnungsträger implantieren. Die asiatische Republik gibt es genauso wenig wie den dazugehörigen Präsidenten. Trotzdem klingt die Geschichte in etwa so wahr oder unwahr wie manche Meldung aus dem fernen Afghanistan.

Der schlitzohrige Falk (Henry Hübchen) fordert erstens die volle Westrente und besteht zweitens gegenüber den BND-Jüngelchen darauf, sein eigenes Seniorenteam zusammenzustellen. Er nominiert den Techniker Jaecki (Michael Gwisdek), der damit beschäftigt ist, in der „kapitalistischen Wegwerfgesellschaft“ kaputte Toaster zu reparieren; den auf Gewinnmaximierung fixierten Logistiker Locke (Thomas Thieme), der faule Fonds verhökert; und den einstigen Romeo-Spion Harry (Winfried Glatzeder), der in Katschekistan hängen geblieben ist und in Kneipen melancholische Schnulzen singt. Ebendort in Katschekistan hofft Falk, auch eine alte Rechnung mit seinem ehemaligen West-Gegenspieler Kern (Jürgen Prochnow) begleichen zu können. Als Aufpasserin fährt BND-Agentin Paula (Antje Traue) mit. „Warum nicht?“, sagt Jaecki. Früher sei ja auch immer jemand von der Partei dabei gewesen.

Das ist eine Topbesetzung, und damit sind jetzt zunächst die Schauspieler gemeint, die ja auch ziemlich viel Vergangenheit diesseits und jenseits der einstigen deutsch-deutschen Grenze verkörpern. Bei Glatzeder erinnert man sich an den Defa-Liebesfilm „Die Legende von Paul und Paula“, Prochnow schaffte es als harter Hund bis nach Hollywood. Die Spiellust der Truppe ist das eigentliche Pfund, mit dem der Regisseur wuchern kann. Das Ganze wird angereichert mit einer ordentlichen Portion Generationenkonflikt und familiären Verflechtungen.

Viel schiefgehen kann bei diesen Voraussetzungen nicht, tut es auch nicht. Doch hätte man sich wegen der Erwartbarkeit der Handlung noch mehr Dreistigkeit gewünscht. Thalheim war bislang eher in der sozialen Wirklichkeit unterwegs, da auch schon mit tragikomischem Witz („Netto“, „Eltern“). Hier hätte er noch ein bisschen mehr ins Fantastische abheben dürfen, als er es ohnehin tut.

Immerhin hat er einen grandiosen Schauplatz fürs Finale gefunden: den ehemaligen Bundestag in Bonn. Von diesem heimeligen Parlamantariertreff führte, wie wir nun endlich erfahren, ein Geheimgang direkt ins Schlafzimmer des Kanzlerbungalows. Auch hier hatte „Zonen-James-Bond“ Falk seine Leute im Einsatz, wenn die Bundeskanzler am anderen Ende des Tunnels allzu lange Reden hielten.

„Kundschafter des Friedens“, Regie:
Robert Thalheim, 93 Minuten, FSK 12
Cinestar, Passage, Regina

Von Stefan Stosch

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