Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Ladies JazzNight in Potsdam war ein Kracher
Nachrichten Kultur Ladies JazzNight in Potsdam war ein Kracher
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:49 24.01.2017
Clownesk: Maria João und der Dirigent Scott Lawton im Potsdamer Nikolaisaal
Clownesk: Maria João und der Dirigent Scott Lawton im Potsdamer Nikolaisaal Quelle: FOTO: Christel Köster
Anzeige
Potsdam

Am Samstag begnügten sich die Frauen in Potsdam mit dem Nikolaisaal. Hier hieß es Ladies Night, nicht Women’s March. Während in den USA tagsüber weibliche Anti-Trump-Demonstranten durch die Städte zogen, sorgten in Potsdam drei weibliche Jazzerinnen für ein ausverkauftes Haus. Das line-up und die Dramaturgie des vierstündigen Konzertabends waren außergewöhnlich.

Die „Ladies JazzNight“ begann mit dem Quartett der Sängerin Lyambiko, einer 38-jährigen gebürtigen Thüringerin, die in Berlin lebt. Mit ihrer warmen tiefen Stimme und ihrer natürlichen Ausstrahlung interpretierte sie zumeist eingängige Lieder von Komponistinnen, wobei das einzige aus ihrer Feder, der Titel „Spring“, eher verwechselbar klang. Das mantraartig groovende Schlagzeug von Tilman Person folgte stur dem 16-Takte-Schema, Marque Lowenthal lieferte gut geölte Pianosoli und der Bassist Robin Draganic glänzte durch Witz und liedhafte Basslinien. In Erinnerung bleibt Lyambikos laszive Version des Liebesliedes „Besame mucho“ als Latinotango.

Nach der ersten Pause enterte eine fröhliche, charmante Exzentrikerin die Bühne, die im Handumdrehen den Saal für sich einnahm. Mit hochhackigen Gladiatorensandalen und weißem kurzen Höschen stöckelte die hochgewachsene Marialy Pacheco zum Flügel und klimperte zunächst einen Boogie-Woogie. Die gebürtige Kubanerin, die erst seit drei Jahren in Deutschland lebt, begrüßte das Publikum mit „Moin“ und gab zwischen ihren Stücken in wunderbarem Deutsch herzerfrischende Einblicke in ihr Leben. Sie begrüßte einige Verwandte im Saal, erzählte von den Widrigkeiten in Kuba und von ihrer Faszination für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr in Deutschland. Zwischendurch gab sie ihre hochakademische, an Bachs Kunst der Fuge geschulten Eigenkompositionen mit kubanischer Lebensfreude zum Besten. Nach drei Stücken wurde deutlich, warum sie so hoch gestimmt war. Etwa 60 Mitglieder des Filmorchesters Babelsberg strömten auf die Bühne, um drei weitere Titel von Marialy Pacheco zu begleiten, für die sie selbst atemberaubende Arrangements geschrieben hatte. Unter der Leitung von Scott Lawton ließen sich die Musiker gekonnt auf die schwierigen kubanischen Rumba-Rhythmen ein. Ihr Klangkolorit steigerte noch einmal den exotischen Zauber, ohne dass es süßlich wurde. Wie eine Hohepriesterin zelebrierte die Kubanerin auch ihre Zugabe, eine Variation des deutschen Wiegenliedes „Guten Abend, gut’ Nacht“. In der Pause waren die CDs der 34-Jährigen mit Starpotenzial im Nu ausverkauft.

Die großartige Gelegenheit, mit einem Orchester aufzutreten, lockte auch die berühmte Portugiesin Maria João mit ihrem großartigen Pianisten Mário Laginha nach Potsdam. Die 60-Jährige ist mittlerweile in die Rolle einer lebensklugen, exotischen Diva mit clowneskem Temperament hineingewachsen. Dabei ist ihre Stimme vor allem hauchig, verfügt aber über einen enormen Umfang. Mit Afro-Frisur und einem operettenhaften Kleid schlüpft sie als Sängerin in die Rolle einer verrückten und verzückten Geschichtenerzählerin, die mit Scat- und Tanz-Einlagen, verstellter Stimme und vielen Fingergesten das Publikum in fremde Gefilde entführt. Manchmal erinnert sie an Nina Hagen, dann wieder an Kate Bush oder Björk. Wie groß der Kontinent in ihrer Kehle ist, wird bei einem Lied über die Stadt Maputo deutlich, in dem die Tochter einer Mosambikanerin ganz Afrika einfängt. Im Zusammenspiel mit dem Orchester darf auch der Pianist Laginha zeigen, dass er viel zu erzählen hat. So viele Höhepunkt an einem Abend, an dem kein Gedanke an Donald Trump verschwendet wurde.

Von Karim Saab