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Kultur Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek ist tot
Nachrichten Kultur Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek ist tot
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11:27 01.08.2019
Der Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek ist im Alter von 92 Jahren gestorben.  Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Der Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 92 Jahren in der Sana Klinik Zwenkau bei Leipzig. Das erfuhr die Leipziger Volkszeitung am Montag von Heiduczeks langjähriger Lebensgefährtin, der Leipziger Journalistin Traudel Thalheim.

Heiduczek, dessen Bücher in über 20 Sprachen übersetzt worden sind, hatte vor fünf Wochen einen Schlaganfall erlitten und war nach einer Erstbehandlung in der Leipziger Uniklinik am 19. Juni zur Rehabilitation nach Zwenkau verlegt worden. Bis zuletzt hatte Traudel Thalheim, mit der er die letzten 18 Jahre verbracht hatte, gehofft, dass er wieder nach Hause entlassen werden könnte. „Er hat auch Fortschritte gemacht, mit dem Sprechen ging es wieder besser, ich hatte alles für seine Rückkehr nach Hause vorbereitet“, berichtet Traudel Thalheim.

Aber dann haben wohl die Kräfte nicht mehr gereicht. „Ich will auch nicht mehr“, hatte Heiduczek gegenüber der LVZ gesagt, die ihn noch am 29. Juni in der Klinik besuchte.

Bilder aus dem Leben von Werner Heiduczek:

Geboren 1926 in Hindenburg (heute Zabrze), wuchs Heiduczek neben vier Geschwistern als Sohn eines Bergmeisters im oberschlesischen Revier auf und hatte meist „die Nase voll Kohlenstaub“, wenn er bei ersten Alltagsbeobachtungen „den Blick auf die dicken Waden der Weiber“ richtete, „die das Sauerkraut stampften“. Schon als Student habe er „wie ein Besessener“ geschrieben, „Gedicht um Gedicht – und schlecht, wie ich heute weiß“, hatte Heiduczek in einem LVZ-Gespräch anlässlich seines 90. Geburtstages 2016 berichtet.

Mit 16 meldet er sich freiwillig als Luftwaffenhelfer – „ich wollte Soldat werden“ – im April 1944 geht es zur Wehrmacht. Zum Kriegsende gerät er zunächst in amerikanische, später in russische Kriegsgefangenschaft. Wie ihm dank der Gnade einer russischen Ärztin der Transport nach Sibirien erspart bleibt, das hat er 1998 in dem Text „Russenkaserne“ beschrieben, der 2015 in der LVZ erschienen ist.

Russenkaserne_Werner_Heiduczek (1,9 MB)

Heiduczeks Werk reicht von Essays über Märchen, Romane und Bühnenstücke bis zur Autobiografie „Im Schatten meiner Toten“. Sein 1977 in der DDR erschienener melancholischer Kultroman „Tod am Meer“ wurde ein Jahr später auf Intervention des UdSSR-Botschafters in Berlin, Pjotr Abrassimow, wegen „antisowjetischer Propaganda“ verboten. Es folgten Verunglimpfungen durch Kritiker, abgesagte Lesungen und zurückgezogene Theaterprojekte.

Für den Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer (41), der mit Heiduczek manchen Abend beim Plausch über Literatur verbrachte, ist „Tod am Meer“ Weltliteratur „in einer Sprache und Ästhetik, die modern ist und auch heute noch lebt“.

Heiduczek arbeitete zunächst als Lehrer

Aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, wird Heiduczek Neulehrer in Brandenburg, macht noch Karriere als Schulinspektor in Merseburg und als Deutschlehrer im Ausland (Bulgarien), bevor er das „Funktionärsdasein“ an den Nagel hängt und 1964 endgültig freischaffender Schriftsteller wird. In seinen Arbeiten ging es irgendwie immer auch um das Schicksal der Heimatvertriebenen, wie er ja selbst einer war, und deren Integration in der DDR, wo sie Umsiedler aber nicht Flüchtlinge genannt wurden.

Obwohl SED-Mitglied, wird Heiduczek jahrelang von der Stasi bespitzelt, wovon mehrere tausend Aktenseiten zeugen. Seine Post wurde kontrolliert, seine Wohnung verwanzt, sein Telefon abgehört. Er galt den DDR-Sicherheitsbehörden als „negativ-feindlicher Mensch“ und stand bereits 1971 vor der Verhaftung.

1972 zog der Autor nach Leipzig

Über 20 Jahre lebte Heiduczek mit Frau und drei Kindern in Halle/Saale. 1972 siedelte er nach Leipzig über: Im Plattenbauviertel Grünau hält sich die Inspiration des Schreibers in Grenzen. Deshalb zieht er sich in Datschen im Grünen zurück, wo er unter anderem Märchen und Mythen dichtet, wie etwa „Die seltsamen Abenteuer des Parzival“ (1974) oder „Das verschenkte Weinen“ (1983).

Heiduczeks Frau Dorothea, die weiter im Schuldienst arbeitet, hält ihrem Mann den Rücken frei und zieht drei Mädchen groß. Die Jüngste, Yana, verwirklicht das, was der Vater eigentlich immer wollte, wegen des fehlenden Abiturs aber nie schaffte: Sie studiert Medizin und wird Ärztin. Dann, 1996, der schwerste Schlag für die Familie: Yana scheidet durch Suizid aus dem Leben; zwei Jahre später folgt die Mutter der Tochter.

Familiäre Unterstützung bis zum Schluss

Mit 72 ist Heiduzcek Witwer und findet später mit Traudel Thalheim noch einmal eine Lebensgefährtin, die mit ihm durch dick und dünn geht. Sie besucht ihn bis zum Schluss täglich in der Klinik in Zwenkau.

Zu seinen beiden Töchtern Christiane (66) und Kerstin (62), die in Brandenburg beziehungsweise Niedersachsen leben, hatte er bis zuletzt guten Kontakt. Auch sie waren in den letzten Tagen und Wochen immer wieder in Leipzig, um ihm den Rücken zu stärken.

Letzter Kronzeuge der DDR-Literatur

Mit Heiduczek verlässt einer der letzten Kronzeugen des Werdens und Vergehens der DDR-Literatur in der mitteldeutschen Region die Bühne. Christa Wolf, Erich Loest, Erik Neutsch, Gerhard Zwerenz – er hat sie alle gekannt, mit ihnen gestritten, gelacht und geweint.

Nun trauert man um ihn, der im Sterben noch eine Parallele zu einem seiner Romanhelden zieht: In „Tod am Meer“ erleidet der Leipziger Schriftsteller Jablonski, der aus Oberschlesien stammt, während einer Vortragsreise in Bulgarien einen Schlaganfall und stirbt Wochen später an den Folgen. Im Krankenhaus in Burgas legt er gegenüber seinem Bettnachbarn eine rücksichtlose Beichte über seine und seiner Partei Verfehlungen ab. Letzteres hatte Heiduczek nicht mehr nötig. Er hat alles zu Papier gebracht, was er wollte und schon 2016 bekannt: „Ich bin ausgeschrieben.“ 

Von Jan Emendörfer

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