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Kultur Zwischen Freiluftsaufen und der ersten Liebe: Pubertäts-Drama „Kokon“
Nachrichten Kultur Zwischen Freiluftsaufen und der ersten Liebe: Pubertäts-Drama „Kokon“
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18:23 26.02.2020
Jella Haase und Lena Urzendowsky (v.l.) in "Kokon". Quelle: Martin Neumeyer/Jost Hering Filme
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Berlin

Ausgerechnet beim Sportunterricht passiert es zum ersten Mal. Als sie spürt, wie sich ihre Hose im Schritt mit Blut vollsaugt, verschwindet Nora aufs Mädchenklo. Die Scham, dass die ganze Klasse es mitbekommen hat, steckt ihr noch in den Knochen. Einer hat`s sogar mit dem Handy gefilmt – und jetzt klopft es auch noch an der Toilettentür.

Die Schmach löst sich in Schönheit auf, als sich die Tür einen Spalt öffnet und die ein paar Jahre ältere Romy anbietet, der 14-Jährigen die Hose auszuwaschen. Sie wirkt wie ein blondierter Engel in der Punk-Version, bietet ihr einen Zug von ihrem Joint an: „Mir hilft das immer gegen den Schmerz.“

Diese Szene aus „Kokon“ fasst zusammen, was den Film auszeichnet. Er ist ganz nah dran am Hadern und Zaudern eines Mädchens in der Pubertät. Die Kamera zoomt ran bis auf die Hautporen. Die erste Regelblutung verkommt nicht zum Anekdötchen, das verwirrte Körpergefühl und der Schmerz prägen die Geschichte. Zumal sich der Peinlichkeit das Glücksgefühl der ersten Liebe anschließt. Auf der Suche nach Identität wird Nora noch mehrmals stolpern.

Kein Erfolg ohne Rückschlag – das könnte auch das Motto der noch jungen Karriere der 34-jährigen Regisseurin Leonie Krippendorff sein. Dabei lesen sich die Stationen wie ein Durchmarsch. Die Berlinerin wurde an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg genommen. Ihr Abschlussfilm „Looping“ lief 2016 beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, dem wichtigsten Festival für deutschsprachige Nachwuchsfilme, und gewann Preise bei internationalen Festivals.

In der Hauptrolle spielte die mit dem Millionenerfolg „Fack ju Göhte“ berühmt gewordene Jella Haase. Weil sie so ein Fan der Regisseurin ist, nahm der vielgebuchte Star auch in „Kokon“ eine Rolle an, nämlich die der freiheitsliebenden Romy.

Auch ihr Debüt war eine lesbische Liebesgeschichte

2016 schloss die Regisseurin Leonie Krippendorff mit dem Film „Looping“ das Studium an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg ab. Ihr Debüt zeichnet das intime Porträt einer jungen Frau, die in einer Schaustellerfamilie auf Jahrmärkten aufwächst und sich doch alleine fühlt. Sie lässt sich freiwillig in eine Psychiatrie einweisen und kommt dort erstmals anderen Menschen wirklich nahe.

Vor dem Studium hatte Krippendorff, die zwischendurch als Fotografin tätig war, unter anderem bei dem Regionalsender Havelland Television im brandenburgischen Nennhausen erste Medienerfahrungen gesammelt.

Der zweite Kinofilm von Krippendorf ist noch an folgenden Terminen bei der Berlinale zu sehen: Donnerstag (27.2.) um 14 Uhr im CinemaxX am Potsdamer Platz und Sonntag (1.3.) um 13.30 Uhr ebenfalls im CinemaxX.

Und siehe da, auch „Kokon“ erlangt rasche Aufmerksamkeit. Krippendorfs Coming-of-Age-Film durfte die Berlinale-Sektion „Generation 14 Plus“ eröffnen. Eine Ehre für die Babelsberger Absolventin? Ganz sicher, aber er sollte nicht überdecken, dass auch ihr so manches Hindernis den Weg erschwert hat.

Gelobt, verrissen, verunsichert

„Mein erster Film hatte stark polarisiert, er wurde entweder in den Himmel gelobt oder völlig verrissen“, sagt sie. „Das hat mich verunsichert – es war nicht leicht, die eigene künstlerische Stimme zu behalten.“ Ebenso schwer war es, sich finanziell über Wasser zu halten. Nach dem Abschlussfilm, der Krippendorff das Diplom aber keinerlei Einnahmen bescherte, vergingen vier Jahre bis zur Premiere von „Kokon“. „Wir haben viele Ablehnungen bekommen.“

Regisseurin Leonie Krippendorff. Quelle: Edition Salzgeber

Das Medienboard Berlin-Brandenburg gehört dagegen zu den Geldgebern, die sich überzeugen ließen, dass „Kokon“ keine 08/15-Pubertätsgeschichte werden würde, sondern insbesondere dem Körpergefühl junger Menschen näher kommt als vergleichbare Filme. Zwischendurch fühlte sich Krippendorff der Bauchlandung näher als dem Durchmarsch. In Babelsberg war das noch anders, Austoben war angesagt. Projekte entwickelten sich im geschützten Raum der Universität. „Man darf viel ausprobieren und scheitern, da geht es mir jetzt als Regisseurin natürlich anders.“

Mikrokosmos Kottbusser Tor

Ein Scheitern wäre weder dem Film noch seiner Regisseurin zu wünschen. Für „Kokon“ hat Krippendorff lauter richtige Entscheidungen getroffen. Zum Beispiel, die Geschichte nicht, wie zuerst gedacht, auf dem Land spielen zu lassen, sondern mitten in Kreuzberg rund um die Sozialbauten am Kottbusser Tor. Die flirrende, mitunter aggressive Atmosphäre zwischen Freiluftsaufen und Shisha-Bar passt bestens zum hormonellen Aufruhr der Protagonistin Nora.

Die einzige Szene draußen in der Natur ist eine angedeutete Sexszene. An einem See zwischen dem Schilf pustet Romy einen auf Noras Bein gelandeten Schmetterling übers Knie zum Oberschenkel und noch weiter. Dazu kommen mehrere Nacktszenen, die Krippendorff ohne großen Trommelwirbel als natürlichen Teil der Handlung einbaut. Sexualität und Nacktheit – in diesem Fall zwischen Frauen – wirken maximal authentisch. In anderen Szenen gerät die symbolische Bildsprache etwas zu plakativ.

Noras titelgebende Leidenschaft fürs Sammeln von Schmetterlingsraupen, was natürlich als Metapher für die eigene Verpuppung steht, wirkt in diesem ansonsten so natürlichen Film arg konstruiert. Trotz dieser kleinen Schwächen ist zu hoffen, dass viele Teenager „Kokon“ sehen werden. Um dann festzustellen: In diesem Film geht es um mich.

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Von Maurice Wojach

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