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Kultur Leuchtfeuer, Loops und Luftgitarren
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12:32 25.07.2017
Leslie Feist im Tempodrom
Leslie Feist im Tempodrom Quelle: POP-EYE
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Berlin

Regen kann durchaus auch schön sein, selbst in diesem so verhangenen Sommer. Kann als Niesel verspielt kitzeln, hart in Pfützen platschen und wird auch nach dem heftigsten Wolkenbruch irgendwann wieder fein still. Dazwischen gibt es genug Platz für so blaue Gedanken und Lieder mit Namen wie „I Wish I Didn’t Miss You“ oder „Lost Dreams“ vom neuen Album „Pleasure“, das Leslie Feist am Montagabend im Berliner Tempodrom barfuß zum Besten gibt. Mit dem gleichnamigen Stück eröffnet sie das Konzert langsam. Die Riffs, die Texte und das Publikum dürfen sich miteinander vertraut machen.

Ein Tauchen, kein Untergehen

Nach sechs Jahren ist die neue Platte Feists fünftes Studioalbum. „Pleasure“ entstand, anders als der Titel vermuten lässt, während der vielleicht schlimmsten Zeit in ihrem Leben, eine Trennung inklusive, wie die Sängerin und Songschreiberin in Interviews erzählt. Vertont hat sie das für ihre Verhältnisse mitunter rau, besingt Gedankenfäden, die, statt ein Netz zu spinnen, sich aufdröseln, verlieren und aufeinander prallen. Das Album ist eine Konfrontation, ein sich Hineinschmeißen in zerrendes Dazwischen, („I was living in extremes and everything that that means“ heißt es in „Get not high, get not low“), ein Tauchen, aber kein Untergehen, beschaut von Augen, die mal Fiktion, mal Traum erblinzeln („Pleasure“). Der Albumtitel kann daher nur als Lösung dienen, als wunderbarer Antwortgeber wie für Leslie Feist die Musik („A man is not his song/ And I’m not a story/ But I wanna sing along“).

Ihre Konsequenz heißt „I’m not running away“ („Water is running like I stay“) – nicht weglaufen vor der Welt, die zur Misere werden kann, sondern sich ihr stellen und daran erwachsen. Und so steht sie da auf der dezenten Bühne in einem knallig pinken Kleid und pinkem Lippenstift, ein Hauch vielleicht der Punkrocktage ihrer Jugend, und überstrahlt mit ihrer umwerfenden Stimme das ausverkaufte Tempodrom. Nach den ersten drei Stücken, bei denen sich lediglich ein Mobile mit langen dünnen Armen und bunten Glasgefäßen am Bühnenrand dreht, öffnet sich hinter der Band ein Leuchtfächer zu „Lost dreams“. Dessen letzte Akkorde und Loops begleitet die Sängerin nur noch mimisch und gestisch, wobei ihre Hände über der eignen Gitarre auf einer Luftgitarre tanzen und ihr Gesicht in Gänze mit den Zuhörern schäkert. Die erste Kontaktaufnahme mit dem Publikum glückt: ihr hell-klares, wie von einem zarten Wolf gehauchtes Auuu wird erwidert.

Das Tempodrom wird zum Privatclub

Das nächste Spiel geht so: Zu „Any Party“ werden die Fans eingeladen, die eigenen Lippen zu Feists Gesang zu bewegen und dabei die Person anzuschmachten, mit der man gerne mal ein Eis essen gehen will. Die schönste Party, singt die Kanadierin, ist doch noch immer die zu zweit („You know I’d leave any party for you/No party’s so sweet as our party of two“). Am Montagabend sind das Leslie und ihr Publikum, das sie zum Tanz bittet auf den „kleinen schmalen Tanzflächen“, wie sie die Gänge zwischen den bestuhlten Reihen nennt. Den zweiten Teil des Konzerts stimmt „My moon my man“ an und plötzlich stehen die Menschen in der Manege auf und machen das Tempodrom zum Privatclub, zwei junge Frauen namens Anna und Verushka tanzen mit Leslie Feist auf der Bühne ein aufforderndes Fangspiel aus Bewegungen, die sich gegenseitig antworten. Unvorstellbar, dass PJ Harvey oder Beth Gibbons ihre pure Spielfreude so ausdrücken würden. Feist verzaubert außerdem mit Charme und humorigen Geschichten und zerpflückt musikalisch kanadische Postkartenmotive.

Am Ende tanzt das ganze Haus

Vor 5 Jahren spielte sie zuletzt in Berlin, wo sie kurz nach der Jahrtausendwende länger gelebt hat – auf Sofas befreundeter Künstler wie Peaches. Das Publikum will sie nicht gehen lassen, zwei Zugaben folgen nach zwei wunderschönen Stunden Spielzeit. Am Ende tanzt und singt das Tempodrom in Echokammern zu Versionen von „I feel it all“, „Sea lion“ und dem nun zehn Jahre alten „iPod-Song“ „1234“, aus dessen Klimpern eine Freigeistigkeit aus Gitarre, Schlagzeug, Violine geworden ist. Draußen regnet es. Den Regen mögen kann man besser, wenn er auch gnädig wieder aufhört und eine Weile fehlt. Ohne fehlen ist vermissen nicht möglich.

Von Michaela Grimm

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