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Kultur Warum Brandenburger Dörfer ein bedrohtes Paradies sind
Nachrichten Kultur Warum Brandenburger Dörfer ein bedrohtes Paradies sind
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00:22 09.07.2019
Viele Menschen zieht die Sehnsucht nach Ruhe aufs Land – aber viele genau deshalb auch wieder fort.
Viele Menschen zieht die Sehnsucht nach Ruhe aufs Land – aber viele genau deshalb auch wieder fort. Quelle: gorosi - stock.adobe.com
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Potsdam

Wo liegt das ideale Dorf? In den Heften von Asterix, denn dort gibt es Zaubertrank und gute 20 Häuser, die von Band zu Band verschoben werden, was natürlich gut ist gegen Langeweile – aber Schwierigkeiten macht, wenn man nach Hause will und nicht ganz sicher ist, ob das Zuhause heute ganz woanders liegt als gestern. Sonst aber ist das Leben süß, es sei denn, einer klagt über den alten Fisch des Händlers Verleihnix. Dann folgt meist eine Keilerei. Sie wirkt befreiend, und am Ende steht das Schlussbankett, wo Troubadix, der Barde, gefesselt und geknebelt wird.

Das Leben auf dem Land kann ruppig, aber schön sein, davon berichtet dieser Comic. Wer möchte, überträgt das Loblied der Provinz auf Brandenburg, wo es genügend Dörfer gibt, die diesem namenlosen Nest von Asterix das Wasser reichen. Man feiert in der Mark nur selten solche Schlussbanketts, aber man grillt.

Der Fisch ist frisch, weil es genügend Wasser gibt, vor allem gibt es reichlich Zeit, zu warten, bis er beißt. Die Frage bleibt: Wo ist der Zaubertrank? Es gibt Bier. Und es gibt Internet. In dieser Mischung kommt das ungefähr aufs Selbe raus, vor allem, wenn man weiß, wie selig eine Flasche Bier macht, die man barfuß unter freiem Himmel trinkt.

Die Rezeptur ist verhandelbar

Man darf das mit dem Zaubertrank natürlich nicht verjuxen. Bier und Internet sind nur ein kleiner Teil der Rezeptur. Der Rest ist je nach Dorf verhandelbar. Manchmal findet man das Elixier beim Baden in der Kiesgrube, dann auf der Wiese neben dem Wald, wo die Sonnenblumen immer noch schöner sind als auf den Bildern von van Gogh.

Das Dorf bei Asterix wehrt sich nach Kräften gegen jeden Einfluss aus der Stadt, und wenn die Städter doch mal kommen, in diesem Fall die Römer, werden sie verjagt. Na gut, sie werden verprügelt. Aber nicht von perspektivlosen, abgehängten Jugendlichen, sondern von gestandenen Männern, die ihre Ruhe wollen. Wie gesagt, es ist ein Comic, kein politisches Programm.

Das Glück von Asterix und Obelix liegt auf dem Land – wenn jemand stört, dann sind es römischen Soldaten aus der fernen, großen Stadt. Quelle: Egmont Ehapa Verlag

Wenn es in der Stadt für dieses Dorf von Asterix etwas zu holen gibt, dann vielleicht neue Schuhe für die Frau vom Chef. Paris, das damals noch Lutetia hieß, war weit, wie auch Berlin auf diese oder jene Weise weit ist für ein Dorf in Brandenburg. Das Straßennetz ist enger. Die Menschen sind mitunter starr vor Stress. Mental wirkt das für einen Märker manchmal wie der Sprung in einen Raubtierkäfig.

Wobei natürlich auch Berlin Provinz ist, nicht zuletzt für David Bowie, der in den 70ern gekommen ist und in der Stadt die Ruhe suchte. Er zog dann weiter nach New York. Und sang am Ende seiner Tage ein paar wehmütige und entzückte Songs über die alte, kleine Stadt – das ist der Sound, den man jetzt von Berlinern kennt, die raus nach Brandenburg gezogen sind und Bücher schreiben, mit staunend offenem Mund: Ich habe einen Garten, ich atme frische Luft, ich bin ein neuer Mensch! Ich habe mir die Stadt wie eine Krankheit von der Haut geschrubbt!

Fast ganz Brandenburg schrumpft

Brandenburger Dörfer sind, um es kurz zu machen, das Paradies, wenn man nicht immerzu nach neuen Schuhen Ausschau halten muss und glaubt, das Leben sei auch ohne Zaubertrank erträglich. Doch wie es eben ist mit Paradiesen: Sie sind bedroht. Nein, nicht von einer bösen Macht. Sondern von den Menschen selbst. Sie ziehen fort. Sie suchen Arbeit. Eine Universität. Oder ein anonymes Leben, um sich von Konventionen zu befreien. Mitunter wiegt das schwerer als ein schönes Storchennest oder ein Feld mit Mohnblumen. Manchmal gehen die Menschen nicht, doch sie sterben. Und niemand kommt nach.

Droht tatsächlich Leerstand auf den Dörfern? Im vergangenen Jahr hat Brandenburg als einziges ostdeutsches Bundesland an Einwohnern gewonnen, 7900 Menschen mehr als im Jahr 2017 lebten dort. Doch bis 2035 ändert sich die Tendenz, für die Uckermark wird ein Bevölkerungsschwund von 20,9 Prozent vorhergesagt und für die Prignitz 20,5 Prozent.

Fast ganz Brandenburg verliert, auch jene Landkreise, die man „Speckgürtel“ nennt, weil man ihnen ihre kleine Wohlstandswampe ansieht: Oberhavel schrumpft um 4,7 Prozent, das Havelland um 4,1 Prozent, Potsdam-Mittelmark um 6,7 Prozent und Teltow-Fläming um 3,7 Prozent, prognostiziert das Statistische Bundesamt. Deutschlandweit am meisten Einwohner verlieren wird der märkische Landkreis Elbe-Elster mit 24,7 Prozent. Nur Potsdam gewinnt, die größte Stadt des Bundeslandes, prognostiziert werden plus 13 Prozent.

„Einige Dörfer werden sterben“

Natürlich gibt es auch dann noch, in 16 Jahren, viele Orte, die größer sind als der von Asterix, die also mehr als 20 Häuser haben, die meisten stehen sogar morgen weiterhin am selben Ort wie heute. Trotzdem scheint die Lage paradox. Die Schönheit des Landes wird besungen, doch die Menschen drängen in die Städte, wo die Luft so schlecht ist, dass über Dieselverbot und autofreie Innenstädte diskutiert wird. „Einige Dörfer werden sterben“, kommentiert Reint Gropp mit Blick auf den Osten, er ist Präsident des Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle/Saale.

Der deutsche Wohnungsmarkt zeigt sich gespalten. Während in größeren Städten die Preise für Grundstücke, Wohnungen und Häuser weiter steigen und Einwohner Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Bleibe zu finden, sinken sie in ländlichen Gebieten. Manchmal liegen nur wenige Kilometer zwischen Boomregion und ländlichem Leerstand. Während die Wohnungssuchenden in den Großstädten Schlange stehen, gibt es auf der anderen Seite große Gebiete mit anhaltender Abwanderung. In Ostdeutschland liegen die Leerstandsquoten der Wohnungen in 40 von 77 Kreisen bei über zehn Prozent. „Neben der Aufwertung der Kerne kann dies auch den gezielten Abriss der Dörfer beinhalten“, schlagen Experten vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln als Konsequenz aus der Entwicklung vor.

Stimmt, es gibt nicht viele Ärzte auf dem Land. Aber online holt man sich die Welt aufs Dorf, intellektuell, als Entertainment, im Zweifel auch per Versandhandel. Alles ist dort zu bekommen, selbst der neueste Asterix-Film, der übrigens davon erzählt, wie blass die Menschen in den Hochhäusern eines römischen Baumeisters hocken.

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Von Lars Grote