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Kultur „Jazz ist die Königsklasse der Improvisation“
Nachrichten Kultur „Jazz ist die Königsklasse der Improvisation“
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00:19 25.01.2018
Till Brönner kommt mit neuer CD auf Tour – in Potsdam spielte er 2015 im Nikolaisaal.
Till Brönner kommt mit neuer CD auf Tour – in Potsdam spielte er 2015 im Nikolaisaal. Quelle: Foto: Detlev Scheerbarth
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Berlin

Till Brönner ist ein gefragter Mann. Nicht weil der Jazz in Deutschland am Aussterben wäre. Im Gegenteil. Es gibt viele großartige Musiker. Junge Jazzer haben es aber nicht leicht, von der Musik zu leben. Der geniale Trompeter nutzt seine Fernseh-Popularität, um für die Szene und den Jazz zu werben.

Herr Brönner, in diesen Tagen erscheint Ihre neue CD mit dem Kontrabassisten Dieter Ilg, der zehn Jahre älter ist als Sie. Begegnen sich in Ihrem Duo zwei Jazz-Generationen?

Till Brönner: Alles, was zehn Jahre älter oder jünger ist, läuft für mich noch fast unter der gleichen Generation. Im Musikbereich gibt es ganz andere Altersdifferenzen. Wenn ich mit deutlich Jüngeren spreche, stoße ich hingegen durchaus auf andere Herangehensweisen und gesellschaftliche Milieus, die ich nachzuvollziehen manchmal nur eingeschränkt in der Lage bin. Aber in solchen Fällen lasse ich mir gerne von den jungen Künstlern etwas erklären oder erzählen.

Sie haben als Zwölfjähriger durch die besessen-fröhlichen Bebop-Melodien von Charlie Parker zum Jazz gefunden. Wünschten Sie sich manchmal, in einem anderen Jazz-Zeitalter zu leben? Etwa in den 1940er- oder 50er-Jahren?

Jeder Mensch kennt den Moment, dass er mal Mäuschen spielen möchte. Die Vorstellung, für ein, zwei Tage die Zeit damals einzutauchen, ist eigentlich ein schöner Gedanke. Dann ließe sich leichter ein Gespür entwickeln, was der Auslöser für diese Musik war. Vor allem die 1960er waren ein künstlerisch hochspannendes und ergiebiges Jahrzehnt. Da wäre ich gerne dabei gewesen, aber nicht real. Gerade im Jazz sind wir der Spiegel unserer Zeit und nicht einer anderen.

Was fasziniert Sie, Jahrgang 1971, am Jahrzehnt vor Ihrer Geburt?

Es gab viele Umbrüche und Infragestellungen. Die überkommenen Formen sind bis zur Unkenntlichkeit verzerrt worden. Auch die zeitgenössische Musik im Klassikbereich entwickelte sich avantgardistisch. Gesellschaftliche Umbrüche sind der Urgrund für den Jazz. Jazz hat immer auch mit Missständen und mit Ungleichgewichten zu tun.

In den 70er-Jahren keimte dann die Hoffnung, der Jazz würde die Welt und den Mainstream erobern und die Hörgewohnheiten der Konsumenten gehörig verändern. Welchen Platz nimmt der Jazz heute im gesellschaftlichen Gefüge ein?

Bis auf die tanzbare Ära des Jazz – ich spreche von der großen Zeit der Ballrooms in den 1920er- und 30er-Jahren, ist Jazz stets eine Kunstmusik gewesen und führte eher ein Nischendasein. Als Nische ist der Jazz heute auch in den klassischen Konzertsälen angekommen und wird nicht mehr allein in kleinen Clubs zelebriert. Die Freiheit, im Moment auf der Bühne zu entscheiden, was man gleich machen wird, insbesondere im Free- oder Avantgardejazz, das ist die Königsklasse der Improvisation. Jazz bleibt nach wie vor ein sehr progressives Element, ein Plädoyer, sich von den Gesetzen zu lösen.

Wenn Sie mit Ihrem neuen Album „Nightfall“ auf Tour gehen, wie viele Phrasen decken sich mit der CD-Einspielung?

Zu diesem Vergleich möchten wir die Besucher gerne einladen. Dass wir kein Album zum Mitsingen produziert haben, ist nicht zu überhören. Ich würde sagen, 90 Prozent sind Improvisation und zehn Prozent die Themen, von denen wir uns dann im offenen Dialog lösen. Das ist das Steckenpferd von Ilg und Brönner: Wir zitieren ein Motiv, aber unsere Interpretation klingen dann jeden Abend auf einer anderen Bühne anders. Wir geben alles und verlassen die Bühne am Ende schweißgebadet.

„Nightfall“ lässt sich mit Einbruch der Dunkelheit übersetzen. Drückt der Titel des Albums auch ein Lebensgefühl aus, das Sie mit der politischen Gegenwart verbinden?

An diese Assoziation habe ich auch gedacht. Aber ich mag es, wenn es mindestens zwei Interpretationsmöglichkeiten gibt. Die Abenddämmerung haben wir während der Aufnahmen auf Schloss Elmau auch tatsächlich erlebt. Das waren die letzten warmen Herbsttage vor dem Winter. Das hat musikalisch in unsere Klangbilder Eingang gefunden.

Sie mussten die dunkle Stimmung für sich nicht neu erfinden. Es gibt von Ihnen schon Alben mit Titeln wie „Midnight“ oder „At The And of the Day“. Bekennen Sie sich zu Ihrem nachdenklich-melancholischen Temperament?

Dazu stehe ich. Damit habe ich keine Probleme.

Ein Stück auf der CD heißt „The Fifth of Beethoven“. Mit der pathetischen Schicksalssinfonie hat Ihr Stück aber wenig gemein. Wie nahe kommen Sie Beethoven?

Mit diesem Titel nicht im Ansatz. Wir greifen lediglich ein gleichnamiges Stück von Ornette Coleman auf. Auf meinen langen Autofahrten höre ich übrigens meistens klassische Musik.

Sie sind durchaus auch ein politischer Mensch, haben sich zum Beispiel mit dem Rockmusiker und CDU-Politiker Leslie Mandoki im „Soulmates“-Projekt für den Fortbestand der westlichen Freiheiten eingesetzt. Irritiert es Sie, dass Mandoki ein Anhänger des ungarischen Autokraten Orbán ist?

Wissen Sie genau, was in Ungarn passiert? Ich bin den Medienberichten gegenüber eher skeptisch. Da begegne ich lieber Menschen und Kollegen wie Leslie Mandoki und lasse mir aus erster Hand über die Lage in Ungarn berichten.

Sie sind seit 2009 an der Musikhochschule Dresden auch als Professor tätig und bilden den Nachwuchs aus. Wohin entwickelt sich der Jazz?

Es gibt einige großartige junge Musiker, die ich aber um ihre Zukunft nicht beneide. Ich hatte Glück, meine Popularität entstand noch über Sendeformate im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die es heute für Jazzmusiker gar nicht mehr gibt. Heute mit einem herkömmlichen Instrument etwas wirklich Neues zu entwickeln, scheint mir kaum möglich. Es geht darum, dass ein Musiker markant und erkennbar ist, dass er anders klingt als alle Formen der Unterhaltung ringsum. Außerdem muss ein Musiker auch seine Persönlichkeit, seine Geschichte, seinen Unterschied mit in die Waagschale werfen. Es reicht nicht, sich einen schrägen Hut aufzusetzen. Ich frage meine Studenten schon: Willst du diese Musik dein ganzes Leben lang machen? Denn es kommen auch sehr schwere Zeiten auf dich zu.

Warum bringen Sie eine neue CD heraus, obwohl kaum noch CDs gekauft werden?

Um eine Tournee zu machen, ist es immer noch wichtig, wenn eine neue CD vorliegt. Ich hoffe trotz Verkaufs-Krise aus Sicht der Künstler auf ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass Musik und geistiges Eigentum ihren Preis haben. Die Umsonst-Mentalität im Netz und die unzureichende Entlohnung der Künstler durch Streaming-Dienste sind erheblich. Dafür habe ich kein Verständnis.

Von Karim Saab

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