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Kultur Neues von Tvinna, Lizzard und Ian Fisher
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MAZ-Musiktipp: Neue Platten von Tvinna, Lizzard und Ian Fisher

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10:11 19.02.2021
Ein Raunen, das von Norden her kommen könnte: Tvinna.
Ein Raunen, das von Norden her kommen könnte: Tvinna. Quelle: Samantha Evans
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Potsdam

Aus dem Raunen, aus der Dunkelheit, aus dem Ungewissen drängen drei Stimmen ans Licht. Sie gehören Laura Fell, Fiona Rüggeberg (beide Faun) und Fieke van den Hurk. Gemeinsam sind sie Tvinna. Die Idee zu einem Projekt vereinter Frauenstimmen bestand schon eine Weile. Nun singen Tvinna der Weiblichkeit ein mächtiges mehrstimmiges Lob. Es ist beileibe nicht bloß das zauberische Elfenhafte geworden. Nicht alles auf „One In The Dark“ (By Norse/Membran) badet in sagenhaftem Wohlgefallen. Tvinna sind mehr: Sirenen und Amazonen. Daher gibt es verhangene, sägende, hypnotische, dunkel pochende elektronische Soundfetzen. Ergänzt um voluminöses Schlagzeug, harte Riffs und verzerrte Geräusche.

Machtdemonstration aus Frankreich: Lizzard. Quelle: Promo

Dieses Trio aus Frankreich liefert das Gitarren-Album für den Februar ab. Mindestens. Lizzard bietet mit „Eroded“ (Pelagic) ein Hörerlebnis, das zwischen Rock und Prog kaum Wünsche übrig lässt. Katy Elwell an den Fellen, William Knox am Tieftöner und Mathieu Ricou an der Gitarre zaubern ein Grinsen ins Gesicht. Denn Sound-Magier sind sie. Gleich, ob sie eine ruhige Atmosphäre skizzieren oder einen Song lange anschwellen lassen bis zur Eruption. Oder ihren wuchtigen Stoner Rock rausdreschen. Oder ein Stück zwar akustisch einrahmen, im Mittelteil indessen brachial böllern. Sodann gibt es Figuren aus Bass und Flageolett-Töne auf der Gitarre, die ein wenig nach Yes klingen. Gewaltig und gut.

Sein Solo-Werk sollte man sich in aller Ruhe erschließen: Tim Hart. Quelle: Promo

Mit den Indie-Folkern Boy & Bear hatte Tim Hart sich schon Freunde gemacht. Das wird mit seinem inzwischen dritten Solo-Gang keineswegs ändern. Der Australier breitet auf „Winning Hand“ (Nettwerk/ADA-Warner Music) seine üppigen wie welthaltigen Einfälle aus. Der Multi-Instrumentalist bewegt sich durch Folk-Pop, der nach den Sechzigern schmeckt.

Auf der Suche nach Alternativen?

Alles nah beieinander: der verstörende, beinahe maschinelle Lärm, die muskulösen Nu-Metal-Attacken, die hymnische Hinwendung zum Pop. Vor 16 Jahren stieg Brian Welch bei Korn aus. Bald darauf präsentierte er das Debüt von Love and Death. Mit der neu formierten Band legt der Sänger und Gitarrist nun „Perfectly Preserved“ (Earache Records/Edel) vor. Keine konservierten Sounds. Vielmehr deutliche Aufgeschlossenheit. Was Gäste am Mikro wie Lacey Sturm (Flyleaf), Keith Wallen (Breaking Benjamin) oder Ryan Hayes zeigen.

Nach dem umwerfenden Live-Mitschnitt aus Tilburg vom Oktober 2015 öffnen Riverside nun erneut ihre Archive. Die polnische Band veröffentlicht „Out Of Myself (Inside Out Music/Sony) wieder. Das maßgebliche Debüt der Progressive-Rocker um Sänger und Gitarrist Piotr Grudzinski (1975–2016) wurde nicht umsonst bejubelt. Man schrieb das Jahr 2003.

Missouri hat Ian Fisher längst hinter sich gelassen. Hank Williams und John Denver auch. Eigentlich. Mehr als zehn Jahre ist er nun fort, hat in Mitteleuropa Platte um Platte eingespielt und doch Amerika in seinen Liedern. Von außen ergibt sich auf „American Standards“ (Ian Fisher Music/Galileo) eine besondere Perspektive, die Hingabe wie Kritik zulässt. Der hochproduktive Fisher kann mit den Spätsechzigern, dem Pop und den eleganten Songwritern der Siebziger ziemlich viel anfangen – und hängt immer noch ein wenig an Country Music, die nicht nur von Mitgliedern der National Rifle Association gehört wird. So kommt es, dass die Slide-Gitarre eher nach George Harrison klingt. Mit Streichern und Chören zur großen Hymne wächst. Oder dass es Fuzz-Gitarren, Funk und Soul gibt. Schlau.

Immer mal wechselt er mit Gastmusikern im Studio in Sydney in leicht jazzig groovende Gefilde. Mehr Kante bekommen die Up-Tempo-Songs. Sparsam und eindringlich geht natürlich auch, wenn Tim nur zupft und im Stück „Without You“ an seinen verstorbenen Vater erinnert, der ihm mehr als das Laufen beigebracht hatte. Eine feine Platte.

Von Ralf Thürsam