Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Neues von Amparanoia, Red Machete und At The Gates
Nachrichten Kultur

MAZ-Musiktipp: Neues von Amparanoia und At The Gates

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:10 02.07.2021
Schönaufgekratzt und vital wie immer: Amparanoia
Schönaufgekratzt und vital wie immer: Amparanoia Quelle: Raquel Lopez
Anzeige
Potsdam

Zwischendurch hatte Amparo Sánchez alle Hände voll zu tun. Die wundervolle wie ausdrucksstarke Sängerin aus der Nähe von Grenada verfolgte einige vielfarbige Solo-Projekte. Doch nun kehrt die Frontfrau mit ihrer Stammband Amparanoia zurück. Die Auszeit, lediglich unterbrochen von einer Platte zum 20-jährigen Bestehen der Mestizo-Band, hat so gar keine Spuren hinterlassen. Im Gegenteil. Vom Start weg reißt die neue Platte „Himnopsis Colectiva“ (Mamita Records/Galileo) ihre Hörer vom Hocker. Denn niemand kann wirklich die Füße stillhalten bei diesem unnachahmlichen Sound aus Cumbia, Reggae und Flamenco. Bei diesen vitalen Rhythmen, umwerfenden Trompeten und Gitarren.

Auf der Suche nach Alternativen

Sind Sturm und Regen erst vorübergezogen, dann ist die Welt gewaschen und wie neu, die Luft klar und bereit für tiefe Atemzüge: Eine Art von Reinigung müssen auch Year Of No Light mit „Consolamentum“ (Pelagic) im Sinn gehabt haben. Schließlich stehen ihrer Ansicht nach die Menschen immer wieder vor dem Fall. Sie suchen ihr Heil vor der Finsternis durch Läuterung. Der Instrumental-Sechser aus Bordeaux türmt auf der einen Seite ultra-massive Riffs aufeinander. Auf der anderen winden sich viel feinere Gitarren-Girlanden um akkurat abgestufte Keyboard-Flächen. Deren Kollision, das Wechselspiel von Spannung und Entspannung und die Dynamik von Laut und Leise erzeugt den kathartischen Effekt. Man merkt der Band an, wie cineastisch sie an ihre fünf überlangen Kompositionen herangeht. Schließlich hatte sie sich bereits an die Vertonung des Stummfilms „Vampyr“ gewagt.

Was? Saxofon plus schwere Akkorde und elegische Tonfolgen auf der Gitarre? Damit sind wird aber erst am Anfang. Denn At The Gates öffnen auf ihrem jüngsten Werk die Pforten der Wahrnehmung ganz, ganz weit. Sogar mit einer lieblichen Flöte, Streichern und Chören inszenieren die fünf Schweden brutal genüsslich den „The Nightmare Of Being“ (Century Media Records/Sony). Denn das Leben im irdischen Jammertal gibt noch immer Anlass zu finstersten Gedanken. Eingehüllt in melodramatischen Black Metal und Prog Rock. Sehr stattlich.

Wie immer ist die Musik ein Fest, das Leben zu feiern. Doch nachdem die Welt durch die Pandemie über mehr als ein Jahr in einem Zustand einer Hypnose verharrte, geht es Amparo und ihrer Gruppe bei aller Ausgelassenheit darum, sich eigener Stärken bewusst zu werden. Positive Schwingungen können helfen, Ängste wie stressige Situationen zu überwinden

Gibt sich sehr selbstbewusst: Quinn Sullivan Quelle: Justin Borucki

Lassen wir mal unsere Ungläubigkeit – Was, der Junge ist erst 21? – nur für einen Moment beiseite: Ja, das ist er. Quinn Sullivan aus Massachusetts zeigt gleichermaßen Qualitäten – als Sänger wie als Gitarrist. Noch so jung, dabei schon so gut bei Stimme und an der Sechssaiter. Eine frühe Prägung soll nicht unerwähnt bleiben. Sein Vater Terry stellte Quinn, den gerade Achtjährigen, in seiner Heimatstadt New Bedford einem Könner des Blues vor: Buddy Guy. Nicht nur, dass Quinn mit ihm spielte, Buddy Guy blieb sein Mentor – bis heute. Auf „Wide Awake“ (Mascot/Provogue/Rough Trade) zeigt Quinn indessen ohne Mühe, dass er sich so gar nicht auf ein Genre festlegen lässt. Wir hören, zwar wo er her kommt. Doch er spielt mit Latino-Feeling in der Nähe von Carlos Santana, atmosphärische Rockstücke und er kann auch Pop, der seinen Weg in die Charts finden könnte. Vom feinen nuancenreichen Ton auf der Gitarre mal zu schweigen. Ach: Blues-Legende B.B. King ließ Quinn einst auf seiner „Lucille“ spielen. Was soll man sagen? Die Magie muss wohl übergesprungen sein.

Breite Schneise für Classic Rock: Red Machete Quelle: Michael Landl

Machtvoll geschwungen und mit scharfen Schnitten schlagen Red Machete sich auf ihrem zweiten Album „High Tension“ (Bleeding Star/Nova MD) ihre eigene Schneise durch den Dschungel. Der sich in diesem Fall Classic Rock nennt. Mit allem wilden Wucher, der sich so denken lässt. Wo Marco Hadzic, der Gitarrist mit schön angerauter, plötzlich ziemliche Höhen erklimmenden Kehle, Schlagzeuger Klaus Fischer und Bass-Mann Christoph Hanna auf ihrem hart rockenden Retro-Trip über Temporausch, Verlangen und dergleichen hinkommen, treffen sie auf Spuren ihrer vielzähligen Vorgänger. Erwartungsgemäß. Doch das Power-Trio aus Österreich marschiert auftrumpfend weiter. Das bringt Spaß.

Von Ralf Thürsam