Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Neues von Billy Bragg, Mala Oreen und Danny Bryant
Nachrichten Kultur

MAZ-Musiktipp: Neues von Billy Bragg, Mala Oreen und Danny Bryant

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:20 29.10.2021
Alltag und seine Tücken: Billy Bragg.
Alltag und seine Tücken: Billy Bragg. Quelle: Jill Furmanovsky
Anzeige
Potsdam

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Manchmal weiß man die Zeichen der Zeit einfach nicht richtig zu deuten. Oder Gesten, die kaum klarer sein können als dieser Wink mit dem Zaunpfahl. Von vertanen und damit ungenutzten Chancen weiß Billy Bragg so manches zu berichten wie der Titel seines jüngsten „The Million Things That Never Happened“ (Cooking Vinyl/Indigo) einleuchtend klar macht. Für Bragg, einst als wütende Ein-Mann-Punk-Band durch England unterwegs, um in der Regierungszeit von Margaret Thatcher streikende Bergarbeiter zu unterstützen, und inzwischen 62 Jahre alt, hat das Politische immer auch mit dem Privaten zu tun. Nur, dass die Wut des Mannes, der für den Sozialismus des Herzens einsteht, einer milderen, wenngleich nicht unkritischeren Welt-Sicht gewichen ist. Und er behält die Möglichkeiten einzelner und vieler klar im Auge. Selbst, wenn die Tage mitunter ganz langsam dahinkriechen. Bragg weiß, Freiheit ist nicht umsonst zu haben und will doch seine Liebste beschirmen wie ein Schild. Das Plattencover zeigt ihn im Profil – ein Riesenrad im Hintergrund. Doch nicht alles dreht sich im Kreis.

Auf der Suche nach Alternativen

Zuletzt haben Leah Blevins und Riddy Arman gehörig für Gänsehaut gesorgt. Emily Scott Robinson kann das auf „American Siren“ (Oh Boy/Thirty Tigers/Membran) ohne Mühe toppen. Dieser bergbachklare Sopran aus Telluride im US-Bundesstaat Colorado bringt einen um den Verstand. Zart, belebend und betörend – wie die wunderbar feinfühligen Geschichten der Sängerin. Falls der Thron einer Folk-Queen gerade verweist sein sollte – hier haben wir eine neue Anwärterin. Sehr zu Recht erscheint ihre Platte auf jenem Label, das einst die Songwriter-Legende John Prine (1946-2020) gegründet hat.

Anfangs war da nur diese kaum zu bändigende Wut. Die Pandemie zwang Danny Bryant in die Isolation. Am Ende fand sich der Gitarrist im Studio wieder, wo er live das Album „The Age To Suvive“ (Jazzhaus/Inakustik) einspielte. Ein Befreiungsschlag. Denn trotz Covid vermochte es der Brite, zwischen rohen, röhrenden Blues-Rockern weitere stilistische Facetten unterzubringen. Neben einem Instrumentalstück samt saftigen Bläsern gönnt sich der 41-Jährige akustische Momente und drückt nicht f ortlaufend auf die Tube. Der Lockdown trieb ihn an, hoch emotionale Stücke zu schreiben.

Skinny Lister lassen sich die Lebenslust nicht austreiben. Die Band aus London übt sich im Schulterschluss, hilft sich durch die Fährnisse des Lebens und stürzt sich in „A Matter of Life & Love“ (Xtra Mile Recordings) in die Liebe, in Tour-Abenteuer oder in die Kneipe gleich nebenan. Der Umtrunk inspiriert mitunter zu Songs, die wohl jeder nur allzu gern mit ihnen anstimmen würde. Der großartige Sechser findet zwischen Folk, Rock, Ska, Balladen und Pop zu offenkundigen Ähnlichkeiten mit den Madness. Bestens!

Nach dem famosen „Tooth & Nail“ (2013) hat der Songwriter endlich eine neue Platte im Studio eingespielt. Sieht man einmal von der Zusammenarbeit mit seinem amerikanischen Kollegen Joe Henry ab. Mit ihm verfolgte er für „Shine A Light: Field Recordings From The Great American Railroad“ ein besonderes Konzept: Beide reisten quer durch die USA. 4000 Kilometer in vier Tagen. An den Haltepunkten sangen sie – von den Mythen Amerikas, zu denen die Eisenbahn ja ohne Frage gehört.

Mit viel Zartgefühl: Mala Oreen Quelle: Promo

Sie hat sich für ihr Solo-Album „Awake“ (Tourbo Music) tief, ganz tief in den Folk Amerikas hinein geträumt: Mala Oreen. Denn genau dort schlägt das Herz der Musikerin aus Luzern, bei der sich überdies irische Klangfarben finden und eine Annäherung an Bluegrass. Die Plattensammlung der Mutter hat ihr sicher ein wenig auf den Weg geholfen. Wie die konzentrierte Arbeit an ihrer Stimme und das Spiel in verschiedenen Bands. Nun blickt sie hellwach in die Welt. Bietet mit Gitarre, Geige oder Mandoline zwischen Munterkeit und Melancholie zehn Lieder, die wahrhaft akustische Leckerbissen sind. Eine Entdeckung!

Gruselzeug gehört unbedingt dazu: Lucifer. Quelle: Promo

Wer Lucifer sagt, der wird Carrie treffen. Das zumindest ist mit der neuesten Veröffentlichung der inzwischen in Stockholm ansässigen doomigen Hardrock-Kapelle versprochen. Für Sängerin Johanna Sadonis, die mancher noch von The Oath in Erinnerung haben könnte, ist der Schocker von Brian De Palma schlicht ein Klassiker – und die Anregung für den Song „Bring Me His Head“. Die aktuelle Scheibe „IV“ (Century Media/Sony) strotzt daher nur so vor Kraft, Lärm und fürchterlichen Geschichten über Erzengel des Todes, Scheiterhaufen und Leute, die kalt wie ein Grabstein sind.

 

Ihm läuft die Zeit nicht davon: Joe Bonamassa. Quelle: Eleanor Jane

Wie die Zeit vergeht. Das spürt auch Joe Bonamassa und steigt mit einem beseelten Solo in sein neues Album „Time Clocks“ (Provogue/Mascot/Rough Trade) ein. Und packt orientalische Perkussion und eine – immer noch exotische Sitar hinzu – bis das Stück „Pilgrimage“ sein Riff offenbart und Fahrt aufnimmt. Bonamassa hat schon überall gespielt und manche Kollegin ermuntert. Zuletzt Joanne Shaw Taylor aus England.

Noch mehr Rock

Die wilde Fahrt geht weiter: Running Wild gibt es mit Pausen seit 1976. Trotz ihres beträchtlichen Dienstalters hält Kapitän Rock N’Rolf seinen Metal-Kreuzer auf Kurs. „Blood On Blood“ (Steamhammer/SPV) wurde eine Kaperfahrt mit böllernden Kanonen.

Von Hamburg nach Stuttgart: Dort residieren Helldrifter, die das Hohe Lied auf „Lord Of Damnation“ (Blood Blast Distribution) anstimmen. Die Flammen lodern hoch, wenn der Herr der Verdammnis erscheint. Ein feines Inferno aus Death und Trash.

Vom Leibhaftigen zur Hexenkapelle aus Nordschweden: Angeführt von Oraklet nehmen die Schwarzmetaller von Häxkapell auf „Eldhymner“ (Nordvis/Rough Trade) ein ganz heißes Eisen zur Hand. Es geht um eine Ur-Macht – das Feuer. Vernichtend, alles verzehrend und erneuernd.

Die irisch-französische Kooperation Molybaron bietet auf „The Mutiny“ (Inside Out Music/Sony) fachkundige Metall-Konstruktionen: Mal kommt der Zweitling mit mehr Groove daher, mal mit brutalem Trash, mal mit größenwahnsinnigem Stadion-Rock. Als Gast dabei: Whitfield Crane. Kennen wir von Ugly Kid Joe oder Life Of Agony. Effektvoll.

Frisch aus dem Stahlwerk: Hinter Entropic Awakening „Epilogue“ (Eigenvertrieb) steckt ein kluger Kopf. Beinahe im Alleingang hat Delirium dieses düstere Werk gehämmert. Dieser Anonymus aus Norwegen lieh sich nur noch Gästestimmen, die die finster-metallischen Klüfte vertiefen. Hilfe gab es zudem beim Artwork.

Wie war das noch? Alles eine undefinierte Ur-Suppe und doch sowas von schmackhaft für Rockfans: Die jetzt vorgelegte Kollektion „Brown Acid – The Thirteenth Trip“ (Riding Easy Records) wirft ein Schlaglicht auf jene Zeit, in der es Rock mit absonderlichen Auswüchsen und Verlängerungen gab. Und Namen, die zwar Schall, für viele aber Rauch sind. Zur Wiederentdeckung freigegeben. Metal, Space-Rock oder Stoner sollten folgen.

Seine Pilgerfahrt indes hat allerdings immer nur diese eine Mission. Der Mann aus Amerika bleibt dem Blues verbunden. Mit Haut und Knochen. Bis auf die blutigen Füße, die sich wohl jeder Pilger auf seiner Reise holt. Ach, dass er nebenbei und nicht nur einmal Led Zeppelin ehrt und Bonamassa den Pop-Rock-Song samt großem Chor wagt, sei genauso erwähnt wie seine Ausflüge zum Soul, zu Balladen und etwas irischem Folk-Flair macht eines ganz deutlich: Der Mittvierziger weiß seine Zeit zu nutzen.

Von Ralf Thürsam